FRISCH GE­PRESST / MEI­NE PLAT­TE

In München - - INHALT - Michael Sai­ler

Hey, weißt du noch, Som­mer 1990? Was wa­ren wir für sno­bis­ti­sche, vom Le­ben und der Welt ge­nerv­te Gamm­ler! Hin­gen Tag und Nacht in den­sel­ben zer­ris­se­nen T-Shirts und Je­ans und Turn­schu­hen in den­sel­ben Bars und Kn­ei­pen rum, streck­ten Koks mit Ab­führ­mit­tel und ver­schenk­ten es an Mo­de­trot­tel am Tre­sen, frag­ten in je­dem Club den DJ nach der neu­en Sto­ne-Ro­ses-Sing­le, kiff­ten zwi­schen­durch in Dach­ge­scho­ßen auf ver­siff­ten Tep­pi­chen, hör­ten auf ei­nem asche­be­stäub­ten, ei­ern­den Du­al-Plat­ten­spie­ler knis­tern­de und kna­cken­de obsku­re Im­port-EPs in Rauh­fa­ser­hül­len von grun­zen­den, jam­mern­den, über ih­re Gi­tar­ren stol­pern­den In­die­bands aus Te­xas, Hel­sin­ki und Alaska, grunz­ten und jam­mer­ten sel­ber rum und stol­per­ten über un­se­re Gi­tar­ren, wenn mal wie­der ein Mä­del bö­se oder das Bier warm oder um­ge­schüt­tet war. Fan­den Rock ‘n‘ Roll kom­plett over, au­ßer ein paar So­lo­al­ben von Ron­nie Wood, weil die noch kom­plet­ter over wa­ren, wuss­ten aber auch nicht, was sonst. Und dann kam plötz­lich die Son­ne wie­der raus, und da ist uns der Kra­gen ge­platzt: Das Le­ben muss sich än­dern, hast du am Te­le­fon ge­sagt; nein, ich: Wir müs­sen das Le­ben än­dern! Aber wie? Mit Hard­rock, hast du ge­sagt, und ich: Hard­rock? Uff! Deep Pur­p­le ist 15 oder 16 oder 17 Jah­re her, Led Zep­pe­lin so­wie­so ge­stor­ben, den Rest gab es noch nie, puh, da bin ich raus. Aber Fu­ga­zi und NoMe­an­sNo hal­fen halt auch nicht mehr. Al­so wie­der ins Bett? Nix. Dann näm­lich du drau­ßen auf der Stra­ße mit dem Ca­brio, ge­lie­hen von ei­ner Schnep­fe, oder ge­klaut, das weiß man ja im­mer erst hin­ter­her. Zwei Gi­tar­ren auf dem Not­sitz, ein Fuchs­schwanz aus pin­kem Plas­tik an der min­des­tens zwei Me­ter lan­gen An­ten­ne. Fah­ren wir zur Ru­der­re­gat­ta, schrei­ben Songs und wer­den Rock­stars! Und klick: der Kas­set­ten­re­kor­der! Ko­mi­sches Zeug, schnip­pe­li­ge Sta­di­ongi­tar­ren, rumms­bumms, und beim ers­ten Ton, beim ers­ten, zwei­ten, drit­ten auf­ge­setzt brünf­ti­gen Jap­sen des Sän­gers, der sich an­hör­te wie Ali­ce Co­oper in ei­ner Tu­ben­pres­se, woll­te ich so­fort wie­der aus­stei­gen und lie­ber ei­ne Piz­za im Kel­ler. Aber die Kar­re war schon zu schnell. Die Mu­cke, da­mals eh schon nicht mehr neu, son­dern der Hut vom vor­vor­letz­ten Jahr, als wir mit Spandex­ho­sen und

Cat­weaz­le-Fri­su­ren so viel zu tun ha­ben woll­ten wie mit der ZDF-Hit­pa­ra­de,dann ja stre­cken­wei­se auch, und wir wa­ren uns ja ei­nig: Die­se Songs sind der rei­ne Witz, aber was für ein gei­ler! Die­ser Schlag­zeu­ger drischt auf sei­ne Kis­te ein wie ein ma­ni­scher Su­mo­rin­ger mit ge­lähm­ten Ar­men, aber es knallt! Die­se Gi­tar­ren­so­li hö­ren sich an wie Ae­ros­mith mit zwei Pfund Ab­fluss­frei in den Ne­ben­höh­len (al­so wie Ae­ros­mith), aber sie hau­en dir den Kopf weg! Die­se Mas­ke­ra­de, die­se Kla­mot­ten, die­ses Ge­tue – der pein­lichs­te Fa­schings­zug seit Gie­sing 1979, aber das brau­chen wir auch, so­fort, noch grel­ler! Die Gi­tar­ren blie­ben auf dem Not­sitz, das Kas­set­ten­teil lief wei­ter, drü­ben auf dem Park­platz, bis ein Kerl da­her­kam und uns was von lai­chen­den Fi­schen und Miss­ge­bur­ten er­zähl­te (wo­mit er ent­we­der die Fische oder doch uns mein­te). Aber der Gin To­nic in die­ser Spie­gel­glit­zer­bar schmeck­te bes­ser als das lau­war­me Bier beim Heinz; das Kif­fen lie­ßen wir sein, weil die La­dies das we­gen ih­rer Sei­den­bett­be­zü­ge nicht so toll fan­den, und bei Son­nen­auf­gang auf dem Kö­nigs­platz wa­ren wir uns wie­der ei­nig: Slea­ze-Rock ist, na ja, nicht die Zu­kunft, eher die Ge­gen­wart, nein: das gro­ße Ding, oder sa­gen wir: ein Rie­sen­spaß für ei­ne Nacht, für die sich nur schämt, wer noch nie mit Kip­pe im Ohr und Turn­schuh im Mund auf­ge­wacht ist. Wow, ist das lan­ge her! Jetzt sit­zen wir im Mu­se­um und ha­ben die Wahl zwi­schen (min­des­tens) drei Ju­bi­lä­ums­aus­ga­ben: fünf CDs und sie­ben LPs mit Buch für knapp tau­send Dol­lar, oh­ne LPs für 150 Eu­ro, bei­de Ma­le 73 Tracks (EPs, B-Sei­ten, Li­ve­auf­nah­men, De­mos, Vi­de­os, „mo­der­ne“Mi­schun­gen). Oder halt zwei CDs, auf de­nen ei­gent­lich auch al­les drauf ist, was man zum gän­se­häu­ti­gen Er­in­nern braucht, eher zu viel für auf ein­mal. Oder wol­len wir es wa­gen, nach all der lan­gen Zeit doch mal lan­ge ge­nug nüch­tern zu blei­ben, um sechs Mi­nu­ten und 13 Se­kun­den „Ro­cket Queen“durch­zu­ste­hen? So oder so: sind wir viel­leicht noch Gamm­ler, auch sno­bis­tisch, aber vom Le­ben und der Welt ge­nervt? No, Sir, und bei­des könn­ten wir zu­min­dest zum Teil Guns N‘ Ro­ses ver­dan­ken. Da­für: Mer­ci!

Guns N‘ Ro­ses Ap­pe­ti­te For De­struc­tion (De­lu­xe Edi­ti­on) (Gef­fen)

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