East Park

In München - - LITERATUR - Jon­ny Rie­der

„Wie sieht’s denn mit Pro­tes­ten aus?“Klar. Das juckt ihn. Se­bas­ti­an Pilz. Wind­kraft­in­ves­tor aus dem fie­sen Schwarz­wald. Die­se Ro­tor-God­zil­las se­hen auch nach zwan­zig Jä­ger­meis­tern noch nicht aus wie ein fucking Mai­baum. Wol­len die we­nigs­ten vor dem Gar­ten­zaun ha­ben. Ist ja nicht wirk­lich das, was ei­nem so um die Oh­ren ge­pimpt wird auf den De­ko- und Ein­rich­tungs-Ide­en-Sei­ten die­ser in­fla­tio­nä­ren Re­tro-Schol­le-Idyll-Heft­chen. Rand­lust, Kaff­spaß, Drecks­nest­lie­be, Acker­gau­di, Pam­pa Glück, Pro­vinz Joy, Hin­ter­tup­f­ing Plea­su­re ... und wie sie al­le hei­ßen. „... ein biss­chen“be­schwich­tigt Ar­ne Sei­del. Er kennt sei­ne Ge­röll­hei­mer. Sei­del ist der Bür­ger­meis­ter von Un­ter­leu­ten. Qua­si tiefs­tes Funk­loch Bran­den­burgs. „Na, Un­ter­schrif­ten sam­meln, Trans­pa­ren­te ... Hat ei­ne Art Streik ge­ge­ben heu­te Mor­gen, hab ich ge­hört.“Al­so nichts, was ei­ner In­ves­ti­ti­ons­of­fen­si­ve im Weg stün­de. „ ...in der Re­gel läuft der Esel da lang, wo die Ka­rot­te hängt. Gell“, sagt Pilz. „Man muss nur gscheid we­deln.“Er kennt die Na­tur­ge­set­ze des Ka­pi­ta­lis­mus. Ju­li Zeh hat ih­re ei­ge­ne Ver­si­on der Post-Zo­nen-Coun­try­si­de. Mehr Apo­ca­lyp­se Now als Mi­chel aus Lön­ne­ber­ga. Nur oh­ne Na­palm und Agent Oran­ge. So schnell kann sich der Wind gar nicht dre­hen, wie hier neue Al­li­an­zen ver­ein­bart wer­den. Und so schnell kann der Bier­schaum gar nicht zer­fal­len, wie die Ab­ma­chun­gen ge­bro­chen wer­den. Die un­be­ant­wor­te­te Fra­ge: Was hält die­ses Un­ter­leu­ten ei­gent­lich zu­sam­men? Blind­heit? Rei­bach-Com­mit­ment? Trott­ness? Plan-B-Man­gel? Je­den­falls ein ver­dammt am­bi­tio­nier­tes Hör­spiel. Die ak­tu­el­len und his­to­ri­schen Ver­flech­tun­gen der Fi­gu­ren – wer was mit wem und war­um – er­in­nern an die­sen So­zio­gramm­künst­ler Mark Lom­bar­di. Man freut sich über je­de Fi­gur, die man sich mer­ken kann. Glo­ba­li­sie­rung sei Dank wu­seln in Un­ter­leu­ten nicht bloß Icke-Det­te-Zo­nis. Baye­risch und ba­disch sind will­kom­me­ner Me­mo­sup­port. Smart mo­ve: ei­ne Zweit­stim­me be­glei­tet je­weils den Sprech­text der Un­ter­leu­te­ner wie ei­ne Denk­bla­se – un­hör­bar für die an­de­ren Fi­gu­ren. Per­ma­nen­ter Bitch-Alert. Bis­wei­len ist et­was viel Hys­te­rie im Spiel, so­dass ei­nem das Dorf­le­ben arg auf die Lau­scher rückt. Aber das kommt die­sem vir­tuo­sen Coun­try­ba­shing ja ir­gend­wie auch zu­gu­te.

Ju­li Zeh: Un­ter­leu­ten. Hör­spiel von Ju­dith Lor­entz mit Hil­mar Eich­horn, Wolfram Koch, Bettina Kurth, Axel Prahl, Swet­la­na Schönfeld, Udo Wacht­vei­tel, Tan­ja Wed­horn, u.a., 6 CD, ca. 5 Std., Rbb/NDR 2018, www.ho­er­ver­lag.de

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