Kro­etz lebt!

Be­we­gen­de Klein­bür­ger­stu­die im Mar­stall: „Mensch Mei­er“

In München - - BÜHNENSCHAU -

Al­les we­gen 50 Mark. Der Soh­ne­mann hat sie sich aus dem Porte­mon­naie der Mut­ter ge­klaut, für ein Rock­kon­zert, und die steht jetzt blöd da im Su­per­markt, weil sie nicht zah­len kann. Der Va­ter tickt aus, wo ist das Geld, Lei­bes­vi­si­ta­ti­on, aus­zie­hen, al­les. Die Un­ter­ho­se aber ganz zu­letzt zieht sich der Sohn selbst run­ter. Und dann steht er da und bleibt ste­hen und hält es aus. Bei Kro­etz ist das ein Akt der De­mü­ti­gung, hier, in der hoch, Sport­stu­dio-In­ter­view in­klu­si­ve. Franz Xa­ver Kro­etz ist ein sel­ten ge­wor­de­ner Gast auf Münch­ner Spiel­plä­nen. Die Ins­ze­nie­rung nun im Mar­stall macht enorm Lust, ihn wie­der­zu­ent­de­cken. „Mensch Mei­er“stammt aus ei­ner Pha­se in den spä­te­ren 1970ern, als Kro­etz’ Fi­gu­ren nicht mehr so sprach­los da­her­ka­men wie im Früh­werk. Und Da­vid Bösch, der im Jahr der Urauf­füh­rung ge­bo­re­ne Re­gis­seur, hört die­sen Fi­gu­ren sehr ge­nau zu. Sein Zu­griff ist –ein Glück –mei­len­weit da­von ent­fernt, sich über die­se Spie­ßer lus­tig ma­chen zu wol­len. Da­zu ver­zich­tet er auch auf je­den An­fall von Zwangs­ak­tua­li­sie­rung, er bleibt in der Dal­li-Dal­li-Was-bi­nich-Welt und schält aus dem Zeit­ko­lo­rit des Stücks die zeit­los-be­we­gen­den Kämp­fe um das ge­leb­te und das nicht ge­leb­te Le­ben, um An­er­ken­nung und In­di­vi­dua­li­tät, um An­spruch und Wirk­lich­keit. Kro­etz lebt! Und so ist der Bei­fall lang nach eindrei­vier­tel St­un­den für die­se ko­misch wie tra­gisch be­rüh­ren­de Fall­stu­die über ei­ne Ar­bei­ter­fa­mi­lie. In der das „Ober­haupt“letzt­lich an der ei­ge­nen Ver­sa­gens­wut schei­tert. Die aber auch zwei Sie­ger her­vor­bringt: bei Kat­ha­ri­na Pich­ler als Ot­tos Frau Mar­tha do­mi­niert zu­nächst ein ver­stän­di­ger Prag­ma­tis­mus. Aber die Bloß­stel­lung des Soh­nes legt den Schal­ter um. Sie eman­zi­piert sich, nicht nur vom grau­en Haus­frau­enchic ins adret­te Ko­s­tüm, sie ver­lässt Ot­to und grün­det mit ih­rem Sohn Lud­wig ei­ne WG. Mar­cel Heu­per­man ist in die­ser Rol­le –pick­lig, dick­lich, Co­la und Corn­flakes-pur-früh­stü­ckend –ei­ne stil­le Wucht an Pu­ber­täts­muf­fel. An­triebs­frei lüm­melt er an­fangs im Bett (un­ter dem „Kein Macht für nie­mand“Ge­schmier an der Wand). Am En­de wird er, auf der Schrank­wand sit­zend, auf sei­nen Va­ter her­un­ter­tri­um­phie­ren: weil er doch zum Bau ge­gan­gen ist. Und dann ver­lässt er hap­py mit sei­ner Mut­ter das Thea­ter durch die gro­ße Tür im Mar­stall.

Sein und Schein der schö­nen Exis­tenz ...

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.