Ge­fähr­lich ro­man­ti­sche Sehn­suchts­rei­sen

Manch­mal kann so­gar ei­ne Heim­fahrt ein Auf­bruch ins Un­ge­wis­se sein. Von Flüch­ten­den und Hei­mat­su­chen­den

In München - - THEATER - Ru­pert Som­mer

Dar­auf muss man erst ein­mal kom­men. Die un­end­li­chen Wei­ten. Die mar­kan­ten Fel­sen. Die Lee­re. Die ein­sa­men Män­ner, die auf den Ho­ri­zont star­ren. Je län­ger man sich die be­rühm­ten Bil­der des gro­ßen deut­schen Ro­man­ti­kers Cas­par Da­vid Fried­rich vor Au­gen führt, des­to eher kann man sich tat­säch­lich vor­stel­len, dass von links ein­mal ein Büf­fel ins Bild lugt oder hin­ter der ost­deut­schen Stech­pal­me ein­mal ein In­dia­ner ins Bild rei­tet. Philipp Qu­es­ne je­den­falls hat ein of­fe­nes Herz für Men­schen, die er­kun­den wol­len, wo der mo­der­ne Mensch sei­nen Platz in der Welt fin­det. Und was sich hin­ter dem Ho­ri­zont ver­birgt. Sei­ne opu­len­te Bild­pro­duk­ti­on Cas­par Wes­tern Fried­rich bringt das Epi­sche der Cow­boy-Welt mit der Me­ta­phy­sik der from­men Ro­man­ti­ker zu­sam­men. Da­für setzt er die wuch­ti­ge Thea­ter­ma­schi­ne un­ter Dampf. Ne­bel­schwa­den damp­fen. Und die Elek­tro­son­ne strahlt un­er­bitt­lich. Im Kopf läuft dann ein Na­tur-Ki­no ab –schwan­kend zwi­schen dem Wunsch, sie zu be­herr­schen und sie zu be­schüt­zen, zwi­schen Kon­tem­pla­ti­on und Ero­be­rung. (Kam­mer­spie­le, ab 28.1.)

Na­tür­lich ist auch das größ­te Epos des Wes­tens im Kern auch ei­ne Wes­tern­ge­schich­te: Ho­mer er­zählt von ker­ni­gen, ab­ge­rock­ten Hel­den, die kei­nen Sinn mehr im Kampf se­hen und die ein­fach nur nach Hau­se wol­len. Die Odys­see be­rich­tet vom Kö­nig von Itha­ka, der sein hei­mi­sches Fort be­frei­en möch­te, wo schon längst schmie­ri­ge Ty­pen um sei­ne Gat­tin her­um­lun­gern. Doch dum­mer­wei­se hat er die rach­süch­ti­gen Göt­ter ge­gen sich auf­ge­bracht, so dass sich die über­fäl­li­ge Rück­rei­se wei­ter ver­zö­gert. Si­mon Sol­berg setzt das klas­si­sche Heim­kehr­er­dra­ma mit Se­bas­ti­an Wen­de­lin in der Ti­tel­rol­le und mit Lui­se Kin­ner mit der Mehr­fach­auf­ga­be als Pe­ne­lo­pe, Po­li­tes, Kir­ke, An­ti­kleia und als Odys­seus-Ge­fähr­te in Sze­ne. (Volkstheater, ab 24.1.)

Für ei­nen di­rek­ten Ver­gleich emp­fiehlt sich die Troi­lus & Cres­si­da-Ins­ze­nie­rung mit dem drit­ten Jahr­gang der Ot­to-Fal­cken­berg-Schü­ler. Ste­pha­nie van Ba­tum in­sze­niert den von Sha­ke­speare ge­form­ten Stoff, bei der uns die ho­me­ri­schen Hel­den re­gel­recht aus­ge­laugt ent­ge­gen­schlur­fen. Der Krieg um Tro­ja ist zum zy­ni­schen Ri­tu­al aus Lan­ge­wei­le und Sinn­lo­sig­keit ver­kom­men. Er muss al­ler­dings wei­ter­ge­hen, schon al­lein weil die männ­li­che Ei­te­lund Lä­cher­lich­keit nicht zu bän­di­gen ist. (Ein­stein Kul­tur, 26. bis 28.1.)

