Bil­der ei­ner Vor­stel­lung

Er­kun­dung der in­ne­ren Land­schaft: Das Münch­ner Stadt-mu­se­um zeigt Fo­to­ar­bei­ten von Ro­ni Horn bis Tho­mas Ruff

In München - - AUSSTELLUNGEN - Bar­ba­ra Tei­chel­mann

Land­schaft gibt es nicht. Genau­so­we­nig wie die Na­tur. Bei­des ha­ben wir er­fun­den. Und das ging in et­wa so: Erst ha­ben wir an­ge­fan­gen, un­se­re Um­ge­bung be­wusst wahr­zu­neh­men und dar­über nach­zu­den­ken. Mit die­ser Initi­al­be­wusst­wer­dung sind wir qua­si aus der all­um­fas­sen­den Ein­heit des Sei­en­den ge­hüpft. Sün­den­fall , wenn man so will. Kurz dar­auf ha­ben wir an­ge­fan­gen, den Din­gen Na­men zu ge­ge­ben, ein­zeln und Stück für Stück. Baum. Wol­ke. Son­ne. Blu­me. Gras. Fluss. Berg. St­ein. Kä­fer. Und so wei­ter. Tja, und dann ha­ben wir die ein­zel­nen Wort­bil­der im Kopf ne­ben­ein­an­der ge­legt, so dass ein grö­ße­res Bild ent­stand: Berg und Schnee und Wald zum Bei­spiel. Oder: Ne­bel und See. Die­ses Kopf­bild ha­ben wir dann auf un­se­re Um­ge­bung pro­ji­ziert und voi­là – die Land­schaft war er­fun­den. Na­ja, so un­ge­fähr. Dass Land­schaft nicht das ist, was wir se­hen, wenn wir spa­zie­ren ge­hen oder aus dem Zug­fens­ter schau­en oder auf dem Gip­fel ei­nes Ber­ges ste­hen, zeigt uns die Aus­stel­lung „Lan­d_S­cope“im Stadt­mu­se­um, mit Fo­to­ar­bei­ten aus der DZ Bank Kunst­samm­lung. Ja, und was ist Land­schaft dann? Ein al­ter­na­ti­ves Wort für Pro­jek­ti­ons­flä­che. Land­schafts­dar­stel­lun­gen, sei es in der Li­te­ra­tur, in der Ma­le­rei, im Film oder in der Fo­to­gra­fie spie­geln un­se­ren Ver­such wie­der, das ab­zu­bil­den, was uns um­gibt. Wir ver­su­chen, uns ein Bild von der Welt zu ma­chen, in­dem wir ein Bild ma­chen. Was ist die Welt, wer sind wir und wo ver­or­ten wir uns? Oder wie der Phi­lo­soph Vilém Flus­ser sag­te: „In der Phi­lo­so­phie wie in der Fo­to­gra­fie ist die Su­che nach ei­nem Stand­ort der of­fen­sicht­li­che Aspekt. Fo­to­gra­fie­ren ist phi­lo­so­phie­ren mit Bil­dern.“Es han­delt sich al­so um ei­ne phi­lo­so­phi­sche Aus­stel­lung, die sich auf ver­schie­de­nen Ebe­nen le­sen lässt, for­mal, in­halt­lich und bei­des ab­stra­hie­rend. Sehr oft steht man vor ei­nem Bild und sieht et­was und weiß gleich­zei­tig nicht, was man sieht, weil ei­nem der Me­ta­text fehlt. Was man sieht, ist das, was man mit­bringt: all die Land­schaf­ten und Land­schafts­bil­der, die man be­reits ge­se­hen hat. Al­so sor­tiert man in „Ken­ne ich“oder „Ken­ne ich nicht“oder „Er­in­nert mich an …“. Sa­scha Weid­ners Ar­beit im ers­ten Raum ist so ein Fall. Man steht vor ei­nem Bild, das ei­nen Schutt­berg zeigt. Sieht nach Zer­stö­rung und Krieg aus. St­ei­ne und Bal­ken, im Hin­ter­grund ei­ne hal­be Haus­wand. Die­sen Ort zu die­sem Zeit­punkt kennt man nicht. Aber man kennt ähn­li­che Bil­der der Zer­stö­rung. Und da ist noch et­was. In den Struk­tu­ren der ge­fal­le­nen Bal­ken er­ken­nen wir die Struk­tu­ren der in­ein­an­der­ge­scho­be­nen Eis­plat­ten auf dem 1824 ent­stan­de­nen Ge­mäl­de des Früh­ro­man­ti­kers Cas­par Da­vid Fried­rich. Und tat­säch­lich heißt die Fo­to­gra­fie von 2003 „Das Eis­meer II (nach C. D. Fried­rich)“. Es gibt vie­le gro­ße Na­men in die­ser Aus­stel­lung, von Wil­li­am Egg­les­ton über Jo­chen Gerz, Bea­te Güts­chow, Ro­ni Horn, Axel Hüt­te und Richard Mos­se bis Tho­mas Ruff. Und es gibt 130 groß­ar­ti­ge Ar­bei­ten zu se­hen, die zwi­schen 1972 und 2018 ent­stan­den sind und die gro­ße Viel­falt fo­to­gra­fi­scher Na­tur­dar­stel­lun­gen an­deu­ten. Ein wun­der­ba­rer Spa­zier­gang durch un­se­re Kopf­land­schaf­ten und Na­tur­vor­stel­lun­gen, die sich par­al­lel zu den tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten ent­wi­ckelt ha­ben. Lan­ge Zeit de­ter­mi­nier­te der Ho­ri­zont un­se­re Per­spek­ti­ve. Die di­gi­ta­le Bild­be­ar­bei­tung hat die­se einst so mäch­ti­ge Li­nie in be­weg­li­che Pi­xel zer­legt. Und so ist es nur kon­se­quent, dass man im letz­ten Raum auf Bil­der stößt, die gar nicht mehr re­al ge­macht, son­dern per Com­pu­ter er­rech­net wur­den. Wie ge­sagt, ein wun­der­ba­rer Spa­zier­gang.

Re­mi­nis­zenz an die Kunst­ge­schich­te: Sa­scha Weid­ners (1974–2015) Zer­stö­rungs­sze­ne zi­tiert C. D. Fried­richs Bild „Das Eis­meer“von 1824.

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