THEA­TER

Welt­un­ter­gang, lus­tig be­trach­tet

In München - - INHALT - Ru­pert Som­mer

Ei­gent­lich ist das En­de der Welt doch ei­ne ganz un­ter­halt­sa­me Ver­an­stal­tung. Vor­aus­ge­setzt man sitzt ge­müt­lich und ist vom ei­gent­li­chen Ge­sche­hen als in­ter­es­sier­ter Be­ob­ach­ter nur mit­tel­bar be­trof­fen. Wie an­ders wä­re der an­hal­ten­de Er­folg von Sa­mu­el Be­cketts End­spiel zu er­klä­ren? Das ist zwar in klaus­tro­pho­bi­scher En­ge ei­nes Bun­kers an­ge­sie­delt, und oft ist nicht aufs ers­te Hin­hö­ren ganz klar, wor­über Hamm, sein Die­ner Cl­ov und Hamms El­tern Nagg und Nell da ge­nau spre­chen. Es mi­schen sich näm­lich im­mer auch die in­ne­ren Stim­men – die Macht der Er­in­ne­run­gen und die wei­ter wir­ken­den Träu­me – in den rau­nen­den Chor. Im­mer­hin ist die Au­ßen­welt kom­plett aus­ge­blen­det – Raum für frei her­um­to­ben­de As­so­zia­tio­nen. Und zum Glück na­tür­lich auch für viel kul­ti­vier­ten Un­sinn, sar­do­ni­schen Hu­mor und Wort­spiel­chen­ma­nie, die sich auch im An­ge­sicht des Un­ter­gangs nicht bän­di­gen lässt. Im­mer­hin gab der au­ßer­halb sei­ner Tex­te sonst oft so wort­kar­ge Ire einst ja selbst zu Pro­to­koll: „Ich möch­te dass in die­sem Stück viel ge­lacht wird“, so Be­ckett. „Es ist ein Spiel­stück.“(Re­si­denz­thea­ter, 16./23./29.11.)

Gut mög­lich, dass dem No­bel­preis­trä­ger auch der sa­ti­ri­sche Sci­ence-Fic­tion-Stoff Der Krieg mit den Mol­chen ganz gut ge­fal­len hät­te. Da­rin wird von der Ent­de­ckung hoch­in­tel­li­gen­ter Am­phi­bi­en er­zählt, die es schaf­fen, zu ei­ner ernst­zu­neh­men­den Wirt­schafts­kraft und da­mit zu ei­ner ge­fähr­li­chen Kon­kur­renz für die Mensch­heit auf­zu­stei­gen. Lan­ge wur­den die Glibber­krie­cher als Ar­beits­tie­re ein­ge­setzt, nun wa­gen sie end­lich den Auf­stand ge­gen ih­re Aus­beu­ter. Ein Abend, der nicht nur ei­ne Schleim­spur hin­ter­lässt, son­dern bri­san­te Fra­gen nach dem Raub­bau an der Um­welt und dem Fort­schritts­wahn auf­wirft. (Re­ak­tor­hal­le, 14./16. und 17.11.)

Vom ganz rea­len Hor­ror in der Ar­beits­welt von heu­te: Gera­de noch flut­schen die Ge­schäf­te der Kon­s­ack Gm­bH auf Hoch­tou­ren, schon bricht al­le ge­wohn­te Ord­nung zu­sam­men. Ein Wir­bel­sturm, der dem Stück sei­nen To­tal­aus­fall-Ti­tel gibt, lässt die Strom­ver­sor­gung ei­ner ge­sam­ten Re­gi­on zu­sam­men­bre­chen. Der IT-Che­fin des Be­triebs fällt es im­mer schwe­rer, ver­zwei­felt al­len An­for­de­run­gen ge­recht zu wer­den. Bur­nout ist na­tür­lich das The­ma, das auch die Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen auf der Büh­ne be­tref­fen könn­te: Im­mer­hin tei­len sich nur zwei Darstel­ler die zehn Rol­len, die im­mer­hin 20 Jah­re Ar­beits­le­ben in­sze­na­to­risch ein­fan­gen sol­len. (Pa­thos Thea­ter, 16./17.11.)

Et­was über­sinn­li­cher ist die Be­klem­mung in der Urauf­füh­rung des Ha­ral­dWiec­zo­rek-Stücks Grau­zo­ne – Ti­cket ins Nichts. In sel­bi­gem schwer zu de­fi­nie­ren­den Schat­ten­reich ste­cken zwei Män­ner, die eben erst in ei­nen fürch­ter­li­chen Un­fall ver­wi­ckelt wa­ren, fest. Plötz­lich be­kom­men sie es mit Zwi­schen­welt-We­sen zu tun, die sie mit nicht so ganz leicht zu lö­sen­den Fra­gen bom­bar­die­ren: Es geht dar­um, ob die Män­ner wirk­lich am Le­ben blei­ben wol­len und was sie bis­lang von ih­rer frag­wür­di­gen Exis­tenz hiel­ten. Pro­vo­kan­tes zur Nacht! (Ein­stein Kul­tur, 9. bis 11.11.)

