Mit Gr­a­bes­stim­men

Der gro­ße ös­ter­rei­chi­sche Au­tor schreibt über die To­ten ei­ner Kle­in­stadt – und ver­dich­tet das Le­ben

Illertisser Zeitung - - Feuilleton - VON STE­FA­NIE WIRSCHING New York Ti­mes

Selbst die To­ten sind noch an Ge­bo­te ge­bun­den. „Jetzt weiß ich, wie es ist. Aber ich er­zäh­le nichts. Es ist ver­bo­ten, vom Tod zu er­zäh­len“, raunt An­ne­lie Lor­beer aus dem Gr­a­be und kann dann aber doch nicht an­ders, muss zu­min­dest ein we­nig ver­ra­ten, da doch of­fen­bar je­mand lauscht. „Je­den­falls hat mich nie­mand ge­holt. Ich bin ein­fach aus dem Le­ben ge­fal­len. Ge­nau­so wie man ins Le­ben hin­ein­fällt, so fällt man auch wie­der her­aus.“

Her­aus­ge­fal­len. Wer in Paul­stadt aus dem Le­ben fällt, lan­det auf dem Feld, frü­her ein „nutz­lo­ser Fle­cken“, der nicht mal als Wei­de fürs Vieh taug­te, nun der Fried­hof der klei­nen Stadt. Die To­ten, sie brau­chen ja nichts mehr! Und in Ro­bert Seet­ha­lers Ro­man „Das Feld“scheint es ih­nen dort, wo sie nun seit ih­rem Le­bens­en­de lie­gen, auch recht an­ge­nehm. Kein Ze­tern, kein Schrei­en! Man er­zählt statt­des­sen recht ge­las­sen aus sei­nem Le­ben, auch wenn all die Wor­te an die Le­ben­den ver­schenkt sind – die­se tau­ben To­ren!

Es muss schon ei­ner wie Ro­bert Seet­ha­ler, 52, kom­men, der ös­ter­rei­chi­sche Meis­ter­chro­nist, um die­se Gr­a­bes­stim­men zu ver­neh­men. Ei­ner, der sich tief ins Mensch­sein ein­fühlt, auch die lei­sen Tö­ne hört wie schon in sei­nem Best­sel­ler „Ein gan­zes Le­ben“, als er in kar­ger Schön­heit vom klei­nen Glück und gro­ßen Un­glück des ein­fa­chen Berg­dörf­lers An­dre­as Eg­ger er­zähl­te. Der la­ko­ni­sche Ton ist ge­blie­ben. Das Schnör­kel­lo­se, Schlich­te, oft auch Sanf­te. In sei­nem neu­en Ro­man aber ver­dich­tet Seet­ha­ler noch mehr, re­du­ziert das Le­ben auf sei­ne Es­senz. Und sei es auch – wie im Fal­le der Ta­bak­la­den­be­sit­ze­rin So­phie Breu­er – auf ein ein­zi­ges Wort: „Idio­ten“.

29 To­te lässt er er­zäh­len, zeich­net so ein Por­trät der Kle­in­stadt. Den wahn­sin­nig ge­wor­de­nen Pfar­rer, der sich und die Kir­che in Brand setzt, den Spiel­süch­ti­gen, der auch die Lie­be ver­liert, dem ara­bi­schen Ge­mü­se­händ­ler, die Ver­trie­be­ne, der Schuh­la­den­ver­käu­fe­rin, die Stadt­schön­heit, die Leh­re­rin… Man kann­te sich. Nun lie­gen sie in ih­rem Gr­ab, hal­ten lan­ge Re­den, wis­pern nur we­ni­ge Wor­te.

Aber, wie schön für den Le­ser, die To­ten schwät­zen nicht! Sie er­zäh­len mit Ge­halt. Der Paul­städ­ter Zei­tungs­mann da­von, wie er sich ein­mal ei­ne Aus­ga­be der be­stell­te, um dann fest­zu­stel­len: „Die Ame­ri­ka­ner wa­ren gut, aber sie wa­ren nicht bes­ser als ich. Die Ta­ten der Men­schen blei­ben die­sel­ben. Was sich un­ter­schei­det, ist bloß ih­re Wir­kung. Und auch die re­la­ti­viert sich mit der Zeit.“Der Post­bo­te fährt mit dem Rad noch ein­mal sei­ne Rou­te ab, reiht Ge­dan­ken­fet­zen an­ein­an­der: „Durch die of­fe­nen Fens­ter, an der Wä­sche vor­bei, at­men die Häu­ser Res­te der Nacht aus. Dar­un­ter lie­gen die aus­ge­schüt­tel­ten Träu­me im Gras. Wer hat das ge­sagt? Du selbst? Kaum zu glau­ben.“Ein Va­ter will dem Sohn noch ein letz­tes Mal ra­ten: Das Haus soll er strei­chen, im Kel­ler nach ei­ner Kas­set­te su­chen, sich aber kei­ne Mü­he ma­chen, die rich­ti­ge Frau zu fin­den. „Es gibt sie nicht. Im­mer­hin kannst du ver­su­chen, in der fal­schen so viel Rich­ti­ges zu fin­den, dass es Spaß macht.“Ei­ne Frau schwärmt von ih­rem di­cken Ge­lieb­ten: „Dich lie­ben, dann ne­ben dir lie­gen, im Bett, im Gras, im Schnee. Das war al­les.“

29 Stim­men, die sich zum Chor ver­ei­nen, 29 Mal Seet­ha­ler’sche Kunst, manch­mal et­was schwer be­la­den mit Ge­füh­lig­keit, meist aber von schlich­ter Schön­heit. Wenn die Le­ben­den nur häu­fi­ger sol­che Sät­ze sa­gen wür­den. Ein Bei­spiel noch, K.P.Lin­dow spricht über das Al­tern: „Ganz un­merk­lich ver­wan­delt sich die Sehn­sucht nach den ers­ten Ma­len in die Hoff­nung auf die letz­ten.“ » Han­ser, 239 Sei­ten, 22 Eu­ro Li­te­ra­tur vom Fried­hof: Zwei der wich­tigs­ten Ro­ma­ne des Jah­res las­sen die To­ten spre­chen

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