Kei­ner kommt hier le­bend raus

Düs­te­re Mo­ri­ta­ten und nichts als der Blues

In München - - COMIC - Rai­ner Ger­mann

Man fühlt sich un­wei­ger­lich an die ex­pres­sio­nis­ti­schen Holz- oder Li­n­ol­schnit­te ei­nes Ernst Lud­wig Kirch­ners oder zu­min­dest an die mor­bi­den Bil­der des gra­fisch eben­falls ver­wand­ten Tho­mas Ott er­in­nert, wenn man die Zeich­nun­gen des nie­der­län­di­schen Co­mi­ckünst­lers Erik Kriek in sei­nem neu­en Werk In the Pines –5 Mur­der Bal­lads (Avant) be­trach­tet. Ab­seits von gän­gi­gen Wes­tern­kli­schees zeigt der Band fünf düs­te­re Pio­nier- und Mord­ge­schich­ten, die trotz ih­rer Ähn­lich­keit mit grie­chi­schen Tra­gö­di­en und eu­ro­päi­schen Mo­ri­ta­ten im wil­den Mitt­le­ren Wes­ten der USA des 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­derts an­ge­sie­delt sind. Ei­ne ge­setz­lo­se Welt, die auf My­then, fal­schem Mora­lis­mus, Ras­sis­mus und ra­di­ka­ler Aus­le­gung von Re­li­gi­on auf­ge­baut ist und na­tür­lich auf dem Er­be der Mensch­heit, das auch hier sei­ne In­kar- na­ti­on er­lebt: Das Recht des Stär­ke­ren. Und da­zu ge­hö­ren nicht Frau­en, Kin­der und Au­ßen­sei­ter, al­le­samt Op­fer, die mit den Tä­tern nur ei­nes ge­mein ha­ben: kei­ner kommt hier le­bend raus. Es sind Ad­ap­tio­nen so­ge­nann­ter Mur­der Bal­lads, ei­nem Sub­gen­re ame­ri­ka­ni­scher Folk­mu­sik, no­men est omen. Schon der Ti­tel „In The Pines“ver­weist dar­auf, man kennt den Song des gro­ßen Blues­mu­si­kers Le­ad­bel­ly, der selbst lan­ge Jah­re un­ter an­de­rem we­gen Mor­des im Ge­fäng­nis saß, auch als „Whe­re Did You Sleep Last Night“von Nir­va­na. „Pret­ty Pol­ly“, „Cal­eb Mey­er“, „The Long Black Veil“und „Whe­re The Wild Ro­ses Grow“–In­ter­pre­ta­tio­nen von Nick Ca­ve und John­ny Cash sind hier ver­sam­melt und fin­den sich auch auf der bei­ge­füg­ten CD in den Ver­sio­nen der Blue Grass Boo­gie­men. Ein mul­ti­me­dia­les Erlebnis ist die­ser Ge­nuss von Lek­tü­re und Mu­sik, alt­mo­disch und gut.

Vi­el­leicht war er der Ers­te im „Club 27“– auch der Blues­mu­si­ker Ro­bert John­son wur­de nach ei­nem aus­schwei­fen­den Le­ben zwi­schen Bar, Bett und Büh­ne nur 27 Jah­re alt, an­geb­lich ver­gif­tet von ei­nem Ne­ben­buh­ler, auf al­le Fäl­le zer­stört von schlech­tem Schnaps und Sy­phi­lis. Der Teu­fel hät­te ihm für sei­ne See­le an ei­ner Cross­road die Gi­tar­re ge­stimmt, so die Le­gen­de, das be­haup­te­ten da­mals al­ler­dings ei­ne Men­ge Blues­män­ner aus dem Mis­sis­sip­pi Del­ta, kam schließ­lich gut an und jag­te dem ge­neig­ten Pu­bli­kum ei­nen woh­li­gen Schau­er über den Rü­cken. Kein Blues­mu­si­ker ge­nießt bis heute ei­nen Kult­sta­tus wie John­son, der sich aus ein­fachs­ten Ver­hält­nis­sen mit Mund­har­mo­ni­ka und Gi­tar­re ei­nen Ruf als be­son­de­rer Ge­schich­ten­er­zäh­ler er­spiel­te. Die fran­zö­si­schen Au­to­ren Je­an-Mi­chel Dupont und Mez­zo ha­ben ihm mit Lo­ve In Vain (Eg­mont) ein star­kes Denk­mal ge­setzt, sti­lis­tisch er­in­nern Mez­zos Schwar­zweiß-Zeich­nun­gen gar an „Black Ho­le“von Charles Burns. Mit ei­nem Trick zieht Dupont als Er­zäh­ler den Le­ser in den Bann, re­la­tiv bald durch­schaut man die Rol­le, das tut der oh­ne­hin be­kann­ten Ge­schich­te aber kei­nen Ab­bruch, im Ge­gen­teil. Den Au­to­ren ge­lingt mit der Bio­gra­fie John­sons auch ein ein­drucks­vol­les Por­trät der 1930er Jah­re, ei­ner von De­pres­si­on, Ras­sis­mus, Al­ko­hol und Sex be­feu­er­ten Epo­che der USA, zu der Jazz und Blues den Sound­track lie­fer­ten. Ro­bert John­sons Tex­te sind ehr­lich und bru­tal, man kann sei­ne hei­se­re Stim­me förm­lich hö­ren zwi­schen den ein­zel­nen Pa­nels. Der Schluss des Ban­des ge­bührt sei­nen größ­ten Fans und ei­nem be­son­de­ren Auf­tritt, mehr sei hier nicht ver­ra­ten.

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