Vi­deo­be­weis: 99,3 Pro­zent rich­ti­ge Ent­schei­dun­gen

Illertisser Zeitung - - Fußball-wm 2018 | Sport - (dpa)

Die WM-Pre­mie­re des Vi­deo­be­wei­ses hat die An­zahl der Fehl­ent­schei­dun­gen nach An­ga­ben der Fifa ge­senkt. Oh­ne das Ein­schrei­ten der Vi­deo-As­sis­ten­ten hät­te es bei strit­ti­gen Sze­nen wäh­rend der Vor­run­de 95 Pro­zent kor­rek­te Ent­schei­dun­gen ge­ge­ben. Durch die An­wen­dung des Vi­deo­be­wei­ses sei die­se Quote auf 99,3 Pro­zent ge­stie­gen, sag­te Pier­lu­i­gi Col­li­na als Chef der Fifa-Schieds­rich­ter­kom­mis­si­on. Es sei­en wäh­rend der 48 Grup­pen­spie­le ins­ge­samt 17 Vor­fäl­le als of­fi­zi­el­ler Vi­deo­be­weis un­ter­sucht wor­den, 14 Ent­schei­dun­gen wur­den da­bei ge­än­dert. Ins­ge­samt gab es 335 strit­ti­ge Sze­nen, die die Vi­deo-As­sis­ten­ten über­prüf­ten. Die Viel­zahl die­ser Vor­fäl­le wur­de durch so­ge­nann­te stil­le Über­prü­fun­gen ge­klärt. Die Vi­deo-As­sis­ten­ten sind da­bei in Funk­kon­takt zum Schiedsrichter auf dem Platz.

„Fuß­ball ist ein schmut­zi­ger Sport“, wü­te­te Michael Pe­tro­vic vor ein paar Jah­ren auf ei­ner Pres­se­kon­fe­renz in Saita­ma am Ran­de To­kios. Be­vor der Ser­be mit ös­ter­rei­chi­schem Pass nach Ja­pan ge­kom­men war, ha­be er so et­was nicht er­lebt. „Hier ist es egal, ob es um al­les geht oder um nichts. Es wird im­mer gleich ge­spielt.“Ge­ra­de hat­ten sei­ne Ura­wa Red Dia­monds am letz­ten Spiel­tag, schein­bar oh­ne To­des­kampf, die ja­pa­ni­sche Meis­ter­schaft ver­spielt. Vor ver­sam­mel­ter ja­pa­ni­scher Pres­se er­klär­te Pe­tro­vic mit bit­te­rer Mie­ne sei­ne Vor­stel­lung von Fuß­ball: „Manch­mal musst du drei Ro­te Kar­ten be­kom­men, da­mit du am En­de ge­winnst.“

Bei der WM in Russ­land hat den Ja­pa­nern nun das Ge­gen­teil die­ser eher gro­ben Phi­lo­so­phie ge­hol­fen. Als die Mann­schaft am Don­ners­tag mit 0:1 ge­gen Po­len ver­lor, zeit­gleich Ko­lum­bi­en 1:0 ge­gen Senegal ge­wann, stan­den Ja­pan und Senegal mit vier Punk­ten, 3:3 To­ren und ei­nem Un­ent­schie­den im di­rek­ten Ver­gleich ge­gen­ein­an­der da. Al­so ent­schied die Fair-Play-Wer­tung, in der Ja­pan mit vier Gel­ben Kar­ten zwei Ver­war­nun­gen we­ni­ger kas­siert hat­te als Senegal. Erst­mals in der WM-Ge­schich­te zog ei­ne Mann­schaft dank sei­ner fai­ren Spiel­wei­se ins Ach­tel­fi­na­le ein.

Dass aus­ge­rech­net Ja­pan die­ses No­vum be­grün­det, ist kein Zu­fall. Kaum ein Land der Welt lehnt das Ver­ständ­nis von Fuß­ball als schmut­zi­gem Sport stär­ker ab. In Ja­pan ist man stolz dar­auf, nicht nur auf das End­re­sul­tat zu ach­ten, son­dern auch auf den Weg dort­hin.

Die­se „ja­pa­ni­sche Art“, wie sie Pa­trio­ten ger­ne nen­nen, be­trach­tet Re­geln nicht als et­was, das man aus­rei­zen und not­falls über­schrei­ten soll­te, eher als al­ler­letz­te, mah­nen­de Gren­ze des Mög­li­chen. Bö­se Fouls sind in Spie­len zwi­schen ja­pa­ni­schen Mann­schaf­ten fast nicht zu se­hen, wie aus­län­di­sche Trai­ner in der J-Le­ague im­mer wie­der er­staunt fest­stel­len. Auch beim Schiedsrichter wird nicht re­kla­miert, die Pres­se dis­ku­tiert des­sen Leis­tun­gen nicht.

In Ja­pan rümpf­te man die­ser Ta­ge die Na­se über den Bra­si­lia­ner Ney­mar, der bei je­dem Kör­per­kon­takt gleich zu Bo­den fiel und sei­ne Ge­gen­spie­ler wie Schlach­ter aus­se­hen ließ. In der zu­rück­hal­ten­den, höf­li­chen ja­pa­ni­schen Ge­sell­schaft funk­tio­niert Fuß­ball an­ders.

Al­ler­dings wa­ren es zu­letzt nicht mehr nur Aus­län­der, die sich an die­sem Stil stie­ßen. Mit Fair Play ge­win­ne man doch kei­ne Ti­tel, man müs­se sich auch durch­set­zen kön­nen, hieß es ver­mehrt in der Öf­fent­lich­keit. Schließ­lich kam die ja­pa­ni­sche Nationalmannschaft, ob­wohl mit Leis­tungs­trä­gern eu­ro­päi­scher Top­klubs be­stückt, bei ei­ner WM noch nie über ein Ach­tel­fi­na­le hin­aus. Dass die „Sa­mu­rai Blue“nun aus­ge­rech­net dank Fair­play mit der Best­leis­tung vo­ri­ger Tur­nie­re zu­min­dest gleich­zie­hen konn­ten, kön­nen sich die Pu­ris­ten im Land end­lich ein­mal im Recht se­hen.

Beim letz­ten Grup­pen­spiel fan­den die Ja­pa­ner al­ler­dings ei­ne eher frag­wür­di­ge In­ter­pre­ta­ti­on von Fair­play. Als die Spie­ler auf dem Platz kurz vor Schluss er­fah­ren hat­ten, dass ih­re 0:1-Nie­der­la­ge zum Wei­ter­kom­men ge­nü­gen wür­de, wur­de der Ball nur noch in den ei­ge­nen Rei­hen hin- und her­ge­scho­ben. Der Trai­ner Aki­ra Nis­hi­no hat­te des­halb auch Ge­wis­sens­bis­se. Sei­ne An­wei­sung, den Fuß vom Gas zu neh­men, be­zeich­ne­te er spä­ter als „be­dau­er­lich. Es fühlt sich so an, als hät­te ich ei­ne Ent­schei­dung ge­gen mein Ge­wis­sen ge­trof­fen.“

Fo­to: Im­a­go

Es ist ein sel­te­nes Bild, wenn Ja­pa­ner Gelb ge­zeigt be­kom­men.

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