Wie könn­te es über­haupt aus­se­hen, so ein ge­glück­tes Le­ben? Die­ser Fra­ge jagt na­tür­lich auch das The Black Ri­der-Mu­si­cal mit Mu­sik und Tex­ten von Tom Waits nach. Der Kult-Zau­sel hat­te sich da­für von der „Frei­schütz“Oper und der Le­gen­de von den Zau­ber­ku­geln, die an­geb­lich un­fehl­bar tref­fen, in­spi­rie­ren las­sen. Al­ler­dings ha­ben die Frei­schüs­se be­kannt­lich ih­ren Preis: Und den kas­siert der Teu­fel. Jo­chen Schölch, Re­gis­seur der Er­folgs­pro­duk­ti­on und Haus­herr im schmu­cken Thea­ter in Frei­mann, bringt sein Stück für die an­geb­lich nun wirk­lich letz­te Staf­fel zu­rück auf die Büh­ne. (Me­tro­pol­thea­ter, ab 15.11.)

So ganz weit ist der Weg da nicht mehr zur Mär­chen­oper (für die gan­zen Fa­mi­lie): Tann­häu­ser, der sin­gen­de Rit­ter, woll­te vom Baum mit den ver­bo­te­nen Früch­ten na­schen. Ob­wohl man das doch ei­gent­lich bes­ser wis­sen müss­te. Er­zählt wird, wie er sei­ne Aben­teu­er be­steht und ob er am Schluss doch noch Eli­sa­beths Herz ge­winnt. Al­les zu Richard-Wa­gnerKlän­gen. (Ga­s­teig Klei­ner Kon­zert­saal, 11.11.)

Kurz­wei­lig, vor al­lem in der def­ti­gen „Münch­ner Sprach­fas­sung“zu­wei­len wirk­lich zwerch­fell­er­schüt­ternd ko­misch, ist dann na­tür­lich auch der Mu­si­cal-Klas­si­ker My Fair La­dy, der sich nicht nur von Ber­nard Shaws „Pyg­ma­li­on“-Stück, son­dern auch vom be­rühm­ten Film von Ga­b­ri­el Pas­cal be­ein­flus­sen ließ. Der ge­stren­ge, aber dann eben doch weich­her­zi­ge Pro­fes­sor Hig­gings muss aus ei­nem ein­fa­chen Blu­men­mäd­chen ei­ne ele­gan­te Da­me von Welt ma­chen. Doch da­hin ist auch in der schmis­si­gen Fas­sung des Frei­en Lan­des­thea­ters Bay­erns ein lan­ger Weg. (Ga­s­teig Carl-Orff-Saal, 18.11.)

Für den di­rek­ten Ver­gleich – vor­aus­ge­setzt man ist des Eng­li­schen mäch­tig (Aus­spra­che­si­cher­heit un­we­sent­lich) emp­fiehlt sich na­tür­lich die Pyg­ma­li­on-Ins­ze­nie­rung des Ori­gi­nal­texts von Shaw. Den hat sich Re­gis­seur Paul Steb­bings vor­ge­nom­men. (Leo 17, 19./20.11.)

Was den Bri­ten ih­re gro­ßen Klas­si­ker und den Deut­schen ihr nim­mer­mü­der „Faust“, ist den Rus­sen der hier­zu­lan­de nicht all­zu be­kann­te Der Meis­ter und Mar­ga­ri­ta-Stoff, der eben­falls von ei­nem Teu­fels­pakt er­zählt. Der Ro­man von Mich­ail Bul­ga­kow mischt da­rin ziem­lich dreist Ele­men­te aus Sa­ti­re, Dra­ma, Fan­ta­sy und Schau­er­ro­man­tik. Kon­stan­tin Mo­r­eth, der auch die Büh­ne ge­stal­tet, holt das tur­bu­len­te Trei­ben auf die Büh­nen­bret­ter. (Pa­sin­ger Fa­b­rik, 9.11.)

Und dann wä­re da noch das nicht min­der wu­se­li­ge Aben­teu­er­spek­ta­kel Die Pi­ra­ten­prin­zes­sin, in dem die De­gen ge­kreuzt wer­den und die Mus­ke­ten rau­chen. Trei­ben­de Köp­fe des ful­mi­nan­ten Ope­ret­ten-Ver­gnü­gens sind die Mit­glie­der der Los Pop­pos-Trup­pe, die mit al­len Stars auf der Büh­ne ver­tre­ten ist. Und nach der Vor­stel­lung steigt mit dem Cha­os-Orches­ter na­tür­lich ei­ne nicht en­den wol­len­de Af­ter-Show-Par­ty. (Fei­er­werk Kr­an­hal­le, 15.11.)

Schö­ner-Spre­cher-Tor­tur: MY FAIR LA­DY

Psy­cho-Fol­ter zwi­schen Le­ben und Tod: GRAU­ZO­NE

Wei­ter­wurs­teln nach dem Strom­fall: TO­TAL­AUS­FALL

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