Ach­tung, hier kommt ein mis­sio­na­ri­scher Ge­dan­ken­fluß! (und bricht recht­zei­tig ab)

In München - - BELÄSTIGUNGEN -

Der Win­ter ist ei­ne pa­ra­do­xe Ver­an­stal­tung. Mas­sen von möp­seln­den, mie­fen­den, mur­ri­gen und knur­ri­gen Men­schen­we­sen pres­sen sich zu Zei­ten, in de­nen das Ta­ges­licht nicht mal dar­an denkt, sich an­zu­schal­ten, in seu­chi­ge U-BahnZü­ge, um sich an … na ja, nicht Or­te, eher: Stel­len schie­ßen zu las­sen, wo sie sich mit Mas­sen von möp­seln­den, mie­fen­den, mur­ri­gen und knur­ri­gen Men­schen in Ge­bäu­de hin­ein­pres­sen kön­nen, um … Ge­gen­stän­de in die Hand zu neh­men und wo­an­ders wie­der hin­zu­stel­len, Pa­pier und Ma­gnet­spei­cher mit Zei­chen voll­zu­krit­zeln und zu -müllen, sich da­mit zu stres­sen, ih­re Ge­streßt­heit zu de­mons­trie­ren, und zu stöh­nen, wie gern sie jetzt und über­haupt ganz was an­de­res tä­ten. Nach der vor­ge­schrie­be­nen Zeit, in der sie dies tun „müs­sen“, ei­len sie durch er­neut dunk­le Stra­ßen, pres­sen sich er­neut in U-Bahnzü­ge, ra­sen durch ne­on­licht­ver­seuch­te Wa­ren­hal­len, stop­fen Ta­schen mit di­ver­sen Ge­men­gen aus Wei­zen­mehl, In­dus­trie­fett und Zu­cker voll, über­flu­ten der­weil un­ab­läs­sig ihr Hirn mit leg­as­the­ni­schen Pseu­do­mel­dun­gen aus den zu­ge­wu­cher­ten Rand­be­zir­ken der Ma­trix, ab­sol­vie­ren nach Ver­til­gung der mi­kro­wel­len­ge­sot­te­nen Ge­men­ge ei­ne Ein­heit che­misch in­du­zier­ten Schlaf, aus dem sie sich von elek­tro­ni­schen Alarm­ge­räu­schen prü­geln las­sen, um … ge­nau das­sel­be wie­der zu tun, Tag für Tag. Der­weil lä­chelt die Son­ne in den we­ni­gen St­un­den, die ihr der Fürst der Fins­ter­nis zu­ge­steht, trüb und me­lan­cho­lisch vor sich hin, weil nie­mand sie se­hen will. In den lee­ren Kn­ei­pen ver­trei­ben sich ein­sa­me Kell­ner grau­ge­sich­tig die lee­re Zeit mit den glei­chen leg­as­the­ni­schen Pseu­do­mel­dun­gen oder zäh­len die Fäs­ser, in de­nen die wert­vol­le Frucht in Jahr­tau­sen­den per­fek­tio­nier­ter Brau­kunst trau­rig dar­auf war­tet, daß je­mand sie ge­nießt. Kann aber nie­mand; die Ta­ge sind zu kurz, es muß ge­schuf­tet, be­stellt, ge­kauft, ge­schleppt, ge­sta­pelt, ro­tiert, ge­lie­fert und ent­sorgt wer­den, Mas­sen von Zeugs und noch grö­ße­re Mas­sen von Zeugs, wenn das „Fest“naht, das an­geb­lich da­zu dient, der Ge­burt ei­nes Er­lö­sers zu ge­den­ken, der mit sei­ner Er­lö­sungs­tä­tig­keit of­fen­sicht­lich gran­di­os ge­schei­tert ist. Da stei­gert sich die Ra­se­rei zur apo­ka­lyp­ti­schen Hys­te­rie, bren­nen künst­li­che Tan­nen, kotzt man die Ka­na­li­sa­ti­on mit über­flüs­si­gen Le­bens­mit­teln voll, fol­tert sich mit Block­flö­ten, und wenn der Kra­gen en­er­gisch platzt, löscht man im Hand­streich gan­ze Fa­mi­li­en aus und sehnt Mit­te De­zem­ber den Mai her­bei, in dem ei­nem My­thos zu­fol­ge al­les ganz an­ders und neu wer­den soll. Die Mehr­heit in­des ver­liert die Ge­duld, preßt sich in flie­gen­de U-Bahn-Imi­ta­tio­nen und läßt sich in Ge­gen­den schie­ßen, die aus­schau­en