Gu­te Freun­de kann nie­mand tren­nen

Zu­letzt hat die Be­zie­hung zwi­schen Oli­ver Bier­hoff und Joa­chim Löw aber Ris­se be­kom­men. Früh warn­te der Te­am­ma­na­ger den Bun­des­trai­ner – ver­geb­lich

Illertisser Zeitung - - Wm 2018 - (dpa)

Das DFB-Quar­tier in Wa­tu­tin­ki wird ein Fa­nal für das miss­ra­te­ne deut­sche WM-Un­ter­neh­men blei­ben. Die­se Un­ter­kunft, der Joa­chim Löw schon beim Be­zug „den Charme ei­ner gu­ten, schö­nen Sport­schu­le“zu­schrieb. Der „Un­geist von Wa­tu­tin­ki“of­fen­bart auch die Dis­har­mo­ni­en zwi­schen Löw und Kom­pa­gnon Oli­ver Bier­hoff, die in der Quar­tier­fra­ge schon lan­ge vor dem WM-De­sas­ter über Kreuz la­gen. Ha­ben sie als Duo noch ei­ne ge­mein­sa­men DFB-Zu­kunft?

Hin­ter­fra­gen müs­sen sich bei­de, be­son­ders der Bun­des­trai­ner, aber ganz ge­wiss auch der Te­am­ma­na­ger. Bei Fra­gen zum Quar­tier war Bier­hoffs Ge­müts­zu­stand vom An­fang in Süd­ti­rol am 23. Mai bis zum End­punkt in Ka­san stets am bes­ten ab­zu­schät­zen. Selbst bei der An­kunft in Frank­furt war das noch so. „Wenn Wa­tu­tin­ki ein Pro­blem sein soll­te, dann ist das wah­re Pro­blem, dass es ein Pro­blem ist“, be­fand Bier­hoff. In Sot­schi sag­te er mal recht un­ent­spannt: „Ich ge­he da­mit ent­spannt um.“

Löw und Bier­hoff. Zwei Män­ner, die viel be­wegt ha­ben beim Na­tio­nal­team. Sie ver­ant­wor­ten ei­ne gro­ße Ver­gan­gen­heit und ei­ne miss­glück­te Ge­gen­wart. Bier­hoff will sich von „ei­nem Miss­er­folg“nicht al­les zer­re­den las­sen. „Es än­dert nichts an dem, was die Spie­ler, Trai­ner und auch ich in den letz­ten 14 Jah­ren ge­leis­tet ha­ben.“

Bier­hoff und Löw ka­men nach dem EM-Vor­run­den-Aus 2004 ge­mein­sam mit Re­for­mer Jür­gen Klins­mann zum DFB. Bier­hoff ist der ers­te Na­tio­nal­mann­schafts-Ma­na­ger in der Ver­bands­ge­schich­te. Sie ha­ben ge­mein­sam Rück­schlä­ge er­lebt und über­stan­den. Aber das Ver­hält­nis hat sich in der Au­ßen­an­sicht ver­än­dert. Löw, der Ent­rück­te. Bier­hoff, der ein­sa­me Mah­ner, der Ver­mark­ter, der Vi­sio­när.

Der in­zwi­schen 50-Jäh­ri­ge hat sich je­den­falls an­ders ent­wi­ckelt als Löw. Bier­hoff ist in­zwi­schen DFBDi­rek­tor, ei­ne Art Su­per­mi­nis­ter im welt­größ­ten Fuß­ball­ver­band. Über 100 Mit­ar­bei­ter, Mil­lio­nen­e­tat, ein Macht- und Kraft­zen­trum in der Frank­fur­ter Ver­bands­zen­tra­le. Sein Ein­fluss wuchs, sein Ver­trag wur­de von DFB-Prä­si­dent Rein­hard Gr­in­del vor der WM so­gar bis 2024 ver­län­gert (Löw 2022).

Sein Denk­mal schafft sich Bier­hoff ge­ra­de: Die über 150 Mil­lio­nen Eu­ro teu­re DFB-Aka­de­mie in Frank­furt. Ein Thinktank, der Fuß­ball „Ma­de in Ger­ma­ny“in der Welt­spit­ze hal­ten oder nach der WM in Russ­land wie­der da­hin zu­rück­brin­gen soll. „Die Aka­de­mie un­ter Lei­tung von Oli­ver Bier­hoff ein ganz wich­ti­ges In­stru­ment, um bes­ser zu wer­den“, sag­te Ver­bands­chef Gr­in­del nach dem WM-Aus.

„Wir brau­chen den nächs­ten Mas­ter­plan“, sag­te Bier­hoff schon im März. Er warn­te lan­ge im Vor­aus als Ers­ter vor dem Welt­meis­ter­fluch, den das DFB-Team nach Frank­reich 2002, Ita­li­en 2010 und Spa­ni­en 2014 dann mit dem Vor­run­den-Aus in Russ­land fort­schrieb.

