Sinn für Über­sinn­li­ches

Tem­po­rä­re Stree­tart, his­to­ri­sches Ge­den­ken, und drei Frau­en er­kun­den die Abs­trak­ti­on

In München - - INHALT - Bar­ba­ra Tei­chel­mann

An der Lands­ber­ger Stra­ße 350, da wo frü­her der Ten­gel­mann-Haupt­sitz war, gibt es seit kur­zem Ur­ba­ne und Zeit­ge­nös­si­sche Kunst zu se­hen. Das sieht man schon von Wei­tem, denn links an der Fas­sa­de ver­sucht sich ein jun­ges Paar über sechs Stock­wer­ke hin­weg zu sta­bi­li­sie­ren. Sie steht auf­recht und hält ihn, der kopf­über hängt, an sei­nen Bei­nen fest, wäh­rend er sich an ih­ren Bei­nen fest­hält. Ba­lan­ce- und Kraft­akt zu­gleich. Kunst­la­bor (Do bis So 14 bis 22 Uhr, bis 30. De­zem­ber) heißt das vom Mu­se­um of Ur­ban and Con­tem­pora­ry Art (mu­ca) or­ga­ni­sier­te Zwi­schen­spiel in dem lee­ren Ge­bäu­de. Bis De­zem­ber darf man blei­ben, dann wird ab­ge­ris­sen und neu ge­baut. Scha­de? Ja, schon. An­de­rer­seits: Nichts währt ewig, und gera­de Stree­tart de­fi­niert sich ja durch tem­po­rä­re Prä­senz im öf­fent­li­chen Raum. Plötz­lich ist sie da und ir­gend­wann auch wie­der weg. Aber jetzt sind sie erst­mal da, 50 in­ter­na­tio­na­le Künst­ler, die 5.000 Qua­drat­me­ter Au­ßen- und In­nen­flä­che be­ma­len, be­sprü­hen, be­kle­ben. Ei­ni­ge Ar­bei­ten sind be­reits fer­tig, an man­chen wird noch ge­ar­bei­tet und an­de­re ent­ste­hen erst noch. Work in progress qua­si.

Und weil das Wetter gera­de so schön und mild ist, blei­ben wir noch kurz drau­ßen auf der Kun­st­in­sel am Len­bach­platz ste­hen. Fran­ka Kaß­ner hat an der Münch­ner Aka­de­mie stu­diert, lebt der­zeit in Leip­zig, und von No­vem­ber 2018 bis Mai 2019 er­in­nert die Stadt Mün­chen mit ei­nem gro­ßen Pro­gramm an die Re­vo­lu­ti­on vom 7. No­vem­ber 1918 und die Aus­ru­fung des Frei­staats Bay­ern. Die Re­vo­lu­ti­on führ­te der un­ab­hän­gi­ge So­zi­al­de­mo­krat Kurt Eis­ner an, der am 21. Fe­bru­ar 1919 er­mor­det wur­de, kurz be­vor er sei­nen Rück­tritt be­kannt ge­ben woll­te. 105 Ta­ge hielt er sich an der Spit­ze des Volks­staa­tes Bay­ern und kämpf­te für die De­mo­kra­tie. „1918 | 2018. Was ist De­mo­kra­tie?“heißt das Mot­to der Ver­an­stal­tungs­rei­he mit Le­sun­gen, Thea­ter und Per­for­man­ces, Kon­zer­ten, Fil­men, Rund­gän­gen und na­tür­lich auch Aus­stel­lun­gen. Macht­wech­sel (8. No­vem­ber bis 7. Ju­li) heißt zum Bei­spiel ei­ne Aus­stel­lung im Stadt­ar­chiv und zeigt Pla­ka­te, Flug­blät­ter und Schlag­zei­len zur Re­vo­lu­ti­on und Rä­te­zeit – da­mals die schnells­te und ef­fek­tivs­te Mög­lich­keit der In­for­ma­ti­on und Kom­mu­ni­ka­ti­on. Die Aus­stel­lung Die Frei­heit er­hebt ihr Haupt (30. Ok­to­ber bis 24. No­vem­ber) in der Rat­haus­ga­le­rie zeigt Ex­po­na­te von mehr als 100 Künst­le­rin­nen und Künst­lern, er­gänzt um ein his­to­ri­sches Ka­bi­nett mit Fak­si­mi­les und Ori­gi­na­len, die wäh­rend der Re­vo­lu­ti­ons­zeit in Mün­chen ent­stan­den sind. Und die Pa­sin­ger Fa­b­rik schaut Rich­tung Os­ten und be­leuch­tet mit Ukrai­ne: Le­arning from a good neigh­bour 1918 – 2018 (bis 18.11.) die Her­aus­for­de­run­gen des nach­bar­schaft­li­chen Ver­hält­nis­ses zur Ukrai­ne. Die­ses Kunst­pro­jekt wid­met sich den Fol­gen des de­mo­kra­ti­schen Auf­bruchs in der Ukrai­ne, es fragt nach dem Er­be des Eu­ro­mai­dan, der „Re­vo­lu­ti­on der Wür­de“von 2014, und was die ukrai­ni­sche Ge­sell­schaft, aber auch wir als Nach­barn, da­von ler­nen kön­nen. Der gleich­zei­ti­ge his­to­ri­sche Blick auf die Re­vo­lu­tio­nen von 1918, 1990/91 und 2004 re­flek­tiert wie­der­keh­ren­de Sche­ma­ta und das Auf­leh­nen ge­gen ei­ne über­mäch­ti­ge Staats­macht. Und das ist erst der An­fang. Das vol­le Pro­gramm gibt es hier: mu­en­chen.de

