ORTSGESPRÄCH mit Fried­rich Ani

Fried­rich Ani

In München - - INHALT - In­ter­view: Ru­pert Som­mer

Lei­den­schaft­li­cher Tre­sen-Ste­her, Wel­tGie­sin­ger, gu­ter Zu­hö­rer und ei­ner der pro­duk­tivs­ten Au­to­ren der Kri­miZunft: Fried­rich Ani, ob­wohl in Ko­chel am See ge­bo­ren, ist kein Typ für das weiß­blaue Idyll. Eher für die dunk­len Sei­ten Mün­chens und ih­re ver­lo­re­nen See­len. Viel­leicht braucht er ge­nau des­we­gen im­mer wie­der Ab­stand: Zwi­schen zwei gro­ßen Ro­man­pro­jek­ten hat er sich der­zeit nach Sylt zu­rück­ge­zo­gen – mit gro­ßem Si­cher­heits­ab­stand. Wie er die Schi­cki­mi­cki-Geleck­ten auf Dis­tanz hält, weiß er von Hau­se aus recht gut.

Herr Ani, kurz vor Weih­nach­ten ha­ben Sie sich an die stür­mi­sche Nord­see zu­rück­ge­zo­gen. Das klingt ja tat­säch­lich nach ei­nem Ver­miss­ten­fall, wie Sie ihn selbst schon öf­ter in Ih­ren Bü­chern ge­schil­dert ha­ben.

Ich fah­re schon seit über 15 Jah­ren re­gel­mä­ßig nach Sylt. Um zu ar­bei­ten. Oder ein­fach nur, um ins Of­fe­ne und ins Wei­te zu schau­en. Ich brau­che das. Für mich ist das See­len­nah­rung.

Jetzt ha­ben Sie sich aber die rau­es­te Zeit aus­ge­sucht – wenn die Win­ter­stür­me an­bre­chen.

Bis­lang hat­te ich Glück. Die Stür­me wa­ren da, be­vor ich kam. Im Mo­ment ist es ge­mischt. Heu­te ha­ben wir fast kla­ren Him­mel. Son­nig, aber na­tür­lich sehr kalt. Das ist mir recht so. Sie ken­nen ja si­cher den al­ten Spruch aus der Ge­gend hier: Es gibt kein schlech­tes Wet­ter, es gibt nur schlech­te Klei­dung. Ich bin auch nicht das ers­te Mal um die­se Jah­res­zeit hier oben. Ich hab es ger­ne so. Ich mag das Raue – das pus­tet mich durch. Und gibt mir neue Ener­gie.

Aber schon auch im Frei­en? Oder sit­zen Sie hin­ter der Glas­ve­ran­da mit den rei­chen Da­men aus Ham­burg am Tee­tisch?

Nein, nein. Ich bin ge­ne­rell auf Sylt gern in Ge­gen­den, wo das klas­si­sche „Bun­te“-Per­so­nal sich eher nicht auf­hält. Da ich ja Münch­ner bin, weiß ich, wie man das macht, dass man gro­ßen Ab­stand zu be­stimm­ten Krei­sen hält. Ob­wohl die In­sel ja gar nicht so groß ist, bie­tet sie vie­le Mög­lich­kei­ten und We­ge, für sich zu sein – so­gar im Som­mer. Die Luft und das Licht sind groß­ar­tig. Und sie tun mir gut. Des­we­gen kom­me ich hier her – zum Schrei­ben oder auch zum Nicht-Schrei­ben.

Rhyth­mi­sie­ren Sie so auch Ihr Ar­bei­ten: Muss ein Buch ab­ge­schlos­sen sein, und dann bläst der fri­sche Wind durch den Kopf?

Im Mo­ment bin ich tat­säch­lich froh, hier zu sein. Weil ich in die­sem Jahr sehr viel ge­ar­bei­tet ha­be. An Dreh­bü­chern. Und an ei­nem grö­ße­ren Ro­man, der nächs­tes Jahr er­scheint. Ich bin zu­letzt wirk­lich viel am Schreib­tisch ge­ses­sen, um zu ackern. Des­we­gen muss­te ich auch mei­ne ei­gent­lich ge­plan­te Som­mer­rei­se nach Sylt ab­sa­gen. Jetzt bin ich froh, dass ich ab­ge­se­hen von ei­ni­gen Kor­rek­tu­ren, mit de­nen ich mich noch be­schäf­ti­ge und ei­ni­gen klei­ne­ren Ge­dan­ken, die ich zu Pa­pier brin­gen möch­te, hier mal nichts tun muss. Ich bin nur am Ge­hen und Schau­en.

