Da­vid Bo­wie

Black­star

In München - - FRISCH GEPRESST -

Oh, ha­ben wir in letz­ter Zeit mal über Da­vid Bo­wie ge­spro­chen? Ei­gent­lich scha­de, es wur­de in letz­ter Zeit we­nig, da­für frü­her oft viel zu viel über Da­vid Bo­wie ge­re­det, viel zu vie­les, was man glück­li­cher­wei­se bald ver­gaß, weil das Ge­dächt­nis gnä­dig und die Welt zu groß ist, um al­le Ir­run­gen des Men­schen­ge­schlechts auf­zu­be­wah­ren. Ein paar Er­in­ne­run­gen in­des sind doch ge­blie­ben: an das un­gu­te Ge­fühl, das 1980 beim Hö­ren von „Fa­shion“auf­keim­te und in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten im­mer aufs Neue er­blüh­te – dass da was faul war, ei­ne Klei­nig­keit mög­li­cher­wei­se nur, ein Aus­rut­schen ins Ge­wöhn­li­che, wo ein Da­vid Bo­wie nie hin­ge­hö­ren soll­te. Die gan­ze Welt kauf­te 1983 „Let’s Dan­ce“und ahn­te nicht, wie schlimm das war, welch ein Stol­pern, Tau­meln, trot­zi­ges Stam­meln; er­ahn­te Ver­schlim­me­run­gen wie „Ne­ver Let Me Down“, grau­ses Ent­set­zen über „Tin Ma­chi­ne“, ent­täusch­te Hoff­nun­gen zu­hauf, ei­ne Bio­gra­phie tap­fe­rer Ver­su­che, sich an Sa­chen wie „I: Outs­ide“zu ge­wöh­nen, „Reality“mehr ab­zu­ge­win­nen als ei­ne Klip­fel-Dap­fel-Ge­räusch­ta­pe­te. Bis end­lich nie­mand mehr so rich­tig re­den woll­te. Ge­ste­hen wir, „The Next Day“vor bald drei Jah­ren ei­nen Nach­mit­tag lang in­ter­es­sant ge­fun­den zu ha­ben, bis zum zwei­ten Hö­ren mit Wo­chen Ab­stand, das ein vor­letz­tes blieb und we­nig er­gab als Stol­pern, Tau­meln, trot­zi­ges Stam­meln. Hül­sen von Songs, die kei­ne wer­den woll­ten, im Re­gal ver­schwun­den als wei­te­res Iso­lier­ma­te­ri­al um den Kern ei­nes Werks, das letzt­lich nur aus die­sem Kern be­steht. Egal, da­hin, ver­ges­sen und ver­weht. Im spä­ten Herbst 2015 re­gis­trier­te man ver­wun­dert ei­nen fast zehn­mi­nü­ti­gen … sa­gen wir: Track, in des­sen Ver­lauf un­ter an­de­rem Rod Ste­warts „I Was On­ly Jo­king“zu ei­nem schmel­zen­den Brei dis­sol­vier­ter Me­lo­die­fet­zen zer­fällt, Sa­xo­pho­ne me­di­tie­ren, et­was klopft und ein frei im wei­ten Wel­tall schwe­ben­der Mann von ei­ner ein­sa­men Ker­ze träumt. Sehr ei­gen­tüm­lich das al­les, ei­ne Mi­schung aus mo­da­lem Jazz, ver­we­ge­ner Elek­tro­nik und man­cher­lei Zu­ta­ten, die schlim­me Be­fürch­tun­gen we­cken. Selt­sam aber,

(ISO/RCA)

wie an­ge­nehm das zu hö­ren war. Und ist, noch selt­sa­mer. Ge­lobt wur­de je­doch vor al­lem der Wa­ge­mut, die Ent­fer­nung vom Ge­wohn­ten, und das ha­ben wir bei und mit Da­vid Bo­wie häu­fi­ger er­lebt als bei je­dem an­de­ren Künst­ler die­ser Welt. Drum War­ten und Ban­gen, was folgt. Das ist: „Tis A Pi­ty She Was A Who­re“, ein schon 2014 als B-Sei­te ver­öf­fent­lich­ter, re­la­tiv we­nig sa­gen­der Cock­tail aus 80er-Ge­rap­pel, ei­ner hüb­schen Leit­me­lo­die und ge­nüss­li­chem Zer­frä­sen von Er­war­tun­gen, der auf je­dem der spä­te­ren Al­ben dank dem tri­um­phal selbst­quä­le­ri­schen Sa­xo­phon­so­lo von Don­ny McCas­lin ein Glanz­licht, an­sons­ten aber nicht viel ge­we­sen wä­re. Die schwer­mü­ti­ge Me­di­ta­ti­on „La­za­rus“än­dert das Licht zu sam­ti­gem Grau­braun, und da läßt man sich fal­len, sin­ken, los, wäh­rend Ben Mon­ders bra­chia­le Gi­tar­ren­riffs durch die Ku­lis­se bre­chen wie Fäus­te aus ei­ner an­de­ren Di­men­si­on. „I’ve got not­hing left to lo­se“, singt ein des­il­lu­sio­nier­ter Mann, der mit die­sem Al­bum 69 wird und of­fen­bar weiß, daß al­le Träu­me Brü­cken in ein ver­leb­tes Einst sind. Das könn­te schon ge­nü­gen; die­se sechs­ein­halb Mi­nu­ten rei­chen aus, um „Black­star“sehr nah an den er­wähn­ten Kern zu rü­cken. Dass das 2014 als Sing­le er­folg­lo­se „Sue (Or In A Sea­son Of Cri­me)“ein ver­un­glück­ter Hard­rock-Jazz-Bas­tard ist, in dem Bo­wie her­um­irrt wie ein elek­tro­ge­schock­ter Af­fe, schreibt man dem ex­pe­ri­men­tel­len Cha­rak­ter des Un­ter­neh­mens zu, der im­mer­hin für ein fu­rio­ses Fi­na­le sorgt. Auch „Girl Lo­ves Me“kün­digt mehr an, als es hal­ten kann, fas­zi­niert aber auf ver­wir­ren­de Wei­se. Wem nun der Mut sinkt, der las­se sich von dem wun­der­voll ele­gisch aus­fran­sen­den „Dol­lar Days“und ei­nem wie­der­um gran­dio­sen Sax­so­lo fan­gen, tra­gen und trös­ten, ehe „I Can’t Gi­ve Ever­y­thing Away“mit An­ti-Tanz-Elek­trorhyth­men und Syn­th­flä­chen noch mal zag­haft die frü­hen 90er streift, die Tü­re schließt und viel­leicht neue öff­net. Wa­gen wir dies­mal bes­ser kei­ne Pro­gno­se, nur ei­ne Kurz­bi­lanz: zwei Einträge ins Best-of-Re­gis­ter, ei­ni­ges Füll­ma­te­ri­al für pop­über­drüs­si­ge Schrei­ber und man­ches, was wach­sen könn­te. Das wird der Früh­ling wei­sen, die­ser oder ein an­de­rer.

Micha­el Sai­ler

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