mit S. Be­cker, C. Gurk & T. Krü­ger

So­phie Be­cker, Chris­toph Gurk und Tho­mas Krü­ger

In München - - INHALT - In­ter­view: Ru­pert Som­mer

Ge­dan­ken­fut­ter und Dis­kurs­ge­wit­ter für Mün­chen: Für das von der Bun­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung un­ter ih­rem Prä­si­den­ten Tho­mas Krü­ger ver­an­stal­te­te Fes­ti­val „Po­li­tik im Frei­en Thea­ter“kom­men von 1. bis 11. No­vem­ber 15 hoch­span­nen­de Pro­duk­tio­nen in die Stadt – un­ter an­de­rem an die Kam­mer­spie­le, in die Schau­burg, ins Muf­f­at­werk, ins Pa­thos Thea­ter und ins HochX. Aus­ge­wählt wur­den die Stü­cke von ei­ner Ju­ry, der un­ter an­de­rem So­phie Be­cker, Künst­le­ri­sche Lei­te­rin des Spiel­art-Fes­ti­vals und von Spiel­mo­tor Mün­chen e.V. und Kam­mer­spie­leDra­ma­turg Chris­toph Gurk an­ge­hör­ten. Flan­kiert wird das Fes­ti­val von Le­sun­gen, Film­rei­hen, Dis­kus­sio­nen, Vor­trä­gen, Work­shops und Kon­zer­ten in der gan­zen Stadt. Höchs­te Zeit, die Mao-Bi­bel zur Sei­te zu le­gen und die Bu­de zu ver­las­sen!

War­um hat es denn ei­gent­lich so lan­ge ge­dau­ert, bis es jetzt auch mal in Mün­chen Sta­ti­on macht?

Tho­mas Krü­ger: Das Fes­ti­val wan­dert durch die Re­pu­blik. Und fin­det jetzt zum zehn­ten Mal statt. Mün­chen hat sich schon ein­mal be­wor­ben – wur­de da­mals aber nur Zwei­ter. Es ist eben ein Wett­be­werb. Und da­bei geht es um die bes­ten Ide­en. Dies­mal lag Mün­chen vorn.

Die Zei­ten schrei­en nach po­li­ti­scher Aus­ein­an­der­set­zung, gera­de in Bay­ern. Sind schlech­te Zei­ten gu­te Zei­ten für Sie?

Tho­mas Krü­ger: Das Be­son­de­re am Fes­ti­val ist, dass es im Kern im­mer po­li­ti­sche Fra­gen auf­ge­grif­fen hat. Das hat mit dem Selbst­ver­ständ­nis von Frei­em Thea­ter zu tun. Es hat sich über die Jahr­zehn­te hin­weg im­mer schon sehr po­li­tisch de­fi­niert. Das Fes­ti­val ver­sucht in den letz­ten Aus­ga­ben stär­ker, ei­ne nach­hal­ti­ge Aus­rich­tung zu krie­gen.

In­wie­fern kon­kret?

Tho­mas Krü­ger: Es geht dar­um, et­was an­zu­sto­ßen. In Dres­den et­wa hat sich die Stadt­ge­sell­schaft da­mals über un­ser Fes­ti­val zu­sam­men­ge­fun­den und die ge­sam­ten An­ti-Pe­gi­da-Ak­ti­vi­tä­ten sind spä­ter dar­aus ent­stan­den. Span­nen­de Ge­schich­te! Hier in Mün­chen ist das gro­ße The­ma na­tür­lich das Pro­duk­ti­ons­haus, das es nicht gibt. Und die Sta­bi­li­sie­rung der Frei­en Sze­ne.

Das noch re­la­tiv neue Thea­ter HochX be­müht sich doch dar­um, der Frei­en Sze­ne ei­nen Auf­tritts­ort zu ge­ben.

Tho­mas Krü­ger: Das ist rich­tig. Aber im Ver­gleich zu an­de­ren Städ­ten ist die Si­tua­ti­on des Frei­en Thea­ters in Mün­chen noch re­la­tiv pre­kär. Es bräuch­te mehr Un­ter­stüt­zung, mehr Nach­hal­tig­keit und die Durch­wir­kung von Stadt­thea­ter und Frei­er Sze­ne. Wir ver­spre­chen uns von der Prä­senz hier mehr Sy­ner­gie­ef­fek­te für das Freie Thea­ter in Mün­chen.