So rich­tig kann man sich das bei Ih­nen gar nicht vor­stel­len, dass Sie auch mal frei von den Stof­fen sind.

(lacht) Ich be­mü­he mich dar­um. Ei­ne Wo­che klappt das auch im­mer ganz gut. Dann muss ich schon wie­der an­fan­gen, mir ein paar No­ti­zen zu ma­chen. Ich ge­be mir seit Jah­ren red­lich Mü­he, dass die stil­le Pha­se mal über zehn Ta­ge an­dau­ert. Dass ich eben nur le­se, spa­zie­ren ge­he und aufs Meer schaue.

Man kennt aus der Li­te­ra­tur­ge­schich­te ver­schie­de­ne Mu­sen. Manch­mal ste­cken sie ja auch in den brau­nen Bier­fla­schen. Wie er­rei­chen Sie Ih­re Ge­schich­ten? Die­se las­sen Sie oft nicht mehr so schnell los­las­sen, oder?

Es ist schon so, dass ich mit Ab­schluss ei­nes Ro­mans oder ei­ner wich­ti­gen Sa­che ins Freie ren­ne. Ich las­se mich dann schon noch lan­ge von den Stof­fen be­glei­ten. Oft ist das aber auch tech­nisch be­dingt. Wenn ich et­wa Kor­rek­tu­ren ma­che oder vom Ver­lag Rück­mel­dung be­kom­me. Auf der rein hand­werk­li­chen Ebe­ne geht es noch lan­ge wei­ter. Aber ich ha­be das auch recht gern, dass ich mich nach dem Druck der Ar­beit noch wei­ter mit den Leu­ten be­schäf­ti­gen kann, die mir am Her­zen lie­gen. Und von de­nen ich schrei­be. Das ist beim mir beim Schrei­ben ähn­lich wie beim Le­sen. Ich bin kein Typ, der ein Buch nach dem an­de­ren we­g­liest. Man muss im­mer ei­nem Buch noch Raum ge­ben, wenn man es ge­le­sen hat. So ist es auch beim Schrei­ben: Dass näm­lich die­se Fi­gu­ren, die ich in die Welt ge­setzt ha­be, noch wei­ter in mir nach­hal­len. Und die Ge­schich­te treibt mich wei­ter um.

Mit ei­nem ei­gent­lich ein­ge­schwo­re­nen Ein­zel­gän­ger wie Ih­rem Ta­bor Sü­den, der Sie ja schon lan­ge über meh­re­re Ro­ma­ne hin­weg be­glei­tet, müs­sen Sie dann ja so­gar noch in den Ho­tel­zim­mern sit­zen, wenn Sie auf die Le­se­rei­sen ge­hen.

Das ist aber nicht schwer. Ich ken­ne die­se Fi­gur schon lan­ge. Und mit der Ge­schich­te „Der Narr und sei­ne Ma­schi­ne“bin ich sehr ger­ne un­ter­wegs. Sie liegt mir sehr am Her­zen. Und da kann ich gut mit mei­nen Fi­gu­ren un­ter­wegs sein.

Wer Sü­den als Le­ser und Fan liebt, muss ja im­mer Sor­ge ha­ben, dass er wirk­lich mal vom Haupt­bahn­hof weg, wo Ihr jüngs­ter Ro­man an­fing, ir­gend­wo ein­steigt und so ver­schwin­det, dass ihn auch die gu­ten Spu­ren­le­ser nicht mehr wie­der fin­den.

Das kann und wird schon so pas­sie­ren.

Mit „Der Narr und sei­ne Ma­schi­ne“ha­ben Sie ja nicht nur den Sü­den-Fans ei­ne Freu­de ge­macht, son­dern sich auch ei­ne schwie­ri­ge Auf­ga­be auf­er­legt. Wie schwer war es Ih­nen ge­fal­len, in ei­nem Ih­rer Ro­ma­ne als Fi­gur auch ein­mal ei­nen Schrift­stel­ler vor­kom­men zu las­sen?