Na­tur­ge­set­ze, Geis­ti­ges und Über­sinn­li­ches sicht­bar ma­chen, dar­um geht es in der Aus­stel­lung Welt­emp­fän­ger (6. No­vem­ber bis 10. März, Er­öff­nung am 4.11. um 19 Uhr, Ka­ta­log er­scheint bei Hir­mer). Das Len­bach­haus zeigt im Kunst­bau Ar­bei­ten von drei Frau­en, die un­ab­hän­gig von­ein­an­der ei­ne je­weils ei­ge­ne, abs­trak­te, mit Be­deu­tung auf­ge­la­de­ne Bild­spra­che ent­wi­ckel­ten: Geor­gia­na Hough-ton (1814– 1884) in En­g­land, Hil­ma af Kl­int (1862–1944) in Schwe­den und Em­ma Kunz (1892– 1963) in der Schweiz. Al­le drei folg­ten ih­rer künst­le­ri­schen Über­zeu­gung mit gro­ßer Aus­dau­er und Durch­set­zungs­ver­mö­gen – und das be­reits, be­vor Kand­ins­ky über das Abs­trak­te in der Kunst schrieb. Hil­ma af Kl­int ist von den drei Künst­le­rin­nen am be­kann­tes­ten, ih­re Ar­bei­ten wer­den vor al­lem in Künst­ler­krei­sen ge­schätzt, in den ver­gan­ge­nen Jah­ren gab es auch ei­ni­ge in­sti­tu­tio­nel­le Aus­stel­lun­gen: im Mo­der­na Mu­seet Stock­holm, im Ham­bur­ger Bahn­hof – Mu­se­um für Ge­gen­wart in Ber­lin oder in der Ser­pen­ti­ne Gal­le­ry in Lon­don. Ak­tu­ell wer­den gro­ße Re­tro­spek­ti­ven in der Pi­n­a­cote­ca von São Pau­lo und im New Yor­ker Gug­gen­heim Mu­se­um ge­zeigt. Ab 1906 schuf af Kl­int groß­for­ma­ti­ge abs­trak­te Ma­le­rei­en aus dem Geist des Spi­ri­tis­mus und der Theo­so­phie. Sie selbst sah sich als Me­di­um für im­ma­te­ri­el­le Bot­schaf­ten ei­ner hö­he­ren, geis­ti­gen Welt. Auch Geor­gia­na Hough­tons Werk ist in jüngs­ter Zeit viel be­ach­tet wor­den. Ih­re farb­in­ten­si­ven Tu­sche­zeich­nun­gen wur­den in Ein­zel­aus­stel­lun­gen zum Bei­spiel im Mo­nash Uni­ver­si­ty Mu­se­um of Art in Mel­bourne und in der Cour­tauld Gal­le­ry in Lon­don vor­ge­stellt. Hough­ton war im vik­to­ria­ni­schen Lon­don ein an­ge­se­he­nes Tran­ce­me­di­um und zeich­ne­te un­ter dem di­rek­ten Ein­fluss von Geis­tern – zeit­le­bens blieb ihr grö­ße­re An­er­ken­nung für die Qua­li­tät die­ser Ar­bei­ten al­ler­dings ver­wehrt. Em­ma Kunz sag­te von ih­rer Kunst: „Mein Bild­werk ist für das 21. Jahr­hun­dert be­stimmt“. Und soll­te Recht be­kom­men. Zwar hat ihr Werk schon bei der ers­ten Prä­sen­ta­ti­on im Kunst­haus Aarau 1973/74 in­ter­na­tio­na­le Be­ach­tung ge­fun­den und war dann oft im Zu­sam­men­hang mit Outs­ider­kunst zu se­hen. Wur­de aber nur sel­ten im Kon­text der Klas­si­schen Mo­der­ne oder der Avant­gar­de dis­ku­tiert. Kunz er­kun­de­te mit­hil­fe ei­nes Pen­dels die Kraft­strö­me der Er­de und setz­te das Pen­del ein, um geo­me­tri­sche Bunt­stift­kom­po­si­tio­nen zu er­stel­len. Das Len­bach­haus zeigt jetzt erst­mals 50 groß­for­ma­ti­ge Zeich­nun­gen – ei­ne schö­ne Ge­le­gen­heit, in ih­re fas­zi­nie­ren­de Ge­dan­ken­welt und in ih­re be­tö­rend schö­nen Ar­bei­ten ab­zu­tau­chen.

Bunt­stift auf Kar­o­pa­pier: Em­ma Kunz pen­del­te ih­re geo­me­tri­schen Kom­po­si­tio­nen

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