Sanf­ter Ma­cho mit schlech­ten Kar­ten

„Im Schat­ten der Frau­en“von Phil­ip­pe Gar­rel

In München - - KINO - Marg­ret Köh­ler

„Was gibt es Schö­ne­res, als mit dem Mann zu ar­bei­ten, den man liebt?“schwärmt Ma­non, die für ei­nen le­thar­gi­schen Do­ku­men­tar­fil­mer als Skript­girl und Cut­te­rin ar­bei­tet und setzt noch eins drauf: „Da­von lebt un­se­re Lie­be“. Ei­gent­lich schon ei­ne War­nung und Dro­hung. Ihr Pier­re ist ei­ner die­ser fran­zö­si­schen In­tel­lek­tu­el­len, die ver­träumt in die Welt blin­zeln, le­bens­un­fä­hig durch den All­tag sch­luf­fen, ger­ne in Selbst­mit­leid er­trin­ken und sich aus un­er­find­li­chen Grün­den als Na­bel der Welt be­grei­fen. Die Be­zie­hung zwi­schen den bei­den düm­pelt emo­tio­nal auf Spar­flam­me, zur Tren­nung nach all den Jah­ren fehlt der Mut. Als der ver­hei­ra­te­te Mann sich se­xu­el­le Be­stä­ti­gung bei ei­ner net­ten Prak­ti­kan­tin holt, la­viert er plötz­lich zwi­schen zwei Frau­en und glaubt, das kön­ne end­los so wei­ter­ge­hen. Bis er von Ma­nons Af­fä­re er­fährt. Das geht na­tür­lich gar nicht für den sanf­ten Ma­cho. Phil­ip­pe Gar­rel dreht seit 50 Jah­ren Fil­me, sein Ki­no ist be­völ­kert von Schat­ten und Ge­spens­tern der Ver­gan­gen­heit, von al­ten Lie­ben, ge­bro­che­nen Iden­ti­tä­ten, zer­platz­ten Träu­men, in sei­nem ty­pisch schwarz-wei­ßen Uni­ver­sum do­mi­nie­ren Er­in­ne­run­gen. So kreist auch sein 26. Werk um Un­treue und Ei­fer­sucht, den Ver­lust von Lie­be, spielt aber gleich­zei­tig mit Iro­nie und Hu­mor, wenn der eit­le Pa­scha sein schlech­tes Ge­wis­sen mit ei­nem Blu­men­strauß für die Be­tro­ge­ne be­ru­higt oder, nach­dem aus­ge­rech­net sei­ne Ge­lieb­te ihm den Sei­ten­sprung sei­ner Gat­tin steckt, er die­ser be­lei­digt im Ca­fé nach­spürt. Sta­nis­las Mer­har ist der wan­deln­de Wi­der­spruch in sich – in ei­ner bril­lan­ten Mi­schung aus Kli­schee und Ka­ri­ka­tur. Es wird viel ge­re­det, aber schwe­rer wiegt das Un­ge­sag­te. Na­tür­lich ist die Kon­stel­la­ti­on ein Mann zwi­schen zwei Frau­en ge­nau­so we­nig neu, wie die tri­via­le Aus­sa­ge: wer liebt, der lei­det. Aber das ab und an mit der Er­zähl­stim­me sei­nes Soh­nes Lou­is Gar­rel un­ter­leg­te Jon­glie­ren mit Ste­reo­ty­pen des fran­zö­si­schen Ki­nos und Re­mi­nis­zen­zen an die Nou­vel­le Va­gue, gleich­zei­tig das un­sen­ti­men­ta­le Aus­ein­an­der­neh­men von Stol­per­fal­len der heu­ti­gen Eman­zi­pa­ti­on, wär­men das Herz ei­nes je­den ki­ne­ma­to­gra­fi­schen Con­nais­seurs. Der sich auch von der Ma­gie der grob­kör­ni­gen Schwarz-Wei­ßBil­der in Scope von Ka­me­ra-Ve­te­ran Re­na­to Ber­ta ver­füh­ren las­sen soll­te. Beim Tak­tie­ren zwi­schen Lü­ge und Wahr­heit ist das Paar nicht al­lein, auch der Wi­der­stands­kämp­fer in ih­rer Do­ku über die fran­zö­si­sche Re­sis­tan­ce im Zwei­ten Welt­krieg er­schwin­delt sich wort­reich Hel­den­sta­tus und re­det sich die Wirk­lich­keit schön. Lü­gen als Über­le­bens­stra­te­gie und mensch­li­cher Schutz­me­cha­nis­mus über die Ge­ne­ra­tio­nen hin­weg. Was als Be­trach­tung weib­li­cher Op­fer­fä­hig­keit be­gann und das Schei­tern des Glücks­an­spruchs vor­weg­nahm, geht über in die Wand­lung zu ei­ner Frau, die an sich wächst (Clo­thil­de Cour­aus un­ge­schmink­tes Ge­wicht ist ei­ne Of­fen­ba­rung), auch die Drit­te im Bun­de (Le­na Pau­gam) ist ir­gend­wann kein sim­ples Ob­jekt der Be­gier­de mehr. Die Ge­schlech­ter be­geg­nen sich auf Au­gen­hö­he. Plötz­lich steht der in sei­ner Selbst­ein­schät­zung Ver­un­si­cher­te „Im Schat­ten der Frau­en“, zeigt sich die weib­li­che nicht we­ni­ger stark als die mas­ku­li­ne Li­bi­do. Ein Film, wie aus der Zeit ge­fal­len und doch ak­tu­ell, denn Flüch­tig­keit und Fra­gi­li­tät der Lie­be sind zeit­los. Auch wenn am En­de zwi­schen dem ge­trenn­ten Paar ein va­ges Lä­cheln fast Ver­söh­nung si­gna­li­siert, ahnt man den Schmerz, aber auch die Kraft un­ter der Ober­flä­che.

Wenn der All­tag die Lie­be frisst ...

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