Wes­halb der Wort­fluß stockt und war­um er das bei­zei­ten muß (ei­ne Ab­schwei­fung)

In München - - BELÄSTIGUNGEN -

Von al­len Übeln, die den Men­schen be­fal­len, ist das schlimms­te: die Schreib­blo­cka­de, die Ra­che­göt­tin des gräß­lich wei­ßen Blatts, der grau­en­er­re­gen­de Hirn­krebs, der den Schöp­fer des Welt­sinns mit lee­rem Schä­del star­rend zu­rück­läßt, wäh­rend un­ter dem El­fen­bein­turm die ban­ge Mas­se hän­de­rin­gend harrt, ver­eint im Ent­set­zen an­ge­sichts der schwä­ren­den Dro­hung, die Schaf­fens­kraft wer­de wo­mög­lich nie wie­der er­wa­chen. Denn was, wenn sich aus dem in­di­vi­du­el­len Lei­den am nicht ge­bo­ren wer­den wol­len­den Wort ei­ne Epi­de­mie ent­wi­ckelt? Wenn die Zei­tungs­sei­ten leer blei­ben, wenn die Stän­de der Buch­mes­sen ver­wai­sen, nur spo­ra­disch be­streut mit Goe­the-Neu­auf­la­gen für den Schul­un­ter­richt und ei­ner um ein paar neu­er­dings „er­laub­te“Schreib­wei­sen er­wei­ter­ten Du­den-Ak­tua­li­sie­rung? wenn im Fern­se­hen ein De­nis Scheck mit lee­ren Hän­den als der tum­be Mops da­steht, der er ist, den aber un­ter der Mas­ke des feinst li­te­ra­ri­sier­ten Dampf­plau­de­rers kei­ner se­hen moch­te? Was dann? Zieht das le­sen­de Volk die ge­schenk­ten bzw. auf drin­gen­de Emp­feh­lung des da­mals noch ek­sta­tisch pul­sie­ren­den, nun schlaff er­lahm­ten Re­zen­si­ons­be­triebs er­wor­be­nen Best­sel­ler der letz­ten Sai­son aus dem Re­gal und schlägt sie lust­los auf, um fest­zu­stel­len, daß die Shoo­ting-Stars, Fräu­lein­wun­der und Jung­ge­nies vom Herbst 2015 den­sel­ben Mist fa­bri­ziert ha­ben wie ih­re Vor­gän­ger 2008 und 1995? Es wä­re schreck­lich! Und so sitzt der Schöp­fer am Tisch und ringt mit dem Dä­mon, der ihm den Ide­en­darm ver­kno­tet hat, starrt aus dem Fens­ter in ei­nem Him­mel, an dem der Föhn­sturm die Ja­nu­ar­wol­ken da­hin und wie­der da­her treibt, oh­ne For­mu­lie­rens­wer­tes zu al­le­go­ri­sie­ren. Mit­leid­vol­le Freun­de re­gen an, er mö­ge sich An­re­gun­gen ho­len, in­dem er „ak­tu­el­les Ge­sche­hen“ver­fol­ge. Aber das Stu­di­um des ver­meint­lich po­li­ti­schen, wo­mög­lich gar „phi­lo­so­phi­schen“Ge­we­ses, das ihm aus den Ver­kün­dungs­ka­nä­len ent­ge­gen­strömt, ver­här­tet den Krampf zur ab­so­lu­ten Star­re und treibt den ar­men Poe­ten am En­de noch in den Suff, der gan­ze Schu­len hoff­nungs­vol­ler Dich­ter wie Ja­mes Joy­ce zu wir­ren Schwät­zern ent­stell­te. Da­bei ist es doch so: daß der Schrei­ber als Be­ruf über­haupt erst ei­nen sol­chen vor­wei­sen kann, seit Jung­men­schen da­nach stre­ben, das „Hand­werk“des Schrift­stel­lens zu er­ler­nen, in­dem sie sich ein „Stu­di­um“drauf­schaf­fen, des­sen Ab­sol­venz ih­nen die Tür zu ei­nem Be­trieb öff­net, in dem fol­ge­rich­tig pro­du­ziert wer­den muß, plan­voll und re­gel­mä­ßig. Kei­ne Sai­son, in der nicht ein Ru­del sol­cher­art Qua­li­fi­zier­ter ih­ren Ge­sin­nungs­und Be­find­lich­kei­ten­quatsch zu schäu­men­dem Wort­quark auf­rührt, des­sen vor­geb­lich „ge­gen­wär­ti­ge“(oder „ak­tu­el­le“) Ort- und Zeit­lo­sig­keit of­fen­bar