Mit sei­nem Spie­ler-Gen er­kann­te der ehe­ma­li­ge Ka­pi­tän früh Fehl­ent­wick­lun­gen. Stop­pen konn­te er sie nicht, auch Bier­hoff drang wohl zu Löw nicht mehr wie frü­her durch. Da­bei er­leb­te er als Na­tio­nal­spie­ler 1998 die letz­ten Ta­ge von Ber­ti Vogts als Bun­des­trai­ner haut­nah mit, eben­falls den Na­tio­nal­team-Zer­fall bei der EM 2000 in Belgien und Hol­land. Er hat die Nationalmannschaft zu ei­ner Marke sti­li­siert. Er ver­ant­wor­tet aber zu­gleich die Ent­frem­dung zur Ba­sis. Fans sind zu Kun­den ge­wor­den, in der Vor­be­rei­tung in Süd­ti­rol durf­ten sie kein Trai­ning be­su­chen. Mar­ke­ting, PR-Slo­gans („Die Mann­schaft“, „#zs­mmn“, „Best ne­ver rest“) – das DFBRaum­schiff hat den Kon­takt zur Er­de ver­lo­ren. In der Er­do­gan-Afist fä­re um Özil und Gün­do­gan ver­sag­ten al­le.

„Wir müs­sen ge­wis­se Ve­rän­de­run­gen vor­neh­men“, sag­te Bier­hoff nun. Ver­bands­chef Rein­hard Gr­in­del hat dem Ma­na­ger die Tur­nier-Ana­ly­se auf­ge­tra­gen. „Knall­hart“will Bier­hoff bei der Au­f­ar­bei­tung vor­ge­hen. Er selbst sitzt fest im Sat­tel. In 14 Jah­ren muss­te er noch kei­nen Trai­ner­wech­sel voll­zie­hen oder mo­de­rie­ren. Als As­sis­tent Löw 2006 zum Bun­des­trai­ner be­för­dert wur­de, war das da­mals noch Klins­manns letz­te Amts­hand­lung.

Wenn es denn stimmt, dass es der letz­te Ein­druck ist, der blei­ben­den Ein­druck hin­ter­lässt, hat sich Mos­kau noch mal ganz schön ins Zeug ge­legt. Hat sich von sei­ner schöns­ten Sei­te ge­zeigt – und ne­ben­bei ei­ni­ge Vor­ur­tei­le be­stä­tigt.

Au­gen­schein­lich ist, dass im Ho­te­lund Gast­stät­ten­ge­wer­be den Per­so­nal­kos­ten eher ein un­ter­ge­ord­ne­ter Wert bei­ge­mes­sen wird. An­ders ist kaum zu er­klä­ren, dass sich Kn­ei­pen und Bet­ten­bur­gen zwar zahl­rei­che An­ge­stell­te leis­ten, es aber wohl sel­ten ei­ne ge­naue Tä­tig­keits­be­schrei­bung für sie gibt, wes­halb sie oft die Mög­lich­keit ha­ben, sich im Mü­ßig­gang zu üben. Zwei­fels­frei ein ge­winn­brin­gen­der Zeit­ver­treib. Und da er wohl den meis­ten Rus­sen nicht fremd ist, be­klagt sich auch kaum ei­ner über War­te­zei­ten, die in Deutsch­land un­ter dem Schlag­wort „Ser­vice­wüs­te“zu­sam­men­ge­fasst wer­den.

Da der Kaf­fee­au­to­mat am Mor­gen kein Kof­f­e­in aus­spu­cken will, wird ei­ne Ser­vice­kraft ge­fragt, wann und ob denn wie­der mit der kaf­fee­ähn­li­chen Flüs­sig­keit zu rech­nen sei, die die­ses Ge­rät ja durch­aus im Stan­de sein soll zu­zu­be­rei­ten. „No cof­fee.“Viel­leicht gibt es ja ei­nen an­de­ren Au­to­ma­ten? „No cof­fee.“

Weil nör­geln­de deut­sche Jour­na­lis­ten ne­ben Mund­ge­ruch und Ka­ter zu den un­lieb­sams­ten Er­schei­nun­gen am Mor­gen zäh­len, wer­den schließ­lich doch noch wei­te­re An­ge­stell­te gerufen. Die erst mal nichts ma­chen. Bis ei­nem der Ge­dan­ke kommt, ei­nen an­de­ren Au­to­ma­ten hin­zu­stel­len. Er macht das al­lei­ne. Sechs schau­en zu. Er schließt ihn auch al­lei­ne an. Sechs schau­en zu. Der Kaf­fee läuft.

Ge­nau­so wie der La­da Ka­li­na der Re­por­ter. Ein letz­tes Mal noch nach Wa­tu­tin­ki. Ka­ta­stro­phen­jour­na­lis­mus. Schau­en, wie das deut­sche La­ger ab­ge­baut wird. Zu­rück im Ho­tel, am Hin­ter­ein­gang rein, vor­bei am „Re­zep­tio­nis­ten“, der

Fo­to: Andre­as Ge­bert, dpa

Hin­ter Oli­ver Bier­hoff (links) und Joa­chim Löw lie­gen Jah­re des Er­folgs. Nach dem über­ra­schend frü­hen WM Aus ste­hen die bei­den vor ei­nem Scher­ben­hau­fen.

Fo­to: time

Auf dem rus­si­schen Weg der Er­kennt­nis: Til­mann Mehl.

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