Ein gro­ßes Män­ner-Epos von ho­hem Wag­nis, grau­sa­men Schei­tern und dem ein­zi­gen Wunsch, schnellst­mög­lich dem si­che­ren, ei­si­gen Tod zu ent­kom­men und vom En­de der Welt aus doch noch zu Frau und Fa­mi­lie zu­rück­zu­fin­den, er­zählt na­tür­lich auch der Wett­lauf um die Er­stür­mung des Süd­pols. Al­ler­dings in ei­ner „rea­len“Va­ri­an­te: Be­kannt­lich bra­chen 1910 mit der Nor­we­ger-Ex­pe­di­ti­on rund um Ro­ald Amund­sen und der bri­ti­schen rund um Ro­bert Fal­con Scott gleich zwei wett­ei­fern­de Teams zum South Po­le auf. Amund­sen kam als ers­ter an, Scott und sei­ne vier Be­glei­ter er­fro­ren auf dem Rück­weg im Schnee­sturm. Gro­ßes The­ma. Auch ei­ne gro­ße Oper? Aber ja. Mi­ros­lav Srn­ka hat sie kom­po­niert. Und Su­per­star Ro­lan­do Vil­la­zón singt Ro­bert Scott. (Na­tio­nal­thea­ter, ab 31.1.)

Oper zu­gäng­lich ma­chen möch­te auch der Kam­mer­spie­le-In­ten­dant Mat­thi­as Li­li­en­thal, al­ler­dings in der et­was ver­frem­de­ten Form. Da­vid Mar­ton hat sich die Klän­ge von Vin­cen­zo Bel­li­ni und Fe­li­ce Ro­ma­ni vor­ge­nom­men –für ei­ne ak­tua­li­sier­te La Son­nam­bu­la-Fas­sung. Man möch­te doch end­lich mal den mü­den Kopf ab­le­gen. End­lich aus­schla­fen. Ge­nau so, wie der Ja, Pa­nik-Sän­ger Andre­as Spechtl es ge­treu der De­vi­se „From ti­me to ti­me, it’s ti­me to lea­ve“pro­pa­giert (Kon­zert am 22.1. in der Kam­mer 2). In der Oper be­gibt sich ein Team aus Rast­lo­sen, das die Hei­mat ver­las­sen hat und sich der Mu­sik über­eig­net hat, in das Reich des Schla­fes. Doch das ist ein frus­trie­ren­des Er­leb­nis. Wie soll man Stil­le fin­den, in ei­ner Um­ge­bung, wenn we­gen des all­ge­gen­wär­ti­gen Lärms kei­ne Ru­he mög­lich ist? Man wird zur Wach­träu­men­den, ganz wie die Ti­tel­hel­din aus der Bel­li­ni-Kom­po­si­ti­on. (Kam­mer­spie­le, ab 29.1.)

Von den Hei­mat­lo­sen, den Flüch­ten­den, er­zählt auch die Res­te von ges­ternWie­der­auf­nah­me von Burchard Da­bin­nus und sei­ner Trup­pe. Sie hat die Mil­lio­nen zum The­ma, die es in der va­gen Hoff­nung auf ein bes­se­res Le­ben nach Deutsch­land zieht. Dort schlägt ih­nen tags­über zu­min­dest oft Hilfs­be­reit­schaft ent­ge­gen, wäh­rend nachts schon an den Flücht­lings­un­ter­künf­ten ge­zün­delt wird. (Rö­mer­str. 21, 29. bis 31.1.)

Viel­leicht noch ra­di­ka­ler greift Car­los Eu­ge­nio López in sei­nem Ab­ge­sof­fen-Stoff das Elend auf. Da­rin be­glei­tet man zwei Auf­trags­kil­ler auf ih­rer Nacht­fahrt nach Gi­bral­tar. Im Kof­fer­raum ih­res Wa­gens be­fin­det sich der mitt­ler­wei­le 29. nord­afri­ka­ni­sche Im­mi­grant, den sie um­ge­bracht ha­ben. Das Ziel: Sein leb­lo­ser Kör­per muss in die Meer­enge, da­mit er am nächs­ten Tag als wei­te­rer to­ter „Mo­ro“an die Küs­te treibt. Doch längst ha­ben sich die Ar­gu­men­te für das ver­bre­che­ri­sche, grau­sa­me Tun aus­ge­dünnt. Die bei­den Kil­ler dis­ku­tie­ren ihr Hand­werk. Und ver­zwei­feln. (Me­tro­pol­thea­ter, ab 2.2.)

