(K)ein Kind von Trau­rig­keit

„Ja­nis: Litt­le Girl Blue“von Amy Berg

In München - - KURZ BELICHTET - Chris­ti­na Raf­te­ry

Strom­schlä­ge durch ei­ne Stim­me: Dass ein Film über Ja­nis Jo­p­lin zum Trip wird, soll­te in der Na­tur der Sa­che lie­gen. Mit Mei­len­stei­nen wie „Me and Bob­by McGee“und „Pie­ce of My He­art“so­wie Rock­plat­ten-Klas­si­kern wie „Cheap Thrills“und „Pe­arl“war­das Na­tur­ta­lent aus Te­xas See­le und Aus­hän­ge­schild der kul­tu­rel­len Re­vo­lu­ti­on der 1960er. Doch Amy Bergs Do­ku­men­ta­ti­on „Ja­nis: Litt­le Girl Blue“geht weit über die elek­tri­sie­ren­den Auf­trit­te der Hip­pieBlues-Iko­ne in Mon­te­rey, Wood­stock und dem le­gen­dä­ren „Fes­ti­val Ex­press“hin­aus. Vor­ge­tra­gen von der Sän­ge­rin Chan Mar­shall ali­as Cat Po­wer ge­ben Ja­nis’ Brie­fe an ih­re El­tern dem mit­rei­ßen­den Por­trait sei­ne Struk­tur, schmerz­lich in­ti­me Ver­su­che, der rat­lo­sen Fa­mi­lie ih­ren re­bel­li­schen Weg zu er­klä­ren. Ein le­gi­ti­mes do­ku­men­ta­ri­sches Ver­fah­ren? In Ja­nis’ Fall liegt ei­ne po­si­ti­ve Ant­wort na­he. Das fast rüh­ren­de Ver­trau­en und die Ehr­lich­keit, die sie bei­spiels­wei­se in Fern­seh-In­ter­views zu Ta­ge leg­te, präg­te auch ih­re Be­zie­hung zum Pu­bli­kum. Trotz Blu­men im Haar er­schien Ja­nis auf der Büh­ne nicht als „gent­le per­son“, viel­mehr als vor Ener­gie und Schmerz bers­ten­de Ur­ge­walt. Raue Stim­me und die Songs ein „ein­zi­ges Fle­hen um Paa­rung“, wie es im Film heißt: Um Ver­bin­dung mit den Zu­hö­rern ging es ihr, um das Of­fen­le­gen ih­rer ge­sam­ten Per­son, um das kom­plet­te Ver­schmel­zen mit der Mu­sik und der auf­ge­heiz­ten Men­ge. Ein ver­meint­li­ches Meer von Lie­be, das jen­seits der Büh­ne kei­nen Be­stand hat­te. In der Schu­le in Port Ar­thur, Te­xas, galt die in­tel­lek­tu­el­le und en­ga­gier­te Ja­nis als „Nig­ger-Lo­ver“und Freak. An der Uni­ver­si­tät in Te­xas wur­de sie zum „häss­lichs­ten Men­schen auf dem Cam­pus“ge­wählt. Ver­let­zun­gen, die blie­ben: Bei al­ler Hem­mungs­lo­sig­keit und Pro­vo­ka­ti­on auf der Büh­ne trieb sie zeit­le­bens das Be­dürf­nis, ge­liebt und ak­zep­tiert zu wer­den. Die frü­he Hip­pie-Com­mu­ni­ty in San Fran­cis­co schien ein Ven­til zu sein, der Blues so­wie­so und vor al­lem die Büh­ne. Ih­re ek­sta­ti­schen Li­ve­shows spie­gel­ten den Ex­zess ih­res Le­bens, in dem je­der Rausch dop­pelt kom­pen­siert wer­den muss­te. Spä­ter sag­te Kim Gor­don (So­nic Youth), die sich eben­so wie Stevie Nicks, Court­ney Lo­ve, PJ Har­vey, Joss Sto­ne und Amy Wi­ne­hou­se di­rekt auf sie be­ru­fen: „Als ich ih­re Stim­me als Te­enager hör­te, wuss­te ich, dass sie das Vor­bild da­für war, kei­ne Angst da­vor zu ha­ben, mu­tig et­was aus­zu­pro­bie­ren, das erst mal häss­lich er­schien, um et­was ganz Neu­es und Schö­nes zu er­schaf­fen.“Sän­ge­rin Pink be­kennt sich gar zu ei­ner „tie­fen, spi­ri­tu­el­len Ver­bin­dung“zu Ja­nis. In In­ter­views mit Ja­nis’ Fa­mi­lie und Weg­ge­fähr­ten wie Bob Weir von „The Gra­te­ful De­ad“und mit reich­lich un­ver­öf­fent­lich­tem Kon­zert- und Stu­dio­ma­te­ri­al – ei­ni­ges vom le­gen­dä­ren Fil­me­ma­cher D.A. Pen­ne­baker („Mon­te­rey Pop“) ge­dreht – zeigt Amy Berg den ers­ten weib­li­chen Rock­star als an­stren­gen­de, die Mas­sen be­we­gen­de Frau, die al­le um­garn­te und der we­ni­ge ge­wach­sen wa­ren. Nicht häss­lich, nur trau­rig und im­mer wei­te­re klei­ne Stü­cke aus ih­rem Her­zen rei­ßend.

Der ers­te weib­li­che Rock­star: Hip­pie- und Blues-Iko­ne Ja­nis Jo­p­lin

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