Wahl­ver­wandt­schaf­ten

„Sho­p­lif­ters – Fa­mi­li­en­ban­de“von Hi­ro­ka­zu Ko­re-eda

In München - - KURZ BELICHTET - Gebhard Hölzl

Der Ti­tel trügt. Hier geht es we­der um Te­en-Gö­ren die sich in den No­bel­bou­ti­quen von L.A. kos­ten­frei mit Lu­xusac­ces­soires aus­stat­ten, noch um pro­to­ty­pi­sche US-Nerds, die bei ih­ren un­ge­len­ken Raub­zü­gen durch Me­ga-Malls für ko­mö­di­an­ti­sches Cha­os sor­gen. Die Die­bes­tou­ren bei „Sho­p­lif­ters – Fa­mi­li­en­ban­de“die­nen ein­zig dem Über­le­ben ei­ner ja­pa­ni­schen Fa­mi­lie, die sich am Ran­de des Exis­tenz­mi­ni­mums be­wegt. Ei­ne all­ge­mein­gül­ti­ge Sto­ry, für die Hi­ro­ka­zu Ko­re-eda, Meis­ter in Sa­chen Be­ob­ach­tung, stil­len Er­zäh­lens und schlei­chen­der Es­ka­la­ti­on, in Can­nes mit der Gol­de­nen Pal­me aus­ge­zeich­net wur­de. Auf den ers­ten Blick ein be­kann­tes Set­ting: Ei­ne Groß­mut­ter, ih­re bei­den er­wach­se­nen Töch­ter, der Ehe­mann der ei­nen und de­ren ge­mein­sa­mer Sohn. Zu­sam­men wohnt man auf engs­tem Raum. Man liegt sich in den Haa­ren, isst, lacht. Das Geld ist knapp, al­le tra­gen zum Un­ter­halt bei. Oma Hatsue (Ki­ki Ki­lin) be­zieht ei­ne klei­ne Ren­te. Va­ter Osa­mu (Li­ly Fran­ky) jobbt am Bau, Mut­ter No­buyo (An­do Sa­ku­ra) in ei­ner Rei­ni­gung und de­ren Halb­schwes­ter Aki (Matsuo­ka Mayu) stellt sich hin­ter dem Ein­weg­spie­gel ei­nes Strip­clubs zur Schau. Schnell wird je­doch klar, dass die Shi­ba­tas al­les an­de­re als ei­ne Durch­schnitts­fa­mi­lie sind. So klaut der zwölf­jäh­ri­ge Sho­ta (Jyo Kai­ri) re­gel­mä­ßig Le­bens­mit­tel, sein als selbst­ver­ständ­lich hin­ge­nom­me­ner Bei­trag zum fa­mi­liä­ren Ein­kom­men. In Be­we­gung ge­ra­ten die Din­ge, als Va­ter und Sohn gleich­sam ne­ben­bei die vier­jäh­ri­ge Yu­ri (Sa­sa­ki Miyu) „mit­neh­men“, die spät­abends al­lei­ne in der Käl­te sitzt. Man ver­sorgt das ver­nach­läs­sig­te – viel­leicht so­gar miss­han­del­te – Kind mit ei­ner war­men Mahl­zeit und be­schließt, es zu be­hal­ten. Bis ei­nes Ta­ges ein un­vor­her­ge­se­he­ner Zwi­schen­fall die Fa­mi­li­en­ge­heim­nis­se ans Licht bringt ... Ein­mal mehr in­ter­es­siert sich der viel­fach prä­mier­te Re­gis­seur für den Mi­kro­kos­mos Fa­mi­lie, spie­gelt dar­in all­ge­mein­gül­ti­ge so­zia­le Zu- und Miss­stän­de. Wie schon in „No­bo­dy Knows“ be­schreibt er laut ei­ge­ner Aus­sa­ge ei­nen „ge­sell­schaft­lich vor­ver­ur­teil­ten“Per­so­nen­kreis, von „Wut“ge­trie­ben er­klärt er die Mo­ti­va­ti­on sei­ner Fi­gu­ren. Auf die Po­si­ti­on des stil­len Be­ob­ach­ters zieht er sich da­für zu­rück, ei­nem Wis­sen­schaft­ler gleich, po­si­tio­niert die Ka­me­ra – von Kon­do Ryu­to un­auf­fäl­lig ge­führt – fast bei­läu­fig und lässt die Sze­nen lau­fen. Oh­ne ins Ge­sche­hen ein­zu­grei­fen, treff­lich un­ter­malt vom zu­rück­hal­ten­den Sco­re Ho­so­no Ha­ruo­mis. In der Ru­he liegt die Kraft. Er­in­ne­run­gen an die ein­dring­li­chen, ähn­lich ge­la­ger­ten Ar­bei­ten Ya­su­jirō Ozus wer­den wach. Kein Tem­po­ma­chen, kei­ne hek­ti­schen Schnit­te, kei­ne un­nö­ti­gen Sze­nen. Ko­re-eda ver­traut sei­nem ei­ge­nen, zwin­gend auf­ge­bau­ten Dreh­buch, kon­zen­triert sich aufs Spiel sei­nes über­zeu­gend agie­ren­den En­sem­bles. Tie­fer Hu­ma­nis­mus zeich­net die Ge­schich­te aus, im­mer wie­der ist man zu Trä­nen ge­rührt – oh­ne dass auf die Trä­nen­drü­se ge­drückt wür­de. Hier wird ge­zeigt, nicht ge­ur­teilt, ab­ge­bil­det, nicht dra­ma­ti­siert, und da­bei die Uto­pie ei­nes auf­rich­ti­gen Mit­ein­an­ders von Wahl­ver­wandt­schaf­ten be­schwo­ren. Das al­ler­dings er­laubt die Käl­te und Gna­den­lo­sig­keit ei­nes mo­der­nen In­dus­trie­staats nicht.

Mensch­li­ches Mit­ein­an­der

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