Illertisser Zeitung

Heimweh war stärker als der Goldene Westen

Lebensgesc­hichte Kreszentia Haug aus Vöhringen hat Ende des 19. Jahrhunder­ts jeden Pfennig gespart für ein Ticket in die sogenannte Neue Welt. Doch dort angekommen machte sich schnell Ernüchteru­ng breit

- VON URSULA KATHARINA BALKEN

Vöhringen Walter Nothelfer ist ein wandelndes Lexikon. Alles, was mit Vergangene­m zu tun hat, interessie­rt ihn, ob es sich dabei um die große Weltgeschi­chte handelt oder um die Historie seines Geburtsort­es Vöhringen. Er war maßgeblich beteiligt an der Gründung des Vöhringer Museums für Stadt- und Industrieg­eschichte und wurde für sein Engagement mit der Bürgermeda­ille in Silber ausgezeich­net. Jetzt ist er bei seinen steten Recherchen zufällig auf die eigene Familie gestoßen.

Seine Großmutter Kreszentia Haug, 1871 in Klingenste­in (heute Blaustein) geboren, wanderte mit 17 Jahren 1888 nach Amerika aus. Aber für das Mädchen waren die USA nicht der Goldene Westen. Sie kehrte 1895 von Heimweh geplagt nach Vöhringen zurück.

Wertvolle Hilfe auf der Suche nach den großen und kleinen Geschehnis­sen in der Welt ist für Nothelfer, 85, das Magazin für Geschichte Damals, erstmals erschienen 1969. Es ist ein monatlich erscheinen­des Heft auf populär-wissenscha­ftlicher Basis. In der Ausgabe zum Ende des vergangene­n Jahres thematisie­rte die Titelgesch­ichte die deutsche Auswanderu­ng nach Nordamerik­a. Für Nothelfer war das die Inspiratio­n, sich einmal mehr in die eigene Familienge­schichte zu vertiefen. Denn es war zwar in der Familie bekannt, dass seine Großmutter Kreszentia Haug einst in die USA auswandert­e, aber viel mehr wusste man nicht.

Bekannt ist heute allerdings auch, warum die Menschen damals ihre Heimat verließen. Walter Nothelfer, der sich jetzt intensiv mit dem Thema befasst hat, sagt: „Da war in der Kaiserzeit immer die Rede vom goldenen Zeitalter. Aber das waren nur für wenige goldene Zeiten. Die meisten Menschen waren arm und die Familien kinderreic­h.“Das Jahreseink­ommen eines Arbeiters lag in der Mitte des 19. Jahrhunder­ts bei 160 Mark. Und das kostete die Schiffspas­sage Richtung Amerika. Die junge Kreszentia musste vor ihrer Reise eifrig sparen.

Die Familie Haug lebte damals in Klingenste­in, siedelte aber nach Vöhringen um – „weil es bei Wieland Arbeit gab“, sagt Nothelfer. Das heutige Weltuntern­ehmen hatte sich 1864 an der Iller niedergela­ssen und war der Grund, warum sich die Gemeinde zur Stadt entwickelt hat.

Kreszentia hatte nach ihrer Rückkehr Le onhard Daiber geheiratet.

Für die Überfahrt nach Amerika, so fand Nothelfer heraus, stand die „SS Columbia“in Bremerhave­n bereit; heute im Deutschen Museum in München als typisches Modell eines Auswandere­rschiffes zu sehen. Die Auswandere­r um Kreszentia Haugg legten im Hafen von New York 1888 an. Die später berühmt gewordene Immigratio­ns-Insel Ellis Island gab es damals noch nicht, die Ankunftsst­ation für Einwandere­r wurde erst 1892 eröffnet. Nothelfer fand he

Der Vöhringer Walter Nothelfer, 85, ist ein Chronist aus Leidenscha­ft.

raus, dass sich zahlreiche Amerikaner bei der Anlegestel­le im Hafen einfanden. Sie wollten die Neuankömml­inge begutachte­n.

„Gesucht wurden damals Haushaltsh­ilfen oder auch Handwerker“, weiß Nothelfer. So kam Kreszentia nach Iowa im Mittleren Westen in eine Familie mit fünf Kindern. Die hatte sie zu betreuen und auch dafür zu sorgen, dass im Haushalt alles tipptopp lief. Sie war die rechte Hand der Hausfrau. Das Mädchen aus Schwaben sprach kein Wort Englisch und kam praktisch nie aus dem Haus. Kreszentia plagte das Heimweh. „Das muss ganz schrecklic­h gewesen sein, denn sie sparte jeden Cent, jeden Dollar, um eine Schiffspas­sage zurück nach Deutschlan­d buchen zu können.“1895 kehrte sie dann heim.

In Deutschlan­d angekommen heiratete Kreszentia Leonhard Daiber aus Vöhringen. Geschichte­n über ihr Leben gibt es nur aus zweiter Hand, weil das Schreiben für viele nicht so einfach von der Hand ging oder aber ein früher Tod das Weitertrag­en der Familienge­schichte unmöglich machte. Kreszentia Daiber starb bereits 1931 mit nur 60 Jahren. So gibt es nichts, was Enkel Walter Nothelfer von der Großmutter erfragen konnte.

Aber mit den Unterlagen, die er zusammenge­tragen hat, und mit dem Inhalt aus der Zeitschrif­t Damals gelang es ihm, ein Bild aus der Zeit zusammenzu­tragen, als zahlreiche Deutsche ihre Heimat verließen und aufzukläre­n, unter welchen Bedingunge­n sie in der Neuen Welt ihr Leben aufbauten. Oder es versuchten, denn das war nicht immer einfach. Nothelfer bringt es so auf den Punkt: „Auch in Amerika flogen einem die Tauben nicht in den Mund.“

 ?? Fotos: Ursula Katharina Balken, Repro (2) ?? Diese historisch­e Aufnahme zeigt das Schiff „SS Columbia“der Hamburg  American  Company, das einst Auswandere­r in die Neue Welt brachte. Im Jahr 1888 war auch die 17  jährige Kreszentia Haug mit an Bord. Die Auswanderi­n kehrte nach Vöhringen zurück.
Fotos: Ursula Katharina Balken, Repro (2) Diese historisch­e Aufnahme zeigt das Schiff „SS Columbia“der Hamburg American Company, das einst Auswandere­r in die Neue Welt brachte. Im Jahr 1888 war auch die 17 jährige Kreszentia Haug mit an Bord. Die Auswanderi­n kehrte nach Vöhringen zurück.
 ??  ??
 ??  ??
 ??  ??

Newspapers in German

Newspapers from Germany