End­lich: Mün­chen wird schnee­si­cher

Win­ter­ver­gnü­gen im Kun­stare­al, zeit­ge­nös­si­sche Pro­vo­ka­ti­on und ein run­der Ge­burts­tag.

In München - - AUSSTELLUNGEN - Al­ten Pi­na­ko­thek. Deut­sche Thea­ter­mu­se­um Bar­ba­ra Tei­chel­mann

Letzt­lich ist es dann doch recht un­spek­ta­ku­lär, wenn man am 1. Ja­nu­ar auf­wacht. Man mä­an­dert halt so rü­ber, ins neue Jahr. Und am 2. Ja­nu­ar hat man sich eh schon dran ge­wöhnt, weil al­les Neue, an das man sich nicht ge­wöhnt, an­stren­gend wird. So ist er halt, der Mensch. Aber ge­nau das ist ja das Schö­ne an der Kunst. Dass sie ei­nen stän­dig mit Neu­em kon­fron­tiert, so­dass man sich gar nicht dar­an ge­wöh­nen kann. Und an gu­te Kunst kann man sich eh nicht ge­wöh­nen. Wo­bei man jetzt na­tür­lich nach­fra­gen kann, was „gut“in die­sem Zu­sam­men­hang be­deu­ten soll. Wahr­schein­lich wä­re es tref­fen­der, von „funk­tio­nie­ren­der“Kunst zu spre­chen. Ho­we­ver. Fan­gen wir ein­fach an mit der neu­en Kunst im neu­en Jahr.

Und weil man ja auch im Win­ter raus soll in die Na­tur, der fri­schen Luft und der UV-Strah­lung we­gen, blei­ben wir gleich mal drau­ßen und tref­fen uns vor der Hier herrscht ab 8. Ja­nu­ar 100-pro­zen­ti­ge Schnee­si­cher­heit. Kunst­schnee­si­cher­heit zwar, aber im­mer­hin. Mit drei Schnee­ka­no­nen – wie sie der­zeit zu tau­sen­den in un­zäh­li­gen Ski­ge­bie­ten im Ein­satz sind – wird Philipp Mess­ner (geb. 1975) die Süd­wie­se vor der Pi­na­ko­thek in ei­ne bun­te Win­ter­land­schaft zau­bern. Clouds (8. Ja­nu­ar bis 5. Fe­bru­ar, Künst­ler­ge­spräch am 22. Ja­nu­ar um 18:30 Uhr im Vorhoel­zer Fo­rum in der TUM) nennt er die­ses Kunst­pro­jekt. Bunt? Ja­woll, bunt: „Durch die Bei­ga­be von Le­bens­mit­tel­far­be im Was­ser­zu­lauf der Ma­schi­nen wird far­bi­ger Kunst­schnee er­zeugt, der die­sen zen­tral ge­le­ge­nen Stadt­raum im Kun­stare­al Mün­chens mit kris­tal­li­nen Farb­schich­ten be­deckt.“So­weit der Plan. Denn wie­viel bun­ten Schnee es ha­ben wird die­ses Jahr, ent­schei­det letzt­lich dann doch das Wet­ter. Die Ka­no­nen wer­den erst ab ei­ner Au­ßen­tem­pe­ra­tur von -3 °C in Be­trieb ge­nom­men. Wenn’s al­so wei­ter­hin warm bleibt, kön­nen wir vor der Pi­na­ko­thek doch nicht Lang­lau­fen. Ob es Schnee gibt, ist al­so eben­so un­vor­her­seh­bar wie die skulp­tu­ra­len For­men der Farb­flä­chen und -hü­gel. Und an­ders als im Mu­se­um, wo man ja im­mer ei­nen si­che­ren Si­cher­heits­ab­stand wah­ren muss, darf man sich hier in die Kunst hin­ein­be­ge­ben. Es ist so­gar aus­drück­lich er­wünscht. Al­so, egal ob Schnee­ball­schlacht, Iglu bau­en, Schnee­en­gel oder Lang­lau­fen – al­les er­laubt. Ein per­for­ma­tiv skulp­tu­ra­les Hap­pe­ning for ever­y­bo­dy, äh für jedermann. Jetzt, wie kommt man da­zu, es in der Stadt schnei­en zu las­sen? Ei­ne Er­klä­rung könn­te sein, dass Mess­ner in Bo­zen ge­bo­ren und auf­ge­wach­sen ist und das nächt­li­che Ge­röh­re der Schnee­ka­no­nen lan­ge Zeit ei­ne do­mi­nan­te Ton­spur im Sound­track sei­nes Le­bens war. Und jetzt, wo er in Mün­chen wohnt, will er zei­gen, wie es in Süd­ti­rol so läuft. Kann sein. Aber ei­gent­lich geht es dem Ab­sol­ven­ten der Wie­ner Kunst­aka­de­mie um Künst­lich­keit und Rea­li­tät und um die Wahr­neh­mung von Rä­um­lich­keit und Ma­te­ria­li­tät. Durch die Far­big­keit wird der Schnee zum Zitat sei­ner selbst, qua­si zum Me­ta-Schnee. So ent­steht ei­ne re­al exis­tie­ren­de und zu­gleich abs­trak­te Land­schaft, die man den­kend oder mit Schu­hen be­tre­ten kann.

