Mit Pe­dal­kraft ins neue Jahr

Schon ist wie­der die Zeit für ei­ne ers­te Hu­mor­bi­lanz ge­kom­men

In München - - KABARETT - Ru­pert Som­mer

Chris­tia­ne Bramm­ers Hof­spiel­haus ist ei­ne der will­kom­mens­ten Be­rei­che­run­gen der Klein­kunst­sze­ne des ver­gan­ge­nen Jah­res. Zum Jah­res­be­ginn lässt die Thea­ter­che­fin kräf­tig in die Pe­dal tre­ten, um sich die Stadt­sze­ne und den öf­fent­li­chen Raum noch wei­ter zu er­schlie­ßen. Mög­lich macht das An­dré Hart­mann, der ge­fei­er­te Pro­mi-Imi­ta­tor und nicht min­der wie­sel­flin­ke Tas­ten­der­wisch. Mit sei­nem „Rik­scha Sight­see­ing von A bis Z“ar­bei­tet Mün­chens „Rik­scha Klei­der­mann“den ei­ge­nen Fest­tags­speck ein we­nig ab. Da­für steigt man in sein Fahr­rad­ge­fährt und lässt sich von ihm –als Münch­ner, Tou­rist oder künf­ti­ger Mün­chen-Lieb­ha­ber –die schöns­ten Or­te der In­nen­stadt fach­kun­dig, kunst­fer­tig und char­mant er­stram­peln. Mit auf der Kutsch­fahrt sind zwölf nam­haf­te Gäs­te, die Hart­mann selbst­ver­ständ­lich al­le selbst ver­kör­pert. (Hof­spiel­haus,7.1. bis 9.1. und 14./15.1.)

Mit gro­ßer Lust an der Ve­rän­de­rung und be­flü­gelt durch jah­res­zeit­li­che Frisch­luft bricht auch das Fast­food Thea­ter in das neue Jahr auf. Ab so­fort spielt man den Im­pro-Klas­si­ker „Best of Li­fe“je­weils mon­tags im Schlacht­hof – dem Ort, der ge­nau ge­nom­men dank des „Impro­cups“oder des „Thea­ter­sports“schon seit Jah­ren ein ge­müt­li­ches Zu­hau­se bie­tet. Los geht’s am 11.1. mit ei­nem Sze­nen-Ma­ra­thon fast al­ler Fast­food-Mit­wir­ken­den. Al­ler­dings ist die­ses Drei-St­un­den-Fest be­reits aus­ver­kauft. Der „Impro­cup“geht dann am 23.1. in ei­ne neue Run­de, un­ter an­de­rem mit dem Vor­jah­res­sie­ger, dem le­gen­där ori­gi­nel­len Im­pro­vis­ta So­ci­al Club aus Wi­en. (Schlacht­hof, ab 11.1.)

Nur auf der Ober­flä­che hört sich die An­sa­ge, die man im GOP Thea­ter mit der neu­en Pro­duk­ti­on Ma­chi­ne de Cir­que macht, be­droh­lich an: „Die Welt steht Kopf!“, heißt es dort. „2016 wird die Er­de, wie wir sie ken­nen, un­ter­ge­gan­gen sein“, tönt Re­gis­seur Vin­cent Du­bé. Aber kei­ne Ban­ge: Da­hin­ter ver­birgt sich die Ma­nie der quir­li­gen Haus­trup­pe, al­les, was ihr dies­mal in die Hän­de fällt, auf den Kopf zu stel­len. Her­aus­kommt ein Abend zwi­schen Come­dy-Slap­stick, be­ein­dru­cken­der Ar­tis­tik und Mo­men­ten in­ten­si­ver Ro­man­tik. (GOP Thea­ter, ab 15.1.)

Den Blick zu­rück wen­det die Re­vue Män­ne, hak’ mir mal die Tail­le auf!, die an fei­ne mu­sik­ka­ba­ret­tis­ti­sche Fri­vo­li­tä­ten der 1910er Jah­re er­in­nert. Da­mals wa­ren Franz Lehár, Os­car Straus, Paul Lincke und Ralph Be­natz­ky Welt­stars der Ope­ret­ten­pro­duk­ti­on. Was nur we­ni­ge wis­sen: Lehár und Co. schrie­ben als Haus­kom­po­nis­ten und Ka­pell­meis­ter Lie­der für das li­te­ra­ri­sche Ka­ba­rett die­ser schil­lern­den Zeit. Da­bei wag­ten sie durch­aus Un­ge­heu­er­li­ches: Sie stell­ten die da­mals gel­ten­den Ge­schlech­ter­ver­hält­nis­se und die Moral­vor­stel­lun­gen der Kai­ser­zeit auf den Kopf. Sie kön­nen das eben auch. (Künst­ler­haus, 15.1.)

Nur nach vorn ge­hen die Au­gen bei Mar­kus Lay­mann, Ma­rio Schul­te und Re­né Frot­scher: Sie ver­nei­gen sich mit „Das Wun­der von 40 Jah­ren Hep­pel & Ett­lich“nicht nur vor ih­rer gro­ßen klei­nen Büh­ne. Sie bli­cken auch auf 4.000 Jah­re Zau­ber­kunst zu­rück. (Hep­pel & Ett­lich, 17.1.)