wie der Hin­ter­hof ei­nes Me­ga­s­u­per­markts, wo aber im­mer­hin die Son­ne brennt und Tan­te Aga­the ei­nen nicht fin­det. War­um das al­les an­geb­lich („Rea­li­tät“!) „nun mal“so sein muß, weiß nie­mand. Nicht der Igel, der der­weil fried­lich un­ter sei­nem Laub­hau­fen schlum­mert und im Traum ein wun­der­schö­nes Jahr an sich vor­bei­zie­hen läßt. Nicht der Baum, der sein ge­brauch­tes Laub dem Igel schenkt, sich ins Wur­zel­werk mum­melt und aus­ge­fal­le­ne Ast­wuchs­mus­ter für den nächs­ten Früh­ling er­sinnt. Und so­wie­so nicht der Mensch. Der näm­lich müß­te sei­ner ver­schüt­te­ten Na­tur ge­mäß fol­gen­des tun: nichts. Das heißt: ge­müt­lich im Bett her­um­gam­meln, die Vor­rä­te aus dem Som­mer ver­spei­sen, sich lus­ti­ge, nach­denk­li­che, wich­ti­ge und blöd­sin­ni­ge Ge­schich­ten er­zäh­len, sich wär­men, strei­cheln, lie­ben und im Arm hal­ten, hin und wie­der den Ofen an­schü­ren und ein Buch aus dem Re­gal zie­hen oder neue Mu­sik auf­le­gen und sich abends um den Zapf­hahn ver­sam­meln, um in grö­ße­rer Ge­sell­schaft das glei­che zu tun und zu­frie­den be­rauscht wie­der un­ter die De­cke zu krie­chen, sich von der Spät­vor­mit­tags­son­ne not­dürf­tig wach­kit­zeln zu las­sen und … ge­nau das­sel­be wie­der zu tun, Tag für Tag. Bis ir­gend­wann der Kro­kus sprießt und die Vö­gel zwit­schernd mel­den, daß die Wie­sen warm und tro­cken ge­nug sind, um dort her­um­zulüm­meln. Wie­so das von den Mas­sen von möp­seln­den, mie­fen­den, mur­ri­gen und knur­ri­gen Men­schen­we­sen da drau­ßen nie­mand tut, weiß auch ich nicht. Ich ver­mu­te je­doch, daß sich die­se Spe­zi­es, die einst so an­mu­tig, be­schei­den und zu­frie­den den Erd­ball be­völ­ker­te wie Igel, Baum und al­le an­de­ren Zeit­ge­nos­sen, erst durch die trot­zi­ge Ver­wei­ge­rung des Win­ter­schlafs in die vor­lie­gen­de, von kei­nem Er­lö­ser mehr er­lös­ba­re Mas­se von möp­seln­den, mie­fen­den, mur­ri­gen und knur­ri­gen Er­schei­nun­gen ver­wan­delt hat. Daß sie sich un­ter­be­wußt für ih­ren Zu­stand und ihr un­wür­di­ges Ge­we­se schämt und es des­we­gen in den Un­ter­grund und hin­ter di­cke Mau­ern ver­legt hat (oder ist schon mal ein Igel auf die Idee ge­kom­men, U-Bah­nen, Auf­ent­halts­räu­me und Pro­fit-Cen­ter zu bau­en?). Und daß die­ser Zwangs­lauf der De­ge­ne­ra­ti­on da­zu füh­ren wird, daß in nicht all­zu fer­ner Zeit al­les mög­li­che auf dem Erd­ball her­um­kreu­chen und -fleu­chen wird (mög­li­cher­wei­se so­gar ein paar selbst­fah­ren­de Au­tos), aber ga­ran­tiert kein Men­schen­we­sen mehr. „Du darfst nicht ver­ges­sen“, mahnt die Liebs­te, „heu­te noch dei­ne Ko­lum­ne zu schrei­ben!“Oh, huch. Da bricht er ab, der mis­sio­na­ri­sche Ge­dan­ken­fluß, das Eich­kätz­chen auf dem Fens­ter­brett ki­chert spöt­tisch, und der Spie­gel zeigt ein wei­te­res Ex­em­plar der o. g. Spe­zi­es. Das je­doch ge­lobt, sich zu bes­sern und un­mit­tel­bar nach dem Punkt am En­de die­ses Sat­zes da­mit an­zu­fan­gen. Gu­te Win­ter­nacht!

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