Das war äu­ßerst schwie­rig. Ich hat­te das so noch nie ge­macht, ob­wohl ich es zu­vor schon mal ver­sucht hat­te. Ich glau­be, das macht je­der Au­tor ir­gend­wann mal. Ei­nen Schrift­stel­ler als Haupt­fi­gur zu neh­men, ist sehr dün­nes Eis. Aber in die­sem Fall war es ja kei­ne zu 100 Pro­zent aus­ge­dach­te Fi­gur, son­dern ein Schrift­stel­ler vor dem Hin­ter­grund des ame­ri­ka­ni­schen Au­tors Cor­nell Wool­rich. Das hat mir ge­hol­fen, mei­ne Furcht zu re­du­zie­ren. Da war ein Schutz­en­gel an mei­ner Sei­te. Trotz­dem ha­be ich ge­merkt, dass das Schrei­ben über ei­nen Schrift­stel­ler in­ter­es­san­te As­so­zia­tio­nen weckt. Und dann doch auch ins Au­to­bio­gra­fi­sche kippt. Weil ich wuss­te, dass die Ge­schich­te re­la­tiv kurz wird, ha­be ich dem frei­en Lauf ge­las­sen. Das passt schon.

In­wie­fern?

Der Schrift­stel­ler Cor­ne­li­us Hal­lig hat ge­nau­so Zü­ge von mir wie der Sü­den.

Trotz­dem ge­ben Sie dem Schrift­stel­ler al­lein schon mit dem Ro­man-Ti­tel eins vor die Na­se: Der Narr an der Ma­schi­ne ist schon er, oder?

Es be­zieht sich ja auf ein Zi­tat von Cor­nell Wool­rich und ist zu­nächst ein­mal ei­ne Selbst­be­schrei­bung von ihm. Mit mir oder mei­ner Schrift­stel­ler­fi­gur hat das erst mal nichts zu tun. Aber ich woll­te, dass mein Schrift­stel­ler am En­de sei­nes Le­bens auch so ei­nen Blick auf sich selbst wirft. Es ist ei­gent­lich ein ver­söhn­li­cher Blick. Es ist ein fast zärt­li­ches, rüh­ren­des Zi­tat, das ich an den An­fang mei­nes Buchs ge­stellt ha­be. Die Rück­schau ist ei­ne Art Out­ta­ke aus sei­ner Au­to­bio­gra­fie.

Was ver­ra­ten Sie uns denn schon über Ihr neu­es gro­ßes ab­ge­schlos­se­nes Pro­jekt, den Ro­man fürs nächs­te Jahr?

Das Buch wird im Ju­ni bei Suhr­kamp er­schei­nen und „All die un­be­wohn­ten Zim­mer“hei­ßen. Ein Ti­tel, der ei­gent­lich wie­der ein­mal ei­ne Ver­miss­ten­the­ma­tik auf­macht. Der Ro­man han­delt aber von et­was an­de­rem. Das ei­gent­li­che Pro­jekt die­ses Ro­mans war, dass ich drei Kom­mis­sa­re und ei­ne Kom­mis­sa­rin zu­sam­men­ge­schlos­sen ha­be – näm­lich Ta­bor Sü­den, Po­lo­ni­us Fi­scher und Ja­kob Franck. Da­zu kommt mit Fa­ri­za Nas­ri ei­ne neue Fi­gur, ei­ne Frau da­zu, die ähn­lich wie ich ei­nen sy­ri­schen Va­ter hat­te und nun bei der Po­li­zei ar­bei­tet. Die­se Vier müs­sen zwei ziem­lich kom­ple­xe Fäl­le lö­sen und ge­hen auf je­weils ih­re Wei­se an die Sa­che ran.

Das klingt ja nach ei­ner span­nen­den Team-Auf­stel­lung. Sie ha­ben ih­re Fi­gu­ren mal als so aut­ark be­schrie­ben, dass Sie sich als Spiel­lei­ter ver­ste­hen, der sei­ne Mann­schaft auch zie­hen lässt. Schi­cken Sie tat­säch­lich wie ein Fuß­ball­trai­ner ih­re Leu­te aus Feld?

