Schla­raf­fen­land für Foo­dies

Das „Fri­schePa­ra­dies“im Schlacht­hof­vier­tel

In München - - INHALT - Pe­ter Trisch­ber­ger

O’zapft is – und die Stadt be­fin­det sich mal wie­der im all­jähr­li­chen Aus­nah­me­zu­stand. Wies­nzeit halt. Von al­len Sei­ten fal­len flä­chen­de­ckend träch­tig ver­klei­de­te, un­ge­mein fröh­li­che Men­schen ein. Die U-, S- und Tram­bah­nen sind ram­mel­voll. De­muts­voll knir­schen­de Au­to­fah­rer ste­hen von ei­nem Stau zum nächs­ten, da­zwi­schen drän­geln wild um­satz­ori­en­tier­te Ta­xi­und Rik­scha­fah­rer, ent­nerv­te Lie­fe­ran­ten und die üb­lich ha­sar­die­ren­de Rad­ler­schar – Mün­chen steht. Al­so haupt­säch­lich nicht nur auf den Bier­bän­ken der Fest­zel­te, son­dern auch sonst rund­um. Nur der Ru­bel – der ist der ein­zi­ge, der auch als Eu­ro durch­ge­hend im­mer rollt. Das sei al­len ehr­lich ver­gönnt, die dort und drum­her­um wer­keln. Was soll man sa­gen: Für die ei­nen ist die Wiesn halt das Pa­ra­dies, für an­de­re eher we­ni­ger ...

Ein Him­mel vol­ler Schin­ken­keu­len

Pa­ra­die­se kom­men und ge­hen, so auch im Bauch von Mün­chen, bes­ser ge­sagt im Schlacht­hof­vier­tel. Hier hat man ge­ra­de gleich mal von „Ob­rig­keits­sei­te“aus ein paar Pa­ra­die­se im süd­li­chen Vieh­hof­ge­län­de ent­fernt und jetzt sind das Frei­luft-Vieh­hof­ki­no, der da­zu ge­hö­ri­ge Bier­gar­ten und die still wu­chern­den Al­ter­na­tiv-Klein­gär­ten lei­der weg. Zu­rück blie­ben nur ein gro­ßes Bau­loch für das neue Volks­thea- ter, die rund­um herr­lich far­big tä­to­wier­ten Au­ßen­mau­ern – und zum Glück auch das le­gen- dä­re „Wirts­haus im Schlacht- hof“, Kul­tur-Pa­ra­dies und Ka­ba­ret­tIn­sti­tu­ti­on schlecht­hin (end­lich an­ge­kom­men ist da­für auch ein klei­nes Stück wei­ter Rich­tung Groß­markt­hal­le der mitt­ler­wei­le sehr be­lieb­te Pa­ra­dies-Damp­fer „Ut­ting“). Auch gut. Pa­ra­dies­mä­ßig hält sich aber auch schon seit län­ge­rer Zeit um­ge­ben von Fleisch­händ­lern, Schlacht­be­trie­ben und Wurst­haut-Dand­lern auf dem nörd­li­chen Teil des Schlacht­hof­ge­län­des das so­ge­nann­te „Fri­schePa­ra­dies“. Ge­grün­det einst als Fisch-und De­li­ka­tes­sen­han­del C. Lin­den­berg in noch-kai­ser­li­chen Zei­ten in Ber­lin (von dem sich schon Wil­helm I. sei­ne Stul­len­auf­stri­che per Pfer­de­fuhr­werk brin­gen ließ), ent­stand über die Jah­re ein seit 1967 zur Oet­kerG­rup­pe ge­hö­ren­der Groß­han­dels­be­trieb, der in Deutsch­land und Ös­ter­reich Ab­hol- und Lie­fer­märk­te für Gastro­mo­mieK­li­en­tel be­treibt. In Mün­chen hieß das Fri­schePa­ra­dies frü­her Tho­mas Nie­der­reu­ther Gm­bH und war für Pri­vat­per­so­nen nicht zu­gäng­lich. Mitt­ler­wei­le wur­de das ge­än­dert: Jetzt darf Je­der­mann und Je­de­frau hier ins Pa­ra­dies! An al­ler­ers­ter Stel­le der Pro­dukt­pa­let­te ste­hen nach wie vor Fisch und Se­a­food, ge­folgt von Fleisch und Ge­flü­gel. Be­tritt man die bein­dru­cken­de Zie­gel­ge­wöl­be-Hal­le ist man so­fort ziem­lich ein­ge­nom­men von den Ge­rü­chen, der op­ti­schen Opu­lenz der Wa­ren und dem Charme die­ser Markt­hal­le. Ei­ne im­mens gro­ße Kä­se­the­ke, die gut sor­tier­te Ge­mü­se- und Ob­st­ab­tei­lung, ei­ne ge­ra­de neu mit blau­en Flie­sen ge­stal­te­te, im­po­san­te Fisch- und Se­a­foo­dThe­ke, ei­ne ge­wal­ti­ge Flei­schund Ge­flü­ge­lab­tei­lung oder auch die Schin­ken­ab­tei­lung, über der der Hal­len-Him­mel voll ed­ler Schin­ken­keu­len hängt. Da­zu feins­tes Kü­chen­ge­rät vom Aus­tern­mes­ser bis zum Bi­gG­re­en-Egg-Grill samt Holz­koh­le, ver­schie­dens­te Pas­ta- und ReisSor­ten und und und ... Das al­les ist schon mal für al­le Koch­be­geis­ter­ten ein klei­nes Schla­raf­fen­land und si­cher ei­nen Be­such mit Preis­ver­gleich wert.

