Die et­was an­de­ren Weih­nachts­lie­der

In München - - MEINE PLATTE - Diet­mar Schwen­ger

Ganz hin­ten in der Plat­ten­kis­te, hin­ter den Weih­nachts­ver­öf­fent­li­chun­gen von Wham oder Phil Spec­tor, ste­hen sie: die Al­ben und Singles von Künst­lern wie The Fall oder Mons­ter Ma­gnet, de­nen man gar kein Lied zum Fest zu­ge­traut hät­te. Ge­ra­de das aber macht die­se Songs, die man kaum auf „Rock Christ­mas“-Zu­sam­men­stel­lun­gen fin­den dürf­te, um­so at­trak­ti­ver. Ja, auch The Fall, die Band um den am 24. Ja­nu­ar 2018 ver­stor­be­nen Grant­ler Mark E. Smith, ha­ben sich tat­säch­lich mit dem The­ma Weih­nach­ten be­schäf­tigt – wenn auch auf ih­re ganz ei­ge­ne Art und Wei­se. Auf dem De­büt­al­bum „Li­ve At The Witch Tri­als“von 1979 be­fin­det sich näm­lich mit „No Christ­mas For John Qu­ays“ein rum­peln­des Punk-Stück, ver­stö­rend, hart und schnell. Wer sich die Mü­he macht und ver­sucht, die erup­tiv aus­ge­sto­ße­nen Sprach­fet­zen von Mark E. Smith zu ver­ste­hen, hört bei dem schnell aus­ge­spro­che­nen Na­men „John Qu­ays“eher das Wort „Jun­kies“und kann ent­spre­chend den gan­zen Song als ei­ne Be­schrei­bung ei­nes Süch­ti­gen auf­fas­sen, der sich schmerz­haft nach sei­nem Stoff ver­zehrt, für den die Be­sche­rung je­doch aus­bleibt. Das ist ei­ne zu­min­dest ori­gi­nel­le Nut­zung der Weih­nachts­m­e­ta­pho­rik – wenn auch nicht ganz im bi­bli­schen Sin­ne. Ähn­lich un­christ­lich ge­hen Mons­ter Ma­gnet auf ih­rem epo­cha­len Neo-Psy­che­de­lic-Meis­ter­werk „Dopes To In­fi­ni­ty“aus dem Jahr 1995 vor. Ihr Song „De­ad Christ­mas“, ein mä­an­dern­der Ma­el­strom aus Tö­nen und Text, ver­liert sich im psy­che­de­li­schen Ne­bel, aber ir­gend­et­was Schlim­mes muss zu Weih­nach­ten pas­siert sein, wenn es in dem Track heißt „I said fuck you on Christ­mas and then they put me to bed“. Doch auch hier gibt es Hoff­nung, wenn Mons­ter-Ma­gnet-Ober­scha­ma­ne Da­ve Wyn­dorf am En­de man­tra­haft wie­der­holt: „I’ll see you around, ba­be“. Poe­tisch ver­schach­telt ist auch John Ca­les wun­der­sa­me Be­schrei­bung ei­nes „Child’s Christ­mas In Wa­les“aus sei­nem frü­hem Meis­ter­werk „Pa­ris 1919“von 1973. Ver­tont der Wa­li­ser hier ei­ge­ne Kind­heits­er­in­ne­run­gen oder geht es um die Ir­run­gen und Wir­run­gen des eben­falls im Text ge­nann­ten Ko­lum­bus? Aber schließ­lich ha­ben ja auch Weih­nachts­rät­sel ih­re Be­rech­ti­gung. Aus dem­sel­ben Jahr stammt auch „Christ­mas For The Free“von Ar­gent. Die Nach­fol­ge­band der gran­dio­sen (und seit 14 Jah­ren re­for­mier­ten) Zom­bies (mit Hits wie „She’s Not The­re“und „Ti­me Of The Sea­son“jüngst mit Uriah Heep im Cir­cus Kro­ne zu Gast) hat den Song auf ih­rem vier­ten Al­bum, „In Deep“, ver­öf­fent­licht (das auch den spä­ter von Kiss ge­co­ver­ten Kra­cher „God Ga­ve Rock’n’ Roll To You“ent­hält). An­ders als sei­ne Kol­le­gen Smith, Wyn­dorf und Ca­le hat der Sän­ger, Pia­nist und Kom­po­nist Rod Ar­gent hier ei­ne kla­re Bot­schaft for­mu­liert: In deut­li­chen Wor­ten be­schreibt er, ein­ge­bun­den in ei­nen Mid­tem­po-Stamp­fer, den Wi­der­spruch zwi­schen Weih­nach­ten; den da­mit ver­bun­de­nen Vor­stel­lun­gen von Har­mo­nie und Glück ei­ner­seits und der rea­len Welt aus Hun­ger und Leid an­de­rer­seits.