Es ist ver­mut­lich erst ein­mal ein sehr krü­cken­haf­ter Ver­such zu er­klä­ren, was beim Schrei­ben pas­siert. Ich bin ja nicht so ein Aus­den­ker. Ich hat­te auch nie Zet­tel­käs­ten oder ei­ne Art ge­hei­mes Pro­gramm­heft für das, was ich in Gang set­ze. Mir er­schien es plötz­lich in­ter­es­sant, dass die­se Fi­gu­ren, die ja al­le be­schä­digt sind und ums Da­sein rin­gen, ein­fach so da­her­kom­men. Es ist nicht so, dass ich sie ru­fen und ei­nen gro­ßen Plan auf­stel­len muss. Die Fi­gu­ren kom­men aus so ei­ner Art kos­mi­scher Gar­de­ro­be zu mir – und wol­len dann von mir in­sze­niert wer­den. Sie sa­gen dann: Spiel mich! Dann ge­be ich mir Mü­he.

Wie muss man sich denn Fried­rich Ani pri­vat vor­stel­len? Wie viel be­ob­ach­ten Sie von der Welt, bis Ih­re Er­zähl­ma­schi­ne in Gang kommt?

Das vom Rand her in die Men­ge schau­en, ha­be ich schon als Ju­gend­li­cher ent­deckt. Von die­ser un­auf­fäl­li­gen War­te aus krie­ge ich mit, was ge­schieht. Wie die Men­schen zap­peln. Und wie sie ver­su­chen, sich aus­zu­drü­cken und über die Run­den zu kom­men. Es ist mir nie ge­lun­gen, län­ger al­lei­ne in ei­nem Gast­haus zu sit­zen. Im­mer stellt sich je­mand zu mir her und er­zählt mir ei­ne Wahn­sinns­ge­schich­te. Kei­ne Ah­nung, wie die­se Leu­te je­weils hie­ßen. Of­fen­bar löst mei­ne pu­re An­we­sen­heit so et­was aus. So ha­be ich im Lau­fe des Le­bens viel ge­lernt.

Dann ist das „Zum To­ny’s St­überl“, ih­re Gie­sin­ger Stamm­knei­pe in der Mar­tin-Lu­ther-Stra­ße, so ein Be­ob­ach­ter­pos­ten? Ja, auch. Ob­wohl ich ger­ne auch mal ver­su­che, wo hin zu ge­hen – und nur ein Bier zu trin­ken. Oder ein­fach mal blöd zu sein. Ich muss nicht im­mer im Di­enst sein wie ein Po­li­zist.

Im­mer­hin gibt’s ja auch ei­ne gro­ße Ver­ant­wor­tung. Es gibt doch noch die St­überl-Re­gel: Was drin­nen pas­siert, muss nicht un­be­dingt nach drau­ßen drin­gen.

Eben. Das kommt ja noch da­zu. Ich bin der Letz­te, der ir­gend­was ab­schreibt oder nach drau­ßen trägt. Es gibt zwar ei­ne kur­ze Ge­schich­te, die ich ex­tra für die „Schaum­schlä­ger“-Rei­he im Ver­eins­heim ge­schrie­ben ha­be. Die han­delt vom To­ny – ist aber na­tür­lich frei er­fun­den. Es wird lus­tig dar­ge­stellt, aber nie­mand vor­ge­führt.

Ei­gent­lich sind die St­überl und Ste­haus­schank-Tre­sen ja auch nicht im­mer das, was man den al­ler­kom­mu­ni­ka­tivs­ten Ort nen­nen wür­de. Vie­le ste­hen dort – und schwei­gen.

Ja ge­nau. Das soll auch so blei­ben. Ich brau­che kei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on. Ich will nur wo sein und ste­hen. Das ist das Wich­tigs­te: nicht sit­zen!

Ernst­haft? We­gen der Er­dung? Oder der Flucht­we­ge?

We­gen dem Rü­cken! Ich sit­ze viel, ste­he aber gern. Ich bin ein Steht­rin­ker. Und ich brau­che am Tre­sen auch nicht viel Kom­mu­ni­ka­ti­on. Ich bin froh, wenn ich nicht je­den Schmarrn mit­kom­men­tie­ren muss. Was manch­mal gar nicht so ein­fach ist: Weil das oft mür­risch oder so­gar ab­wei­send wirkt. Aber so bin ich nicht, so et­was zu den­ken, wä­re Un­sinn. Ich bin wirk­lich gern im St­überl, ste­he dort so – und ha­be mei­ne Ru­he. Und Ra­dio Ara­bel­la läuft im Hin­ter­grund.

Kein Typ ...

... für das weiß­blaue Idyll

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