Es steht

„Ma Ma“von Ju­lio Me­dem

In München - - KINO - Fritz Gött­ler

Das Fuß­ball­spiel steht un­ter kei­nem wirk­lich gu­ten Stern. Zwei Ju­gend­ver­ei­ne spie­len ge­gen­ein­an­der, die Kids sind eif­rig be­müht. Aber dann ver­schießt der jun­ge Stür­mer ei­nen El­fer. Die Zu­schau­er mur­ren und ma­chen sich lus­tig über ihn. Sei­ne Mut­ter, die un­ter ih­nen sitzt, be­schimpft dar­auf die­se Zu­schau­er und rückt weit weg von ih­nen. Ein an­de­rer Zu­schau­er sieht sie und setzt sich zu ihr, es ist Ar­turo, ein Spie­lerS­cout auf der Su­che nach Nach­wuchs für Re­al Ma­drid (Lu­is To­sar). Sein Han­dy klin­gelt, er lauscht und fängt zu stöh­nen an, sinkt zu Bo­den. Die Mut­ter, Mag­da, ruft den Sa­ni­tä­ter am Spiel­feld­rand. Sie bringt Ar­turo ins Kran­ken­haus. Sei­ne Fa­mi­lie hat ei­nen Un­fall ge­habt, das Kind ist tot, die Frau im Ko­ma. Am nächs­ten Tag muss Mag­da in ein an­de­res Kran­ken­haus, zur ers­ten Run­de ei­ner Che­mo­the­ra­pie, sie hat Brust­krebs. Pe­né­lo­pe Cruz ist Mag­da, die jun­ge Mut­ter, die mit dem Tod kon­fron­tiert wird und aus ih­rem Kampf un­ge­ahn­te Kraft ent­wi­ckelt. Ei­ne Fei­er des Le­bens nennt der Bas­ke Ju­lio Me­dem sei­nen Film, und er meint das ganz ernst, mit dem Ernst ei­nes me­lo­dra­ma­ti­schen Fil­me­ma­chers. Ein Som­mer­film, ein Fuß­ball­film, es ist EM-Zeit. Auch Mag­da kämpft, erst Che­mo, dann Am­pu­ta­ti­on. Es be­ste­hen 70 Pro­zent Wahr­schein­lich­keit, sagt ihr Dok­tor Ju­lián (Asier Et­xe­an­dia), dass sie ih­ren Brust­krebs be­sie­gen kann. Es steht al­so 2:1. Und Am­pu­ta­ti­on, sagt er auch, ist bei ei­ner Brust nicht das rich­ti­ge Wort. Es ist ein Film der wei­ßen Kor­ri­do­re, der grel­len, al­les aus­blei­chen­den Son­ne. Ju­lio Me­dems Weiß, die Far­ben zie­hen sich zu­rück. Im­mer ha­ben Fil­me­ma­cher die­ses in­ten­si­ve Weiß be­nutzt, wenn es in ih­ren Fil­men um Tod und Ge­burt, um Fort­le­ben und Wie­der­ge­burt geht. Mag­da wird schwan­ger, und sie will, auch wenn die Krank­heit ihr kaum die Zeit lässt, das Kind zur Welt brin­gen. Für ih­re Män­ner – Ar­turo, der sei­ne Fa­mi­lie ver­lor, den Fuß­ball­spie­ler-Sohn, des­sen Va­ter fremd­geht mit ei­ner jun­gen Frau, und Ju­lián, den Gy­nä­ko­lo­gen, der sich in sei­ne Pa­ti­en­tin ver­liebt und in ei­ner Bar ein see­len­vol­les Lied für Mag­da singt. Ka­rao­ke ge­gen den Krebs. Ju­lio Me­dem steht voll auf Mag­das Sei­te, er sucht in sei­nen Fil­men im­mer sei­ne fe­mi­ni­ne Sei­te. Sei­ne Me­lo­dra­men sind die reins­ten im Ki­no heu­te, so ge­rad­li­nig und furcht­los vor Bes­ser­wis­se­rei und Spott, vor dem Vor­wurf der Sen­ti­men­ta­li­tät und der Lä­cher­lich­keit. Aber mit ei­ner traum­wand­le­ri­schen Si­cher­heit, was die Lie­be an­geht, auch über den Mo­ment des To­des hin­aus. Der ers­te, der mich ganz früh fas­zi­niert hat, er­zählt er, war Sigmund Freud, schon in sei­nen Su­per-8-Fil­men hat Me­dem ver­sucht, sein Un­be­wuss­tes in die Bil­der zu krie­gen. Am schöns­ten ist ihm das bis­lang ge­lun­gen in sei­nem Film „Die Lie­ben­den des Po­lar­krei­ses“von 1998, ein Film, der Ci­ne­as­ten auf der gan­zen Welt ver­zau­bert hat. „Und wenn ich er­wa­che“, heißt es in ei­nem Song, „wird mein Ich ein an­de­res sein“. Mit ih­rer Kurz­haar­fri­sur sieht Pe­né­lo­pe Cruz aus wie ei­ne mo­der­ne Jean­ne d’Arc. „Ma Ma“ist das, was man einst wo­men’s weepie nann­te, Trä­nen­ki­no spe­zi­ell für Frau­en. Me­lo­dra­men, die wie Glei­chun­gen funk­tio­nie­ren, 2:1. Ju­lio Me­dem führt das Gen­re noch ein gan­zes Stück wei­ter als die gro­ßen Me­lo­künst­ler aus Hol­ly­wood, und am En­de kommt ei­nem Ma Ma so­gar wie ein men’s weepie vor.

Ei­ne Fei­er des Le­bens

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