So­phie Be­cker: Das HochX macht ei­ne groß­ar­ti­ge Ar­beit. Aber es ist ein Haus oh­ne ei­ge­nen Etat.

Es ist ei­ne rei­ne Spiel­stät­te.

Chris­toph Gurk: Ein Pro­duk­ti­ons­haus sagt ja ei­gent­lich, dass dort pro­du­ziert und ko­pro­du­ziert wer­den kann. Das HochX hat die ver­dienst­vol­le Auf­ga­be, sich vor al­lem der Frei­en Sze­ne in Mün­chen zu wid­men. Wenn wir von ei­nem künf­ti­gen Pro­duk­ti­ons­haus spre­chen, müss­te es stär­ker in­ter­na­tio­nal aus­ge­rich­tet sein. Und es soll­te schon ei­ne Grö­ßen­ord­nung ha­ben, wie man das in Ham­burg vom Kamp­na­gel, dem HAU in Ber­lin, wo ich her­kom­me, oder vom M ... turm in Frank­furt kennt. So et­was fehlt in Mün­chen to­tal.

Tat­säch­lich? Die Kam­mer­spie­le ha­ben da doch zu­letzt viel ge­tan.

Chris­toph Gurk: Mei­ne Auf­ga­be in den Kam­mer­spie­len in den letz­ten Jah­ren – un­ter dem In­ten­dan­ten Mat­thi­as Li­li­en­thal – war ja, die­se An­ge­bots­lü­cke in Mün­chen, die sonst nur al­le zwei Jah­re vom Spiel­art-Fes­ti­val ge­schlos­sen wer­den kann, zu fül­len und die­se Be­mü­hun­gen zu ver­ste­ti­gen. Es gibt un­end­lich viel mehr, was sonst an der Stadt vor­bei­lau­fen wür­de. Die Lü­cke im kul­tu­rel­len An­ge­bot müss­te ge­schlos­sen wer­den. Wir ma­chen das nur in­te­ri­mis­tisch – auch über das viel dis­ku­tier­te Hy­brid­mo­dell zwi­schen Stadt­thea­ter und Frei­er Sze­ne, das wir in den Kam­mer­spie­len be­trei­ben. Es wird ein Pro­blem ge­ben, wenn wir im Jahr 2020 wie­der auf­hö­ren: Dann wird die­se Lü­cke wie­der of­fen sein. Das weiß aber auch die Stadt Mün­chen, und sie wird ent­spre­chend dar­auf re­agie­ren. Die Not­wen­dig­keit ei­nes sol­chen Pro­duk­ti­ons­hau­ses wird wie­der viel grö­ßer. Wir ha­ben uns auch für die­ses Fes­ti­val zu­sam­men­ge­tan, um noch ein­mal ei­ne Öf­fent­lich­keit für die­ses An­lie­gen zu schaf­fen.

Herr Krü­ger, in Ih­rer Funk­ti­on vi­el­leicht als ei­ner der pro­mi­nen­tes­ten ge­sell­schaft­li­chen Be­ob­ach­ter im Land: Man denkt ja im­mer, Mün­chen wä­re ei­ne selbst­zu­frie­de­ne, trä­ge in sich ru­hen­de Stadt. Und doch war es ja 2015 der ers­te Kul­mi­na­ti­ons­ort der Will­kom­mens­kul­tur und zu­letzt Schau­platz vie­ler Mas­sen­kund­ge­bun­gen rund um drän­gen­de po­li­ti­sche Fra­gen.

Tho­mas Krü­ger: Mün­chen hat ei­ne sehr vi­ta­le Stadt­ge­sell­schaft. Aber es ist kei­ne Stadt­ge­sell­schaft, die – wie

es von au­ßen vi­el­leicht manch­mal aus­sieht – kei­ne Pro­ble­me hat. Im Ge­gen­teil. Wenn man das mal aufs Thea­ter be­zieht: Wenn du hier als Schau­spie­ler ei­nen Ver­trag an den Kam­mer­spie­len be­kommst, heißt das noch lan­ge nicht, dass du es dir leis­ten kannst, in Mün­chen zu woh­nen. Das drückt aus, mit wel­cher Sprei­zung die Stadt um­ge­hen muss, gera­de was die Arm-Reich-Fra­ge und die Res­sour­cen be­trifft, die es braucht, um über­haupt Teil die­ser Stadt­ge­sell­schaft zu sein. Was mich an­de­rer­seits to­tal fas­zi­niert ist, dass die­se Stadt es ge­schafft hat, über die Jahr­zehn­te hin­weg ei­ne Bil­dungs- und Kul­tur­in­fra­struk­tur mit ei­nem ho­hen Ver­mitt­lungs­an­spruch, die sich um Dis­kurs und Re­fle­xi­on be­müht, zu schaf­fen. Es gibt hier so­gar ein ei­ge­nes Amt für Po­li­ti­sche Bil­dung. Das ist in die­ser Form ein­ma­lig in Deutsch­land. Und das ist ei­ner der Bo­nus­punk­te, die nach au­ßen hin zu dem Ein­druck ei­ner sehr vi­ta­len Stadt­ge­sell­schaft ge­führt ha­ben. Trotz­dem hat Mün­chen Pro­ble­me: Und genau die wol­len wir the­ma­ti­sie­ren und zu Ta­ge be­för­dern.