Kaum hat man sich ein we­nig an das neue Jahr mit der noch un­ge­wohn­ten „2016“-Schrei­bung ge­wöhnt, ist für Ec­co Mei­ne­ke schon wie­der die Zeit ge­kom­men, ei­ne ers­te Bi­lanz zu zie­hen. „Jah­res­rück­blick 2016“wirft ein sa­ti­ri­sches Schlag­licht auf die ers­ten 17 Ta­ge – ge­treu der her­aus­ge­press­ten De­vi­se: „Herr­je, wie die Zeit ver­geht!“Nun sieht er es für ge­bo­ten an, die ers­ten High­lights aus­zu­leuch­ten und der To­ten zu ge­den­ken. (Ver­eins­heim, 14.1., Lach- und Schieß­ge­sell­schaft, 17.1.)

Für Al­f­red Mit­ter­mei­er steht jetzt schon fest: „Ex­tra­wurst ist aus.“Gut mög­lich, dass auch die­se Er­kennt­nis ein Jah­res­mot­to wer­den könn­te. „Wir le­ben in ei­ner Zeit, in de­nen die Luft dünn, das Geld knapp und der Depp all­ge­gen­wär­tig ist“, stellt der gu­te Mann mit scho­nungs­lo­ser Klar­heit fest. „Flucht ist nicht mög­lich, da es kei­ne Gren­zen mehr gibt. Eu­ro­pa ist of­fen, die Welt ein di­gi­ta­ler Wurst­kes­sel.“(La­chund Schieß­ge­sell­schaft, 18./19.1.)

Nicht so leicht aus der Ru­he brin­gen lässt sich da­ge­gen Ma­thi­as Ram­mel­mei­er aus der Ober­pfalz. Zu­min­dest hört sich sein Pro­gramm­ti­tel so an: „Denk da nix, dann feihlt da nix“. Da­rin lässt er in bes­ter Fredl-Fessl- bzw. Han­sSöll­ner-Ma­nier Dor­flie­der­ge­schich­ten rund um Snai­zel­ring auf­le­ben. So lernt man die vor Ort be­rüch­tig­te Dor­frat­schen eben­so ken­nen wie den um­trie­bi­gen Nach­barn, der aus­ge­rech­net sams­tags­frühs um fünf sei­nen Hof pflas­tern muss. (Schlacht­hof, 15.1.)

Ein ech­ter Wei­ser ist be­kannt­lich Man­fred O. Tau­chen, der „Watz­mann“-Erst­be­stei­ger. Er lässt mit sei­nem neu­en Pro­gramm „Nicht für das Le­ben ler­nen wir“tief bli­cken. Als le­ben­des Hör­buch möch­te sich Tau­chen da­bei auf die Su­che nach der Wahr­heit be­ge­ben. Kein leich­ter Weg, denn für die Wahr­heit der Welt hat an­geb­lich nur den aus­rei­chend Ver­stand, der ihn ver­liert. „Die Ka­ta­stro­phe be­ginnt da­mit, dass man aus dem Bett steigt.“(Ver­eins­heim, 12.1.)

Sehr wahr­schein­lich, dass man auch von Tho­mas Quast­hoff, dem welt­weit ge­fei­er­ten Bass­ba­ri­ton, vie­les ler­nen kann. Im­mer­hin kennt er die Kon­zert­sä­le von New York bis To­kyo, von Kap­stadt bis Reyk­ja­vik. Und er weiß meis­tens ziem­lich ge­nau, wel­che Pap­pen­hei­mer dort jen­seits des Orches­ter­gra­bens lau­ern. Sein Be­glei­ter Micha­el Fro­win, sei­nes Zei­chens aben­teu­er­lus­ti­ger, welt­of­fe­ner Ka­ba­ret­tist, ist eben­falls weit her­um­ge­kom­men –al­ler­dings im Nah­be­reich. Von Zwie­sel bis Zin­no­witz und von Castrop-Rau­xel bis Ot­ten­dorf-Okril­la. Ur­ko­mi­sches ver­spre­chen bei­de dar­zu­bie­ten. Harm­lo­ses si­cher nicht. Und ge­sun­gen wird auch. (Volkstheater, 17.1.)

Bleibt zum Ab­schluss Ma­ri­us Jung, der auch ei­ne Art Mu­sik­pro­gramm mit­ge­bracht hat, wenn auch ei­nes mit Wi­der­spruchs­geist: „Sin­gen kön­nen die al­le!“nimmt dump­fe Vor­ur­tei­le und po­li­ti­sche kor­rek­te Plat­ti­tü­den aus der Sicht des schwar­zen Ka­ba­retts ins Vi­sier. Da­bei zeich­net er au­gen­zwin­kernd sei­nen Weg vom Re­gen in die Trau­fe nach –vom „Ne­ger“zum „Ma­xi­mal­pig­men­tier­ten“. So bit­ter­bö­se schum­mert’s im Mul­ti­kul­ti-Eck, wenn man mal das auf­klä­re­ri­sche Licht ein­schal­tet. (Volkstheater, 15.1.)

Rik­scha Klei­der­mann: AN­DRÉ HART­MANN

Ein ganz Ei­li­ger: EC­CO MEI­NE­KE

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