Von scho­ckie­ren­der Ak­tua­li­tät ist die Ödön-von-Hor­váth-Neu­fas­sung, an die sich Andre­as Wie­der­mann ge­wagt hat. Er stellt uns ei­nen fas­sungs­lo­sen Leh­rer vor. Nach­dem er das Auf­satz­the­ma „War­um wir Zu­wan­de­rung brau­chen“ge­stellt hat, kommt es in sei­ner Klas­se zum Eklat. Al­le Schü­ler stel­len sich ge­gen ihn. Nicht nur, dass ein hu­ma­nis­ti­sches Welt­bild ero­diert, dann wird im Fe­ri­en­la­ger auch noch ein Schü­ler er­mor­det. Es ist eben ei­ne Ju­gend oh­ne Gott. (Te­am­thea­ter Tank­stel­le, ab 21.1.)

Noch ei­nen gan­zen trau­ri­gen Schritt wei­ter ist die Grup­pe Hun­ger&Sei­de, die nun mit Schwarz nach „Gold“und „Rot“ih­re Deutsch­land-Tri­lo­gie ab­schließt. Hier rich­tet sich der Blick aus ei­ner un­be­kann­ten Zu­kunft zu­rück: Wie wird das An­thro­po­zän aus­ge­se­hen ha­ben, wenn der Mensch sei­nen Platz auf der Er­de längst ver­las­sen hat? Wel­che Über­res­te blei­ben von un­se­rer Ge­sell­schaft? Wel­che Schich­ten las­sen sich re­kon­stru­ie­ren? Und war­um bleibt so elend viel Plas­tik üb­rig? (Muf­f­at­hal­le, 25.1. und 26.1.)

Wer ger­ne nach Sinn sucht, kann na­tür­lich auch gleich beim Tur­bo­werk MUC-Flug ein­stei­gen. Mit dröh­nen­den Ma­schi­nen macht sich der ra­sen­de Flie­ger auf die Su­che nach dem Pa­ra­dies. Doch wer­den die Pas­sa­gie­re ihr Traum­ziel auch wirk­lich er­rei­chen? Hän­de hoch, das ist ein Über­voll! stellt sich der kniff­li­gen Fra­ge, wie man Sat­te füt­tert. Die Flug­be­glei­ter ge­hen un­mit­tel­bar auf die Nö­te, auf die Sehn­süch­te ih­res Pu­bli­kums ein und füh­len ge­mein­sam un­se­rer über­sat­ten, sinn­ent­leer­ten Ge­sell­schaft den Puls. (Krea­ti­vquar­tier Hal­le 10/IMAL, Dach­au­er­str. 112., 29. und 30.1.)

Eben­falls ei­ne Pro­duk­ti­on der Rei­he „Was geht? Kunst und In­klu­si­on“ist die per­for­ma­ti­ve Vi­deo-In­stal­la­ti­on Dif­fe­rent Hor­ses –Dif­fe­rent Others von und mit Tän­zern des Au­re­lia­na Con­tem­pora­ry Dan­ce Pro­jects, die sich mit Fra­gen rund um die Kom­mu­ni­ka­ti­on von Mensch und Mensch so­wie von Mensch und Tier be­fasst. Kön­nen wir dem „An­de­ren“über­haupt ernst­haft be­geg­nen mit un­se­rem be­griffs­ori­en­tier­ten Den­ken, das so rasch beim „Aus­gren­zen“lan­det? Im Zen­trum der Pro­blem­lö­sung steht ein au­tis­ti­scher Jun­ge –als Tanz­part­ner ei­nes Ara­berSchim­mels. (Muf­f­at­werk Am­pe­re, 29.1.

Sinn­su­chen­de Flug­be­glei­ter: HÄN­DE HOCH, DAS IST EIN ÜBER­VOLL!

Män­ner-Land­schaf­ten: CAS­PAR WES­TERN FRIED­RICH

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.