Dio­ny­sos Stadt

Ju­bel­sturm in Kam­mer 1: Chris­to­pher Rü­pings An­ti­ken­pro­jekt „Dio­ny­sos Stadt“

In München - - INHALT - Pe­ter Ei­den­ber­ger

Wie­viel Rausch braucht der Mensch? Wie­viel Wahn­sinn ver­trägt er? Zwei Fra­gen aus dem Pro­gramm­heft, und am En­de, wenn die Zu­schau­er al­le ste­hen und ewig ap­plau­die­ren, muss man fest­stel­len: ei­ne gan­ze Men­ge. Der Wahn­sinn: zehn St­un­den Thea­ter, nach dem Vor­bild des fünf­tä­gi­gen an­ti­ken Dra­men­wett­kamp­fes. Auf die­sen Wahn­sinn ein­las­sen? Zehn St­un­den? Ja, un­be­dingt! Denn es gibt da­für: ei­nen sel­te­nen thea­tra­len Rausch. Rund um ei­ne drit­te Fra­ge: Was ist der Mensch? Um das zu raus­zu­fin­den, lotst uns Haus­re­gis­seur Chris­to­pher Rü­ping ein­mal quer durch die An­ti­ke, von Pro­me­theus über Tro­ja bis zur Ores­tie. Da­für braucht er: ei­ne lee­re Büh­ne, Jo­na­than Mertz hat sie mit et­was Trep­pe, spä­ter ei­nem Stahl­ge­rüst und ei­ni­gen Mö­beln aus­stat­tet. Dann: Tex­te, erst Pla­ton, Goe­the, Hei­ner Mül­ler, spä­ter noch Ho­mer, So­pho­kles und Se­ne­ca. Dar­aus fil­tert die Dra­ma­tur­gie so et­was wie ei­ne Aus­ein­an­der­set­zungs­ba­sis. Und dann braucht es noch sie­ben Schau­spie­ler: Ma­ja Beck­mann, Pe­ter Brom­ba­cher, Ma­jd Fed­dah, Nils Kahn­wald, Gro Swant­je Kohl­hof, Wieb­ke Mol­len­hau­er und Ben­ja­min Rad­jai­pour. Die, ganz ne­ben­bei, der Ham­mer sind. Thea­ter von 13 – 23 Uhr: Rü­ping weiß na­tür­lich, das ist ein Hau­fen Holz, da muss man die Leu­te erst mal mit­neh­men. Al­so: als Pro­log ein Char­me­über­fall. Nils Kahn­wald stellt uns die am­pel­ge­steu­er­te Rau­cher­ecke vor („sze­ni­sches Rau­chen“), ver­spricht ei­nem Zu­schau­er 50 Eu­ro, wenn er durch­hält, und er­klärt die Tech­nik ei­ner thea­ter­sel­te­ne­ren Übung: Sta­ge­di­ving (die spä­ter präch­tig funk­tio­niert). Und schon sind wir bei Pro­me­theus, der sich mit Zeus zofft und, weil er den Men­schen das Feu­er ge­bracht hat, an­ge­ket­tet wird: statt an den Kau­ka­sus hier, halb­hoch im Raum hän­gend, in ei­nem Stahl­kä­fig, von mil­chi­gem Ad­ler­kot be­su­delt. Der in­ten­si­ve Start, der Mensch als sich von Gott lö­sen­des In­di­vi­du­um, zeigt auch Rü­pings iro­ni­sches Ge­spür für die Gleich­zei­tig­keit von Tra­gik und Ba­na­li­tät: un­ter Pro­me­theus blö­ken und ko­pu­lie­ren die Schau­spie­ler als flo­ka­ti­be­häng­te Scha­fe. Hat der Feu­er­ver­rat die Büch­se der Pan­do­ra nur ge­öff­net – im zwei­ten Teil ex­plo­diert sie in ei­ner Licht- und Lär­mor­gie. Zum Dri­ve der Drums von Ma­tze Pröl­lochs (mit Jo­nas Hol­le auch zu­stän­dig für die ge­sam­te kon­ge­nia­le Mu­sik­dra­ma­tur­gie) fla­ckern Kriegs­bil­der über die wei­ßen Ka­cheln an die­sem Stahl­ge­rüst-Tro­ja. Die Auf­zäh­lung der grie­chi­schen Flot­te, die Kämp­fer Pa­tro­k­lus, Achill und Hek­tor, die Frau­en He­ka­be, An­dro­ma­che, He­le­na, Kas­san­dra als Op­fer und Beu­te, die split­tern­den Ka­cheln: pa­ckend, be­rüh­rend, auf­wüh­lend, bis an die Gren­ze des Er­träg­li­chen kriecht der Krieg un­ter die Haut. Teil drei: die Ores­tie, ei­ne TV-Soap. Li­veka­me­ra, viel Schau­spiel-Im­pro: so al­so geht’s zu bei Aga­mem­non zu­hau­se. Wo sich sei­ne Frau Kly­taim­ne­s­tra mit dem Lieb­ha­ber ver­gnügt, und dann den Gat­ten in der Wan­ne in Blut er­tränkt. Wo Elek­tra und Orest den Tod ih­rer Schwes­ter Iphi­ge­nie rä­chen: Kly­taim­ne­s­tra en­det eben­falls in der Wan­ne. Wo Py­la­des’ und Elek­t­ras Hoch­zeits­fei­er (mit Pu­bli­kum auf der Büh­ne) vom durch­ge­knall­ten Orest ge­sprengt wird: er zi­tiert Herrn von Rib­becks Bir­nen. Da­zu läuft „Grie­chi­scher Wein“. Ab­grün­de – und wie­der schaut, wie in Tro­ja, Pro­me­theus, der ent­fes­sel­te Mensch, vor­bei. Der letz­te Teil: lo­cke­rer Af­ter­glow in Form ei­nes Fuss­ball­spiels. Im­mer wie­der schaut wer nach oben. Das kommt aber, nach Wür­di­gung von Zi­ne­di­ne Zi­da­nes Me­lan­cho­lie, erst ganz am Schluß: die Son­ne. Kit­schig schö­ne Apo­theo­se nach all dem Rausch und Wahn­sinn.

Der Mensch: Ent­fes­selt und be­su­delt

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