Sie hat­ten wahr­schein­lich kei­ne gro­ßen Schwie­rig­kei­ten, freie Thea­ter­ma­cher für Ihr Fes­ti­val zu ge­win­nen. Lockt man sie be­son­ders schnell mit Ih­rem dies­jäh­ri­gen Reiz­wort „Reich“an, weil sie selbst meist mit der ei­ge­nen Ar­mut kämp­fen?

Tho­mas Krü­ger: „Reich“ist ein mul­ti­pler Be­griff – auch ein Kampf­be­griff. Und dann ist die Freie Sze­ne na­tür­lich so­fort da­bei. Wir nut­zen den Be­griff sehr of­fen und viel­schich­tig, um die ver­schie­de­nen se­man­ti­schen Ebe­nen aus­zu­leuch­ten. Da wa­ren al­le Teil­neh­mer schnell da­bei. Es war wie der Blitz, der ein­schlägt. „Reich“hat eben mit dem Le­ben hier zu tun.

„Reich“auch im Sin­ne von reich­hal­tig oder ver­schie­den­ar­tig?

So­phie Be­cker: Kul­tu­rel­ler Reich­tum. Chris­toph Gurk: Das Wort „reich“kann man nur ver­ste­hen, wenn man gleich­zei­tig auch das Wort „arm“ denkt. Dar­um geht’s beim Fes­ti­val: um die Un­gleich­heit so­zia­ler Ver­hält­nis­se und Schief­la­gen, die auch die Me­di­en im glo­ba­len Maß­stab pro­du­zie­ren. Man hät­te das Fes­ti­val auch un­ter das Mot­to „arm“stel­len kön­nen. Wir fin­den aber, „reich“klingt bes­ser. Es hat ei­nen et­was pro­vo­kan­te­ren Wert.

Tho­mas Krü­ger: Im Un­ter­schied zu „arm“ist „reich“et­was, was ver­sucht, sich un­sicht­bar zu ma­chen. Das muss je­den, der sich mit po­li­ti­scher Bil­dung be­schäf­tigt, zu­tiefst mo­ti­vie­ren. Wenn man ei­nen auf­klä­re­ri­schen An­spruch hat, muss man das, was sich ver­birgt, zu Ta­ge be­för­dern.

„Po­li­tik im Thea­ter“: Da hat si­cher je­der, der ger­ne ins Thea­ter geht, sei­ne Vor­er­fah­run­gen. Oder denkt an die Brecht-Schul­lek­tü­re von frü­her. Trotz­dem könn­ten das ja auch Ge­gen­sät­ze sein, die man ein we­nig zu­sam­men­zwin­gen muss. Die Bun­des­zen­tra­le für Po­li­ti­sche Bil­dung ist für vie­le ver­mut­lich nicht die ers­te Adres­se, wenn man ans Thea­ter denkt.

Tho­mas Krü­ger: Die In­si­der ken­nen na­tür­lich das Fes­ti­val. Es ist ei­ne Mar­ke, die wie­der­er­kannt wird. Wenn man aber die Leu­te fragt, wie der Po­li­tik­be­griff de­fi­niert wird, ist die Band­brei­te sehr groß. Es kann um po­li­ti­sche The­men ge­hen. Aber auch das Pro­du­zie­ren selbst, die Fra­ge, wie ein Stück durch In­ter­ak­ti­on ent­steht, kann po­li­tisch sein. Auch Äs­t­he­ti­ken ha­ben ei­nen po­li­ti­schen Kern. Wir wol­len den Be­griff weit fas­sen.