Ei­ne an­de­re Art der Neu­for­mu­lie­rung von Wirk­lich­keit bie­tet die Ga­le­rie stør­punkt. Sie zeigt ak­tu­el­le Ar­bei­ten von zeit­ge­nös­si­schen Künst­lern zum The­ma Pro­vo­ka­ti­on, wes­halb die Aus­stel­lung Pro­vo­ka­teu­re heißt (Ver­nis­sa­ge am Don­ners­tag, den 14. Ja­nu­ar ab 19 Uhr, 15. Ja­nu­ar bis 19. Fe­bru­ar). Elf Künst­ler wur­den aus­ge­wählt „aus hun­der­ten von Be­wer­bern“. Man ahnt gar nicht, wie vie­le Pro­vo­ka­teu­re es of­fen­bar gibt. In die Aus­stel­lung ge­schafft ha­ben es aber nur elf. Zum Bei­spiel der Fo­to­graf Pe­ter Un­ter­mai­er­ho­fer. Er zeigt in sei­ner Se­rie „Lost Pla­ces“ver­las­se­ne, teils ver­wüs­te­te Or­te, die ein geis­ter­haf­tes Ei­gen­le­ben zu ent­wi­ckeln schei­nen. Oder Ma­rie Lynn Spe­ckert, der­zeit Meis­ter­schü­ler­stu­di­um bei Prof. Wilhelm Mundt an der Hoch­schu­le für Bil­den­de Küns­te in Dres­den, sie lässt ech­te Wind­hun­de ech­tes Fleisch auf­fres­sen. Oder die Münch­ner Aka­de­mie­stu­den­tin Anne Pfei­fer, sie baut Holz­kis­ten, die sie an die Wand na­gelt und dann zum Le­ben er­weckt. Kurz­um: Es han­delt sich um „ei­ne Hemm­schwel­len über­schrei­ten­de Künst­ler­schaft, wel­che auf skur­ril, ex­zen­trisch, auf­rüh­re­risch gro­tesk, aber doch sub­til da­her­kom­men­de Wei­se ein­zu­bre­chen weiß in den Ge­müts­zu­stand des Be­trach­ters.“Sau­ber. Wir sind ge­spannt. Und zwar auf Ein- und Um­brü­che jeg­li­cher Art.

Am 4. No­vem­ber 1865 öff­ne­te sich der Vor­hang im Gärt­ner­platz­thea­ter zum al­ler­ers­ten Mal. Seit­dem sind 150 Jah­re vol­ler Thea­ter und Mu­sik ver­gan­gen. Eh­ren­sa­che, dass sich das

da ein­schal­tet und mit ei­ner gro­ßen Aus­stel­lung gra­tu­liert: 150 Jah­re Gärt­ner­platz­thea­ter – „Dem Volk zur Lust und zum Ge­dei­hen“(16. Ja­nu­ar bis 10. April) zeigt die wech­sel­vol­le His­to­rie des zwei­ten gro­ßen Münch­ner Mu­sik­thea­ters. Bei sei­ner Er­öff­nung war es das lang­er­sehn­te Volkstheater der Münch­ner Bür­ger, nur drei Jah­re spä­ter was das Haus plei­te. Und so ging es mun­ter wei­ter, mal auf mal ab, mal Oper und Ope­ret­te, mal Bau­ern­ko­mö­die, Bal­lett oder Mu­si­cal. Mün­chens ers­te Ger­hard Haupt­mann-Auf­füh­run­gen fan­den hier statt, aber auch ja­pa­ni­sche Akro­ba­tik, die Thea­ter­göt­tin Eleo­no­ra Du­se trat auf und der trau­rig-ko­mi­sche Karl Va­len­tin. Ein bun­tes Haus ist es bis heu­te ge­blie­ben, auch wenn es jetzt seit 2012, aber ge­fühl­te zehn Jah­re ge­ne­ral­sa­niert wird. Die­sen Herbst wird es wie­der­er­öff­net – und die Ge­schich­te geht wei­ter.

Pow­dern für die Kunst: Drei Schnee­ka­no­nen zau­bern bun­te Schnee­schich­ten auf die Süd­wie­se vor der Al­ten Pi­na­ko­thek. Schlit­ten­fah­ren mög­lich.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.