Al­les im Griff – dank Pao­lo, Ro­ber­to und Si­mo­ne

Wir sind aber auch Fans vom „Fri­schePa­ra­dies-Bis­tro“– ei­ne offene Kü­che, um die man an ei­nem Tre­sen her­um sitzt und schon ab sechs Uhr früh Früh­stück und Brot­zeit, ab 11.00 Uhr dann def­tig-fei­ne Bis­tro­kü­che ge­nie­ßen kann, in­klu­si­ve le­ge­rem, freund­schaft­lich-lo­cke­rem Um­gangs­ton vom ita­lie­ni­schen Gas­tro-Team. Früh­stücks­di­rek­tor Pao­lo, Koch und Pfan­nen­akro­bat Ro­ber­to und Si­mo­ne als Ser­vice­chef ha­ben den La­den fest im Griff und ken­nen of­fen­sicht­lich vie­le ih­rer Gäs­te. Hier kann man sich zum Bei­spiel frisch auf­ge­schnit­te­nen Edel-Schin­ken di­rekt von der Schin­ken­the­ke ne­ben­an an­rich­ten las­sen oder ein selbst aus­ge­such­tes Fleisch­stück nebst Ta­ges-Ge­mü­se für 12.- Eu­ro Pfan­nen­geld-Auf­schlag zum Ein­kaufs­preis brut­zeln las­sen. Wir ha­ben mit zwei Stück lo­bens­wer­ter Weiß­würscht‘, (her­ge­stellt in der Nach­bar­metz­ge­rei Gass­ner, mit Brezn 3,90) un­se­ren Erst­be­such be­en­det. Beim nächs­ten Be­such war es dann schon ein üp­pi­ger Tel­ler di­cker, per­fek­ter Spa­ghet­ti mit fri­schen, gro­ßen, schön ge­bra­te­nen Gar­ne­len in in­ten­siv-fruch­ti­ger To­ma­ten­sau­ce (14,90) und ei­nem sehr an­spre­chen­den Cu­vée von der Kel­le­rei Metz­ger („Klei­ner Weis­ser“, 5,80/0,2 – ei­ne Wein­ab­tei­lung gibt es in die­sem „Pa­ra­dies“na­tür­lich lo­gi­scher­wei­se auch). Die Krö­nung schö­ner Mit­tags­stun­den war dann beim drit­ten Be­such ein­mal das Fi­let vom See­teu­fel (25,90) und ei­ne klei­ne Por­ti­on Bouil­la­baisse (14,90): drei rich­tig üp­pi­ge Stü­cke ge­bra­te­ner See­teu­fel, ser­viert auf dem Pfan­nen-Ta­ges­ge­mü­se mit hal­bier­ten Früh­kar­tof­feln – al­les per­fekt, bis auf die lei­der et­was läs­sig zu weich ge­gar­ten Kar­tof­feln. Und die „klei­ne“Bouil­la­baisse – mit gan­zen Ka­bel­jau-, See­teu­fe­lund See­wolfs­tü­cken und Gar­ne­len in ei­nem kla­ren, to­ma­ti­gen Fisch­fond mit an­ge­neh­mer Schär­fe ser­viert, da­zu fri­sches Weiß­brot und ein klei­nes Gläs­chen vom ro­ten por­tu­gie­si­schem Te­ce­dei­ras (5,80) – war eben­falls äu­ßerst fein. Fazit: Ku­li­na­risch ge­ra­de­zu „pa­ra­die­si­sche“Zu­stän­de …

Im Pa­ra­dies ...

... mit frei­er Aus­wahl ...

... bei der Ar­beit

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