nie­man­dem mehr auf­fällt. Da wer­den Te­le­phon­hö­rer in die Hand ge­nom­men, wird te­le­pho­niert und am WG-Tisch schwa­dro­niert, reist man da und dort hin, um sich selbst zu fin­den, fin­det aber im­mer nur ei­ne als Me­lan­cho­lie de­kla­rier­te Lee­re, die den Le­ser mit ei­nem En­nui ver­meint­li­cher Er­ha­ben­heit und Wel­ter­kennt­nis auf­füllt, die ihm je­den Ver­such aus­treibt, tat­säch­lich et­was zu er­ken­nen von der Welt und ihn statt des­sen an­treibt, eben­so ort- und zeit­los „sich selbst“fin­den zu wol­len. Wei­ter ist es so: daß der Schrei­ber ei­ne Ar­beit, ei­nen Be­ruf im güns­ti­gen Fal­le gar nicht hat und ha­ben kann. Zu­min­dest ist ihm ei­ne Sehn­sucht nach dem Reich der Frei­heit ei­gen, das, wie wir von Karl Marx wis­sen, erst da be­ginnt, „wo das Ar­bei­ten, das durch Not und äu­ße­re Zweck­mä­ßig­keit be­stimmt ist, auf­hört“. Ein Schrei­ber, der nicht schreibt, tut nur das, was ihm na­tür­li­cher­wei­se zu­kommt und -steht, in schrof­fem Ge­gen­satz et­wa zum Blech­stan­zer, zum Te­er­ko­cher, der Blech stan­zen und Teer ko­chen muß, weil ihm sonst Herr­schen­de, de­nen sei­ne Schuf­te­rei ihr fau­les Ge­we­se er­mög­licht, die Li­zenz zur Selbst­er­hal­tung ent­zie­hen. Der Schrift­stel­ler, der pünkt­lich zum Halb­jahr sei­nen Band ab­lie­fert, von den­sel­ben Herr­schen­den mit Lo­bung, Eh­rung und Prei­sen be­dacht wird und die­se Form der wür­de­lo­sen, sinn­lo­sen, le­dig­lich ziel­be­stimm­ten „Pro­duk­ti­on als Selbst­zweck“(Theo­dor W. Ador­no) als sein „Be­rufs­le­ben“ver­kauft oder gar emp­fin­det, der ist al­so ein sol­cher gar nicht, weil ihm der (nicht nur) von Mo­ses Heß er­kann­te un­über­wind­ba­re Ge­gen­satz zwi­schen frei­er Tä­tig­keit und ge­zwun­ge­ner Ar­beit ent­we­der gar nicht be­wußt ist oder mit der Zeit un­ter den Zwän­gen des Be­triebs ver­schwimmt. Da­mit dies nie­mand be­merkt, da­mit der „wah­re“Schrift­stel­ler, der sich so we­nig zur Ar­beit zwin­gen läßt wie ei­ne mü­ßig in der Mit­tags­son­ne auf dem Fens­ter­brett dö­sen­de Kat­ze, nicht als der Dis­si­dent er­kannt wird, der er sein muß, und mög­li­cher­wei­se zer­set­zen­de Wir­kung ent­fal­tet, in­dem er auch an­de­re zur Faul­heit und ei­nem sinn­vol­len Le­ben ver­lei­tet, wird ihm zu Zei­ten, in de­nen er die Fra­ge des Re­por­ters (der sei­nen ak­tu­el­len Ro­man in die Ka­me­ra hält), was er denn als nächs­tes zu schrei­ben ge­den­ke, mit ei­nem fre­chen „Kei­ne Ah­nung, viel­leicht nichts!“be­ant­wor­tet, ei­ne Schreib­blo­cka­de un­ter­stellt. Al­len­falls gönnt man ihm die Be­schö­ni­gung, er zie­he sich für ei­ni­ge Zeit „zu Stu­di­en­zwe­cken“zu­rück. Frei­lich wer­den hart­lei­bi­ge Ver­fech­ter des Rö­delns und Ma­chens und Schöp­fens und Er­zeu­gens, der Fließ­bän­der, der Ak­ku­mu­la­ti­on von Geld, Müll und Elend ein­wen­den: Ach, der Sai­ler! Da fällt ihm mal ei­ne Wo­che lang nichts ein, schon schraubt er dar­aus mal wie­der so ei­ne Ti­ra­de zu­sam­men! Da mö­gen sie schon recht ha­ben. Das macht aber nichts, ätsch.

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