Bu­mil­lo

Veit Club LP

In München - - FRISCH GEPRESST - Micha­el Sai­ler

Ei­ne Kurz­ein­füh­rung in Cha­rak­ter und Ur­sprung der mit­tel­eu­ro­päi­schen Kul­tur kommt nicht um ei­ne zen­tra­le Tat­sa­che her­um, ge­gos­sen in den ewig­gül­ti­gen Merk­satz: Ei­ne Kn­ei­pe ist ei­ne Kn­ei­pe (vul­go lo­ca­lo: Bo­azn). „Dann be­stel­len wir beim Kell­ner ein Bier und sau­fen so lang, bis was Lus­ti­ges pas­siert, und dann er­zäh­len wir uns sel­ber, wie wir da­bei wa­ren, als was Lus­ti­ges pas­siert ist“könn­te als Quint­es­senz­re­gel und Sum­men­for­mel der Welt­funk­ti­on das Le­ben als sol­ches tref­fen­der be­schrei­ben als He­ka­tom­ben un­ver­stan­de­ner Er­grün­dungs­li­te­ra­tur. Und frei­lich auch die­ses Al­bum, das hier­für stell­ver­tre­tend steht, in­dem es so­zu­sa­gen sich selbst ge­biert – und kei­nes­wegs ge­bärt, weil der Bär in die­sem ur­ko(s)mi­schen Ur­me­cha­nis­mus nichts ver­lo­ren hat, das Bier sehr wohl. „So ward durch den Glau­ben der Trank ge­hei­ligt, und hei­lig war auch der Gast­freund, der an dem Ti­sche des Haus­herrn den Be­cher leer­te.“(Max Bau­er, Der deut­sche Durst, Ber­lin-West/Leip­zig 1903) – „Gott schenkt nicht je­dem Land den Wachs­tum de­rer Re­ben / Wor­aus der Men­schen­fleiß den ed­len Wein er­presst / Doch weil er an­der­wärts die Gers­te wach­sen lässt / So weiß des Men­schen Kunst uns dar­aus Bier zu ge­ben.“(Theo­dor Schöp­fer, Trak­tat vom Bier­brau­recht, o. O. 1732) – Schon zu Zei­ten in­des, als man in ärm­li­cher­bärm­li­cher Un­kennt­nis der Hop­fen­dol­de und ih­rer se­gens­rei­chen Wun­der­wir­kung hier­zu­lan­de Ei­chen­rin­de, Wa­chol­der­bee­ren, Bir­ken­blät­ter, bit­te­re Wur­zeln und Nes­sels­ten­gel in den zum Trunk ge­hei­lig­ten Ur­quell des Le­bens und der Nar­re­tei hin­ein­sott, rag­te ei­ner an Be­deu­tung und Macht über Kai­ser, Kö­nig und Truch­sess hin­aus: der Wirt, nach dem folg­lich

(In­ter­na­tio­nal Bo­he­mia/ Bro­ken Si­lence)

auch das spä­ter­hin zum „Gast­haus“selbst­ent­wür­dig­te, rec­te aber Wirts­haus zu nen­nen­de Lo­kal be­nannt ist, in dem und um das sich al­les dreht, so­lan­ge sich al­les dreht. Nen­nen wir ihn Veit, nen­nen wir es ei­nen Club, schließ­lich ist wie der Witz auch der Ka­lau­er als Son­der­form nur in der Welt, weil und so­lan­ge man trinkt. Nen­nen wir in die­sem Sin­ne das Gen­re, das hier sei­ne Er­ste­hung aus dem Zapf­hahn und sich selbst in­sze­niert und ze­le­briert: Ka­ba­rap, und fü­gen wir für die An­hän­ger hin und wie­der flo­rie­ren­der Mä­ßi­gungs­in­itia­ti­ven hin­zu, dass man sich frei­lich dann und wann ein „Ma“vor den Be­griff und den Ka­ba als sol­chen den­ken kann, wenn vor­abend­li­che Ex­zes­se es nö­tig ma­chen, „Den ganzn Dog im Schlaf­an­zug“zu ver­brin­gen. Es ist ja mit dem un­mit­tel­ba­ren Um­kreis von Tre­sen, Faß und Krug bei wei­tem nicht al­les ab­ge­deckt, was der um­trie­big spru­deln­de Geist von Meis­ter Bu­mil­lo aus dem Sud sei­ner in­fi­bier­ten Ge­danken­läu­fe her­aus­de­stil­liert und mit Un­ter­stüt­zung des Bea­t­ar­chi­tek­ten Dam­merl so­wie ei­ner denk­bar weit­läu­fi­gen Gäs­te­lis­te (Zwoa Bier, Chris­toph Theussl, Sau­er­kirsch und aber auch Horst See­ho­fer) in die Welt ge­stellt hat als Mo­nu­ment von Sinn und Un­sinn des We­sens im – nun ja: wei­te­ren Um­kreis von Tre­sen, Fass und Krug. In der „Geld­stadt mit Scherz“, der, wer möch­te wi­der­spre­chen: „Vor­stu­fe zum Pa­ra­dies“. Da­bei sein, wenn man sich er­zählt, wie man sich er­zählt, wie et­was Lus­ti­ges pas­siert, eben. Das ist es: Zehn Tracks, zehn Lie­der, zehn­mal Weis­heit und Dumm­heit in un­ver­brüch­li­cher Fu­si­ons­ein­heit – da­bei ei­ne ein­zi­ge Ge­schich­te, ein Spie­gel des Le­bens, ein aus sich selbst ent­sprin­gen­der, Geist und Ge­müt er­qui­cken­der Was­ser­fall der Wor­te, ei­ne (wie soll­te man es tref­fen­der sa­gen als es sich selbst sa­gen zu las­sen?) „Frisch­luft­watschn“, die den Früh­ling ein­läu­tet, be­glei­tet, il­lus­triert, ver­tont und auf den Punk bringt.

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