„Gr­in­dels Ver­hal­ten ist schlimm“

Der Ka­ba­ret­tist Al­fons ali­as Em­ma­nu­el Pe­ter­fal­vi ist Fran­zo­se und hat seit kur­zem ei­nen deut­schen Pass. Das Kri­sen­ma­nage­ment des DFB sieht er kri­tisch – und of­fen­bart sei­nen ei­ge­nen Blick auf die fran­zö­si­sche Elf

Illertisser Zeitung - - Wm 2018 - Rein­hard Gr­in­del . . . War­um ge­ra­de der? In­ter­view: Ro­land Wie­de­mann

Frank­reich im WM-Fi­na­le – ich gra­tu­lie­re, Mon­sieur Pe­ter­fal­vi!

Oh, vie­len Dank. Aber ich ha­be we­nig da­für ge­tan – ei­gent­lich gar nichts. Ehr­lich ge­sagt sind Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaf­ten nor­ma­ler­wei­se nicht so mein Ding. Dies­mal soll­te das ei­gent­lich an­ders sein. Sie müs­sen wis­sen, dass ich seit No­vem­ber auch ei­nen deut­schen Pass ha­be. Da dach­te ich mir: Toll, dies­mal trittst du als am­tie­ren­der Welt­meis­ter an. Ich ha­be mir so­gar ex­tra ein Deutsch­land-Tri­kot be­sorgt. Ich war dann froh, dass es in eu­ren Ge­schäf­ten das 14-tä­gi­ge Rück­ga­be­recht gibt.

Dann sind Sie da­für ver­ant­wort­lich, dass die DFB-Elf so kläg­lich aus­ge­schie­den ist – Sie ha­ben der deut­schen Mann­schaft Pech ge­bracht.

Ihr habt doch schon Özil als Sün­den­bock ge­fun­den. Ein Fo­to mit ei­nem Dik­ta­tor und schon schei­det eu­re Mann­schaft aus – das sind nicht mehr die Deut­schen von frü­her. Ganz schlimm ist das Ver­hal­ten von die­sem Mann an der Spit­ze des deut­schen Fuß­ball­ver­ban­des, des­sen Na­men nie­mand kennt . . .

...genau der. Und da­zu Bier­hoff – von ganz groß auf ganz klein. Al­le ha­ben wir schon mal Stamm­tisch­pa­ro­len ge­macht – aber mit ein paar Bier im Bauch. Bier­hoff und die­ser Gr­in­del sind mit dar­an schuld, dass das Gan­ze zu­neh­mend ei­ne ras­sis­ti­sche No­te be­kommt. Das passt gut in die Zeit – al­le spie­len ver­rückt. Da­bei gibt es ei­ne ein­fa­che Er­klä­rung für das Aus­schei­den der deut­schen Mann­schaft: Sie hat schlecht ge­spielt.

Hat Deutsch­land das Ver­lie­ren ver­lernt? Ge­hen die Fran­zo­sen an­ders mit Nie­der­la­gen um?

Wenn wir ver­lie­ren, dann sind wir zu­tiefst trau­rig – aber nur zehn Mi­nu­ten lang. Die Fran­zo­sen lie­ben so­gar Ver­lie­rer. Ich nen­ne Ih­nen ein Bei­spiel: Ray­mond Poul­i­dor ist der Rad­renn­fah­rer, der in Frank­reich am meis­ten ver­ehrt wird – da­bei hat er kein ein­zi­ges Mal die Tour de Fran­ce ge­won­nen. Er ist im­mer Zwei­ter oder Drit­ter ge­wor­den und ist trotz­dem po­pu­lä­rer als der fünf­fa­che Tour-Sie­ger Jac­ques An­que­til. Es gibt nur ei­nen Tour de Fran­ceSie­ger, der rich­tig ver­ehrt wird, je­ner von 1904.

Weil her­aus­ge­kom­men ist, dass er Tei­le der Etap­pen mit dem Zug ge­fah­ren ist... Die Deut­schen ste­hen auf Ge­win­ner, auf Ef­fi­zi­enz und Qua­li­tät, die Fran­zo­sen auf ver­letz­te Ty­pen – wie Gé­r­ard De­par­dieu, der be­sof­fen ins Flug­zeug pisst und nach Russ­land ab­haut. Was vie­le Deut­sche nicht wis­sen: Die Fran­zo­sen sind In­di­vi­dua­lis­ten. Je­der kämpft für sich. Aber jetzt ge­ra­de herrscht wirk­lich ei­ne tol­le Stim­mung im gan­zen Land, was man sonst nicht so kennt. Al­le ste­hen zu­sam­men – so wie bei der Welt­meis­ter­schaft 1998. Oder wie nach dem An­schlag auf Char­lie Heb­do. An­schei­nend brau­chen wir Idio­ten, um so­li­da­risch zu wer­den – ent­we­der Ter­ro­ris­ten oder Fi­fa-Funk­tio­nä­re. Als Frank­reich 1998 Welt­meis­ter wur­de, war das auch das ers­te Mal, dass die Leu­te es rich­tig su­per fan­den, zu ge­win­nen.

