Selt­sa­me Zeit­ge­nos­sen

Zwei Ro­ma­ne auf der Büh­ne: „Der Mie­ter“im Mar­stall, die „Herd­manns“in der Schau­burg

In München - - BÜHNENSCHAU - Pe­ter Ei­den­ber­ger

Der 1997 ver­stor­be­ne Ro­land To­por war ein Tau­send­sas­sa. Er zeich­ne­te, ka­ri­kier­te, er ent­warf Büh­nen­bil­der und Thea­ter­pla­ka­te (in den 1990er Jah­ren auch für die Kam­mer­spie­le), und er schrieb, fürs Thea­ter oder bio­gra­fisch. Und auch Ro­ma­ne, wie „Der Mie­ter“. Von Ro­man Polan­ski einst hor­ror­ver­filmt, ver­zich­tet man am Mar­stall zum Glück, den Stoff auf den ak­tu­el­len Münch­ner Miet­hor­ror um­zu­kramp­fen. Ein dunk­ler, of­fe­ner Raum, von ei­nem Weg um­ran­det, hin­ten die Toi­let­te, vor­ne die Woh­nung, Stän­der mit Klei­dern der noch nicht ganz to­ten Vor­mie­te­rin, die sich aus dem Fens­ter ge­stürzt hat, ein paar Ma­trat­zen. Hier will der neue Mie­ter Trel­kovs­ky ein­zie­hen: Au­rel Man­thei zeigt ihn als freund­li­chen, selbst­be­wuss­ten Men­schen, der um die Mie­te zu han­deln weiß. Re­gis­seu­rin Blan­ka Rádóc­zy hat To­pors Ro­man auf ei­ne St­un­de ein­ge­dampft, und al­le Zu­sam­men­hän­ge er­klä­ren, will sie nicht. Es ist ein Abend der An­deu­tun­gen, nichts Ge­wis­ses weiß man nicht, und ge­nau das ist es, was das Grau­en hoch­treibt. Aus­ge­löst von der un­gu­ten Ru­he über dem Gan­zen, von ge­le­gent­li­chem Knar­zem ge­stört, die Vor­mie­te­rin wan­delt näch­tens vor­bei. Und das Ver­hal­ten der üb­ri­gen Haus­be­woh­ner ist min­des­tens selt­sam: der sehr be­stimmt auf­tre­ten­de, un­an­ge­neh­me, la­tent bru­ta­le Ver­mie­ter­spie­ßer von Joa­chim Nimtz, die ket­ten­rau­chen­de, ewig Bo­den wi­schen­de und ziem­lich su­spek­te Nach­ba­rin von An­na Gra­en­zer und der auf­dring­li­che Nach­bar von Re­né Du­mont. In Trel­kovs­ky nis­tet sich Un­si­cher­heit ein, Angst, er sucht nach rich­ti­gem, ak­zep­tier­tem Ver­hal­ten, was hier aber nicht mög­lich ist. Be­schwer­den, Ein­mi­schun­gen dro­hen je­der­zeit oder es pas­siert Sur­rea­les, Wahn­sin­ni­ges: ein­mal schie­ben sie ei­ne Müll­ton­ne mit dem Ver­mie­ter als sin­gen­den Gon­do­lie­re vor­bei. Spä­ter wer­den sie dem Mie­ter ein Kleid der Vor­mie­te­rin über­zie­hen. Und er en­det wie die­se, un­ter der Plas­tik­pla­ne lie­gend, im Hof. Viel Bei­fall. Bar­ba­ra Ro­bin­sons Ro­man „Hil­fe, die Herd­manns kom­men“ist längst ein Klas­si­ker. So frech und un­glaub­lich an­ti­au­to­ri­tär kam das Buch 1971 da­her, dass es nur ein­schla­gen konn­te, und so ist es nur lo­gisch, dass auch die Ju­gend­thea­ter sich die­sen Stoff nicht ent­ge­hen las­sen. Ein Glück für uns, dass die Schau­burg sich nun ein­reiht und mit der Büh­nen­fas­sung von Da­vid Gie­sel­mann die­se et­was an­de­re Weih­nachts­ge­schich­te kon­ge­ni­al in un­se­re Zeit be­amt. Ju­beln und Tram­peln: das Ur­teil des Pu­bli­kums ist ein­hel­lig für die­se herr­lich kraft­strot­zen­de Ins­ze­nie­rung von Mar­ce­lo Diaz. In der viel Be­we­gung ist, ja sein muss: denn in An­ja Furth­manns Büh­nen­bild – Spros­sen­wand­tun­nel, Ti­ger­kä­fig – turnt es sich präch­tig her­um. Die Bra­ven und um Au­to­ri­tät Kämp­fen­den – He­le­ne Sch­mitt, Klaus St­ein­ba­cher, Da­vid Be­ni­to Gar­cia und Si­mo­ne Os­wald als Schü­ler, Leh­rer, El­tern – ha­ben es na­tur­ge­mäß in die­ser Ge­schich­te schwer. Denn die wil­de Hor­de der Ge­schwis­ter Herd­mann ent­schließt sich, das dies­jäh­ri­ge Krip­pen­spiel zu ka­pern und al­le Sym­pa­thie ist na­tür­lich bei die­sem de­spek­tier­li­chen Sau­hau­fen, die­sen rotz­fre­chen Un­der­dogs. Was An­ne Bon­temps, Ja­nosch Fries, mit Ver­stär­kung von der Ever­ding-Thea­ter­aka­de­mie: Be­ne­dict Sie­ver­ding, Har­dy Pun­zel und Li­sa Schwar­zer, in den zwei St­un­den auf die Bret­ter le­gen, das ist feins­te Sah­ne. Trotz ober­coo­ler Sprü­che und ge­rap­tem Le­bens­ge­fühl: die­se zwerch­fell­er­schüt­tern­de So­zi­al­re­vol­te der Pu­ber­tie­re kennt auch lei­se Tö­ne. Ein Muss.

Wil­de Hor­de: HIL­FE, DIE HERD­MANNS KOM­MEN

Su­spek­te Ak­ti­vi­tä­ten: DER MIE­TER

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