„Le­ben und Ki­no grei­fen im­mer in­ein­an­der“

In München - - ORTSGESPRÄCH -

Das Schwa­bin­ger Ge­fühl: Ci­ne­as­ten gel­ten oft als ver­schro­be­ne Zeit­ge­nos­sen, de­nen die Na­men der kleins­ten Ne­ben­rol­le aus ob­sku­ren ost­eu­ro­päi­schen Kunst­fil­men wich­ti­ger als je­ner der ei­ge­nen Le­bens­part­ner sind. Tho­mas Ku­chen­reu­ther ist ein lie­bens­wür­di­ger Film-Freak. Wenn er durch die Ka­ta­kom­ben sei­ner Ki­nos führt, dann öff­net er je­de Vor­füh­rer­ka­bi­ne und be­grüßt die licht­scheu­en Ge­stal­ten wie Fa­mi­li­en­mit­glie­der. Die sie oft auch schon seit Jah­ren sind. Mit sei­nen drei Häu­sern ABC Ki­no, Münch­ner Frei­heit und Leo­pold leis­tet der Ki­no-Un­ter­neh­mer ei­nen wich­ti­gen Bei­trag da­für, dass Film­ver­gnü­gen eben doch mehr ist als Süß­kram-Wett­mamp­fen. Aber ja: das film­his­to­ri­sche Na­me­drop­ping liegt Tho­mas Ku­chen­reu­ther al­ler­dings doch. Ein­fach nur an­ge­ben möch­te er da­mit zum Glück aber nie.

Herr Ku­chen­reu­ther, dass Sie Film­lieb­ha­ber sind, merkt man. Trotz­dem, wenn Sie sich be­schrei­ben: Sind Sie eher Ki­no-Un­ter­neh­mer oder Ci­ne­ast? Oder kann man das nicht tren­nen?

Kann man schon. Ich bin eher Ki­no­lieb­ha­ber. Mei­ne Lei­den­schaft ge­hört dem Film.

Den­noch, man muss sich ja auch be­haup­ten kön­nen auf ei­nem nicht leich­ten Markt. Und auch Fil­me zei­gen, die ei­nem persönlich nicht lie­gen.

Man täuscht sich ja so oft. Vie­les, was mir im Mo­ment nicht so gut ge­fällt, wird in der Er­in­ne­rung bes­ser. Und um­ge­kehrt. Man macht Er­fah­run­gen – und dann wirkt ein Film plötz­lich ganz an­ders, wenn man ihn neu über­denkt. Es ist nicht so, dass ich mir mit mei­nem Ur­teil im­mer so si­cher sein kann.

„Out­break“von Wolf­gang Pe­ter­sen, mit dem Sie die Münch­ner Frei­heit er­öff­ne­ten. Kein schlech­ter Film. Aber war der mit sei­ner The­ma­tik den Jah­ren vi­el­leicht ein biss­chen vor­aus?

Auf je­den Fall, der kam zu früh. Mein Lieb­lings­bei­spiel ist aber „Pier­rot Le Fou“von Go­dard. Als ich den das ers­te Mal sah, dach­te ich mir: Um Got­tes Wil­len. Un­mög­lich. Dann bin ich mit mei­nem Freund, mit dem ich den Film ge­se­hen hat­te, nach der Nach­mit­tags­vor­stel­lung in ein Ca­fé ge­gan­gen. Dort rie­fen wir uns Sze­ne für Sze­ne ins Ge­dächt­nis, was wir ei­gent­lich ge­ra­de ge­se­hen hat­ten. Et­wa die Sze­ne, in der Sa­mu­el Ful­ler sagt: Ki­no ist ein Schlacht­feld. Lie­be, Hass. In ei­nem

Wort: Emo­ti­on. Wir ha­ben uns den Film ge­gen­sei­tig so lan­ge er­zählt, bis wir ihn am Schluss kom­plett hat­ten – und ihn zu lie­ben an­fin­gen.

Das ge­hört ein­fach zum Ki­no da­zu – dass man sich mit Freun­den dar­über un­ter­hält.

Aber si­cher. Und es ent­steht doch so viel mehr, wenn man sich aus­tauscht. Neh­men Sie „The Re­venant“. Als ich den das ers­te Mal sah, war mir schon nach der ers­ten Sze­ne klar, dass ich den Film ken­ne. Das ist „Je­re­miah John­son“mit Ro­bert Red­ford. Am An­fang gibt’s ei­ne Kol­li­si­on mit dem Bär. Es gibt die­sel­be Aus­ein­an­der­set­zung mit den In­dia­nern. In sol­chen Si­tua­tio­nen klin­gelt’s bei mir so­fort.

Tat­säch­lich.

Na klar. John Mi­li­us hat­te das Dreh­buch zu „Je­re­miah John­son“ge­schrie­ben. Er woll­te es nur ver­kau­fen, wenn er ein Haw­kins-Ge­wehr be­kommt, das im Film ei­ne Haupt­rol­le spielt. So was fällt mir gleich wie­der ein. Oder neh­men Sie Jer­ry Le­wis, an den die ARD erst kürz­lich in ei­ner Do­ku er­in­ner­te. Den ha­be ich ent­deckt durch ei­nen Ar­ti­kel „Ca­hiers du Ci­ne­ma“. Dann ha­be ich an­ge­fan­gen nach­zu­for­schen. Nach und nach hat­te ich al­le Fil­me für ein Fes­ti­val aus­ge­gra­ben. Die lie­fen dann ein Jahr lang im Leo­pold.

Ist das die größ­te Er­fül­lung, wenn man selbst – ab­seits des wö­chent­li­chen Ver­öf­fent­li­chungs­all­tags –ak­tiv Film­kunst­rei­hen ge­stal­ten kann?

Den meis­ten Spaß macht mir je­weils

Es geht um ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Film ...

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