Der heu­ti­ge Trai­ner Di­dier De­schamps war ei­ner der Hel­den von da­mals. Und un­ter ihm als Trai­ner hat die fran­zö­si­sche Mann­schaft nach dem Tief­punkt bei der WM 2010 wie­der an An­se­hen ge­won­nen. Wir er­in­nern uns noch an die Meu­te­rei im Te­am­quar­tier in Süd­afri­ka.

Die WM 2010 – das war schon ein ech­ter Mar­ke­ting-Coup der fran­zö­si­schen Mann­schaft. Sie hat in Süd­afri­ka all das ge­zeigt, wo­für Frank­reich steht und be­kannt ist: Pro­test, Re­vo­lu­ti­on und Streik – wirk­lich su­per. Di­dier De­schamps ist als Teil und Kopf des Welt­meis­ter­teams von 1998 ei­ne le­ben­de Le­gen­de. Und wenn er jetzt als Trai­ner den Welt­meis­ter­ti­tel holt, dann wird er wohl Ma­cron ab­lö­sen und nächs­ter Pré­si­dent.

De­schamps und Ma­cron statt Löw und Mer­kel – vie­le Deut­sche bli­cken der­zeit vol­ler Neid auf die fran­zö­si­schen Füh­rungs­kräf­te in Fuß­ball und Po­li­tik.

Al­so, den Ma­cron könnt Ihr ger­ne ha­ben. Die Fran­zo­sen wä­ren froh, wenn der weg wä­re. Er gibt Mil­li­ar­den für die rei­chen Leu­te aus und sagt dann, tut mir leid, wir kön­nen doch nicht an die Ar­men noch mehr Geld ver­tei­len. Ich ha­be mir das Halb­fi­na­le ge­gen Bel­gi­en in ei­ner Bar in Süd­frank­reich an­ge­schaut. Im­mer wenn Ma­cron im Bild war, ha­ben ihn die Leu­te in der Bar aus­ge­buht. Der Bild­re­gis­seur hat das of­fen­sicht­lich ge­ahnt. Ma­cron ist nicht so oft ge­zeigt wor­den.

Viel­leicht än­dert sich das, wenn Frank­reich am Sonn­tag den WM-Ti­tel ge­win­nen soll­te. Wie se­hen Sie die Chan­cen Frank­reichs ge­gen Kroa­ti­en?

Sehr, sehr gut. Ei­ne WM in ei­nem so kor­rup­ten Land wie Russ­land – da sind die Fran­zo­sen in ih­rem Ele­ment, das tut ih­nen gut. Und wenn es dies­mal doch nicht klap­pen soll­te, dann auf je­den Fall 2022 in Ka­tar. Dort gibt es noch mehr Kor­rup­ti­on.

Und sonst? Sel­ten wur­de bei ei­ner WM der­art hart zu­ge­langt. Ef­fi­zi­enz ist ge­fragt. Für Kunst ist kein Platz mehr. Auch die größ­ten Fuß­ball­göt­ter schrump­fen in die­ser Ge­men­ge­la­ge auf ir­di­sches For­mat.

Das führt zu Ney­mar, der mit der vier­fa­chen Ney­mar-Rol­le ein neu­es Ele­ment im Er­schlei­chen von Frei­stö­ßen prä­sen­tier­te. Hat nicht für das Fi­na­le ge­reicht. Dort ste­hen am Sonn­tag die bei­den Mann­schaf­ten, die für un­ter­schied­li­che We­ge zum Er­folg ste­hen. Hier die lu­xu­ri­ös aus­ge­stat­te­ten Fran­zo­sen mit ih­rer Qua­li­tät, Küh­le und Ef­fi­zi­enz – dort die lei­den­schaft­li­chen Kroa­ten, die mit dem Geist des Au­ßen­sei­ters re­gel­mä­ßig über sich hin­aus­wach­sen.

Das ver­spricht ein gro­ßes Fi­na­le, dem an­dern­tags in vie­len WMKöp­fen ei­ne furcht­ba­re Lee­re fol­gen wird? Man könn­te sie mit Gar­ten und Hund fül­len. Dar­über hin­aus gilt für die Welt­meis­ter­schaft, was auch für Weih­nach­ten gilt. Nach der WM ist vor der WM. Das Wun­der­ba­re am Fi­na­le in Ka­tar: Wer 2022 sei­nen Christ­baum am 18. De­zem­ber auf­stellt, kann ne­ben­bei End­spiel schau­en.

Fo­to: Jens Ka­lae­ne, dpa

Der fran­zö­si­sche Ka­ba­ret­tist Em­ma­nu­el Pe­ter­fal­vi lebt seit über 25 Jah­ren in Deutsch­land. Im Fi­na­le glaubt er an Frank­reich.

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