Sie wol­len über das Thea­ter­fes­ti­val auch neue Ziel­grup­pen er­rei­chen. Wie groß ist aber Ih­re Be­fürch­tung, dass der ei­ne oder an­de­re an den mo­ra­li­sie­ren­den Zei­ge­fin­ger denkt?

Tho­mas Krü­ger: Da­für sorgt ei­ne Ju­ry, dass die Stü­cke nicht mit ei­nem Zei­ge­fin­ger da­her­kom­men, son­dern qua­li­ta­tiv auf Top-Le­vel spie­len. Wir ha­ben aber vor al­lem durch die letz­ten bei­den Aus­ga­ben in Dres­den und Frei­burg er­fah­ren, dass durch die Ver­zah­nung ei­nes gu­ten Fes­ti­val­pro­gramms mit viel Dis­kurs und star­ken Part­nern in der Stadt al­les da­zu führt, dass ein The­ma ei­ne Vi­ru­lenz be­kommt. In Frei­burg wa­ren fast al­le Ver­an­stal­tun­gen im Rah­men­pro­gramm kom­plett aus­ver­kauft. Was man ei­gent­lich nicht un­be­dingt er­war­ten kann, wenn man et­wa ein Se­mi­nar zur po­li­ti­schen Bil­dung an­bie­tet. Das Be­dürf­nis der Leu­te, über uns an ei­nem Stadt-Dis­kurs zu par­ti­zi­pie­ren, war rie­sig groß. Und das führt da­zu, dass al­le mög­li­chen Leu­te sich mo­bi­li­siert füh­len.

Das wä­re wün­schens­wert.

Tho­mas Krü­ger: Po­li­ti­sche Bil­dung ist üb­li­cher­wei­se ja sehr stark bei Stu­den­ten, vor al­lem im Be­reich Geis­tes­wis­sen­schaf­ten, be­kannt. Wenn sol­che Leu­te mit­be­kom­men, dass zu ei­nem sol­chen The­ma ein Fes­ti­val statt­fin­det, kom­men vi­el­leicht auch Stu­den­ten, die zu­vor nie­mals im Thea­ter wa­ren, zum ers­ten Mal in ei­ne Freie Pro­duk­ti­on oder in ein Stadt­thea­ter. Als wir das Fes­ti­val in Ber­lin statt­fin­den lie­ßen, sag­ten mir al­le be­tei­lig­ten Büh­nen, dass sie ver­mut­lich nicht mehr als 50 bis 60 Pro­zent Aus­las­tung in ih­ren Häu­sern schaf­fen wür­den. Am Schluss la­gen wir bei ei­nem Wert von 95 Pro­zent. Das hat da­mit zu tun, dass wir Ziel­grup­pen-Sy­ner­gi­en schaf­fen, die man sonst nicht in der po­li­ti­schen Bil­dung er­reicht. Aber am Thea­ter klappt das.

Spie­len Sie auf das al­te Bild von der bit­te­ren Pil­le mit der sü­ßen Um­man­te­lung an?

Tho­mas Krü­ger: Thea­ter bie­tet me­tho­disch eben ein an­ders Her­an­ge­hen. Wir kom­men nicht mit in­sti­tu­tio­nen­kund­li­chen Mus­tern da­her.

Es ist kein Vor­trags­fes­ti­val.

Tho­mas Krü­ger: Genau. Es geht um Thea­ter. Soll hei­ßen um das Ver­han­deln von Kon­tro­ver­sen, von Wi­der­sprü­chen, von dra­ma­ti­schen Si­tua­tio­nen. Und das wird mit Dis­kurs ver­zahnt. Es geht auch nicht um den pas­si­ven Zu­schau­er. Wir wis­sen aus der Re­zep­ti­ons­äs­the­tik, dass der Zu­schau­er ein ge­heim­nis­vol­les We­sen ist – mit vie­len ak­ti­ven, an­ti­zi­pie­ren­den Po­ten­zia­len. Mei­ner Mei­nung nach macht der Aspekt des co-krea­ti­ven Zu­schau­ers das Fes­ti­val erst so rich­tig aus.

Letz­te Fra­ge: Aus Ih­rer Sicht muss dann die eher ein­lul­len­de Kul­tur­spar­te und die gras­sie­ren­de Net­fli­xSucht Ihr na­tür­li­cher Feind sein, oder?

Tho­mas Krü­ger: Um es mal so zu sa­gen: En­ter­tain­ment ist nicht un­ser Bier.

Ei­ne Öf­fent­lich­keit ...

... für die­ses An­lie­gen schaf­fen

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.