Dass die Beat­les ei­nen Be­zug zum Christ­fest hat­ten, weiß man spä­tes­tens seit ih­ren 2017 end­lich of­fi­zi­ell ver­öf­fent­lich­ten Fan­club-Weih­nachts­sin­gles, aber auch an­de­re Six­ties-Le­gen­den ka­men um Weih­nach­ten nicht her­um. So griff Kinks-Sän­ger und Song­wri­ter Ray Da­vies das The­ma iro­nisch ge­bro­chen, aber letzt­lich doch mit so­zia­lem Sen­dungs­be­wusst­sein auf. Denn die 1978 er­schie­ne­ne Kinks-Sing­le „Fa­ther Christ­mas“er­zählt die Ge­schich­te ei­nes Kauf­haus­weih­nachts­manns, der von ei­ner Te­enager-Gang an­ge­grif­fen wird: Er sol­le ih­nen ech­tes Geld ge­ben oder et­wa da­für sor­gen, dass ihr Va­ter ei­nen Job fin­det. Und mit ei­nem ähn­lich star­ken Ge­spür für die me­lo­dra­ma­ti­sche Kraft des Weih­nachts­mo­tivs hat­ten The Who das The­ma be­reits 1969 auf­ge­grif­fen. Auf dem „Tom­my“-Al­bum steht der schlicht „Christ­mas“be­ti­tel­te Song sinn­bild­lich für all die Freu­den, die der blin­de und taub­stum­me Prot­ago­nist ent­beh­ren muss. Mit star­ken wie poe­ti­schen Wor­ten kon­tras­tiert Pe­te Town­s­hend hier die weih­nacht­li­chen Ri­tua­le wie auf­ge­regt strah­len­de Kin­der­ge­sich­ter in der weih­nacht­li­chen Win­ter­son­ne mit dem Schick­sal sei­nes Hel­den Tom­my, der nicht wis­se, wer Je­sus ge­we­sen oder was für ein Tag ge­ra­de sei. Dass das Weih­nachts­fest ei­ne viel­schich­ti­ge Me­ta­phern­welt öff­net, weiß auch Jo­an Ba­ez, die be­kannt­lich 1966 mit „No­el“ein im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes klas­si­sches Weih­nacht­s­al­bum in ih­rem Ka­non hat. 2003 aber nahm sie für ih­re Song­samm­lung „Dark Chor­ds On A Big Gui­tar“mit „Christ­mas In Wa­shing­ton“ei­nen da­mals be­reits sechs Jah­re al­ten Pro­test­song aus der Fe­der von Ste­ve Ear­le auf, in dem es um die we­nig weih­nacht­li­che Stim­mung geht, die die trü­ben Nach­rich­ten aus dem US-Re­gie­rungs­sitz ver­brei­ten. Nun fah­re al­les zur Höl­le, heißt es im Text (ei­ne an­schei­nend ewig ak­tu­el­le Aus­sa­ge, wenn man an den jet­zi­gen Chef­pol­te­rer im Wei­ßen Haus denkt), und for­dert gleich­sam wie bei ei­ner re­li­giö­sen Heils­er­war­tung die Rück­kehr al­ter Hel­den wie Woo­dy Gu­thrie, Joe Hill, Mar­tin Lu­ther King oder Mal­colm X, um Hoff­nung zu ge­ben in schwe­ren Zei­ten. Noch dra­ma­ti­scher aus­ge­stal­tet hat­te Lau­ra Ny­ro die weih­nacht­li­che Bil­der­welt als po­li­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen Weck­ruf be­reits 1970 auf ei­nem Long­play­er, dem ne­ben ih­ren bahn­bre­chen­den Ar­bei­ten wie dem De­büt, „Eli And The Thir­teenth Con­fes­si­on“und „New York Tend­a­b­er­ry“sträf­lich un­ter­be­wer­te­ten Al­bum „Christ­mas And The Beads Of Sweat“. Zwar ist die­se LP, an­ders als der Al­bum­ti­tel ver­mu­ten lässt, kein rich­ti­ges Weih­nacht­s­al­bum mit tra­di­tio­nel­len Songs, aber der weih­nacht­li­che Geist durch­weht gleich­sam al­le Stü­cke. Herz- und Schluss­stück des Al­bums ist die em­pha­ti­sche, sie­ben­mi­nü­ti­ge Hym­ne „Christ­mas In Your Soul“, ei­nes der po­li­tischs­ten State­ments im Werk der 1997 ver­stor­be­nen Sin­ger/Song­wri­te­rin aus New York. In dem Song, der sich von ei­ner stil­len Pia­no-Bal­la­de bis zu ei­nem ful­mi­nan­tem Gos­pel-Soul stei­gert, denkt die Sän­ge­rin am Weih­nachts­tag an ein von Krieg, Schmerz und kor­rup­ter Po­li­tik zer­fres­se­nes, ja ster­ben­des Ame­ri­ka, nennt ex­pli­zit die in­haf­tier­ten Black-Pan­ther-Kämp­fer und die Ak­ti­vis­ten der Chi­ca­go Se­ven. Da­ge­gen singt sie sich die See­le aus dem Leib und be­schwört mit Lie­be und Frie­den eben je­nes „Christ­mas In My Soul“als ei­ne Ge­gen­welt zu der un­weih­nacht­li­chen Wirk­lich­keit her­auf. Auch das ist Weih­nach­ten – und Songs wie die­se ha­ben es ver­dient, ganz vorn in den Kis­ten mit Weih­nachts­plat­ten ein­sor­tiert zu wer­den. Der Au­tor ist Re­dak­teur bei der Fach­zeit­schrift Mu­si­kWo­che und freut sich dar­über, seit 2002 al­le Jah­re wie­der für die­se Sei­ten in den Tie­fen sei­ner um­fang­rei­chen Weih­nachts­plat­ten­samm­lung stö­bern zu dür­fen.

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