Wo si­cher je­der blaue Wun­der er­lebt

Vom Ju­ni bis Ju­li steigt im süd­li­chen Olym­pia­park das feucht-fröh­li­che Frei­luft­spek­ta­kel

In München - - TOLLWOOD - Ru­pert Som­mer

Liegt’s an der al­ten Tollwood-Angst vor dem Ab­s­au­fen im Som­mer­matsch? Oder wa­ren die Pla­nen pro­phe­tisch ge­nug, den kom­plett ver­reg­ne­ten Bier­gar­ten­frust der ver­gan­ge­nen Wo­chen vor­aus­zu­ah­nen? Oder ist’s vi­el­leicht ein ge­schick­tes Ablen­kungs­ma­nö­ver ge­gen­über den Wet­ter­göt­tern, weil uns nun end­lich lan­ge hei­ße Ta­ge und eben­so auf­re­gen­de Näch­te be­vor­ste­hen?

Sei’s drum: Je­den­falls hat sich das dies­jäh­ri­ge Som­mer-Tollwood ganz dem nas­sen Ele­ment ver­schrie­ben. Und na­tür­lich ist das ak­tu­el­le Mot­to „Dein blau­es Wun­der“wie­der mal schön dop­pel­deu­tig. Selbst­ver­ständ­lich sind die Ozea­ne die wohl auf­re­gends­te, weil noch im­mer oft un­er­gründ­li­che Wun­der­wel­ten, die die­ser Planet uns zu bie­ten hat. Al­ler­dings könn­ten wir an­ge­sichts der fort­schrei­ten­den Ver­schmut­zung der Mee­re und der gi­gan­ti­schen Plas­tik­tep­pi­che, die wei­te Tei­le der Ozea­no­ber­flä­chen be­de­cken, in nicht all­zu fer­ner Zu­kunft noch ein schmerz­haf­tes „blau­es Wun­der“er­le­ben. Aber vi­el­leicht ist es auch ein poe­ti­scher Ge­dan­ke, der dies­mal mit­schwingt: Wer sich an ei­nem mär­chen­haft schö­nen Som­mer­abend dem Tollwood-Ge­län­de mit sei­nen Zel­ten, Bu­den, Ver­lo­ckun­gen und Düf­ten nä­hert, der sieht ihn schon von wei­tem – den ver­hei­ßungs­vol­len blau­en Glanz, der über dem Are­al schwebt.

Vom 29. Ju­ni bis 24. Ju­li hat das viel­ge­stal­ti­ge Frei­luft­spek­ta­kel mit sei­nen zahl­lo­sen Kon­zer­ten, Per­for­man­ces, Thea­ter­dar­bie­tun­gen, Kin­der-, Fa­mi­li­en- und Se­nio­ren­ver­gnü­gun­gen und den ori­en­ta­li­schen Markt­gas­sen wie­der ge­öff­net. Und ne­ben den vie­len in­ter­na­tio­na­len Li­ve-Acts, die die Mas­sen an­lo­cken wer­den, emp­feh­len sich auch in die­sem Jahr vor al­lem die zir­zen­sisch-thea­tra­len Dar­bie­tun­gen, die das Tollwood-Er­leb­nis so ein­zig­ar­tig ma­chen. Im­mer wie­der lo­ten die Ma­cher da­bei die Gren­zen des­sen aus, was man ver­meint­lich kennt – und dann doch so noch nie ge­se­hen hat. Et­wa die Un loup pour l’hom­me-Grup­pe, die Akro­ba­tik auf ih­re Gr­und­vor­aus­set­zun­gen zu­rück­führt – den Kampf ge­gen die Ge­set­ze der Phy­sik. Und das Kämp­fe­ri­sche darf bei die­ser ro­bus­ten Män­ner­trup­pe ganz wörtlich ge­nom­men wer­den (Thea­ter­zelt, 14. bis 23.7.).

Auf Ur­for­men des Thea­tra­len – et­wa die Schat­ten­spie­le in der Höh­le, mit der die Jüngs­ten un­ter­hal­ten wur­den, bis das Mam­mut end­lich gar ge­bra­ten war – ver­weist da­ge­gen die ka­na­di­schaus­tra­li­sche Trup­pe Bunk Pup­pets zu­rück. „Sticks, Sto­nes, Bro­ken Bo­nes“braucht nicht viel, um dem Pu­bli­kum den Atem zu rau­ben – ei­ne schlich­te Lein­wand, ei­ne star­ke Lam­pe, ein paar Sche­ren­schnitt-Fi­gu­ren und na­tür­lich ge­schick­te Hän­de (Thea­ter­zelt, 30.6. bis 6.7.).

Im­mer was zu Er­le­ben und zum Be­stau­nen gibt’s na­tür­lich auch im Am­phi­thea­ter, wo Lieb­ha­ber von Ar­tis­tik und Akro­ba­tik täg­lich auf ih­re Kos­ten kom­men – und das bei frei­em Ein­tritt. Hier to­ben sich et­wa die Bel­gi­er der Mu­sik­trup­pe D’ir­que & fi­en aus, die ein In­stru­ment be­ar­bei­ten, das un­ter enor­men Druck bzw. Zug steht: Es ist der Kampf mit der Schwer­kraft, aus­ge­foch­ten mit viel Hu­mor. Oder aber Chris­toph En­gels aus Deutsch­land, der sei­ne Zu­schau­er bei Lau­ne hält – und da­für schon mal die Ket­ten­sä­ge durch die Luft sau­sen lässt. Oder Me­la­nie Ha­ge­dorn, die die al­te Re­de­wen­dung

Auf­ge­grif­fen wird das Was­serMot­to auch von den vie­len Künst­lern, die das Ge­län­de mit be­ein­dru­cken­den Skulp­tu­ren be­völ­kern, die zum Nach­den­ken an­re­gen. So hat Adam Stu­bley, ein al­ter Tollwood-Be­kann­ter, gleich zwei In­stal­la­tio­nen aus Müll ge­schaf­fen – ei­nen gi­gan­ti­schen Wal und ein bi­zar­res Aqua­ri­um.

Und selbst im Kin­der­zelt kann man ab­tau­chen – mit Hai­en und fre­chen Rob­ben und sich da­bei in der Kin­der­kom­bü­se mit Mee­res­kü­che oh­ne Fisch stär­ken. Jetzt braucht es für den Spaß nur noch ei­ni­ger­ma­ßen tro­cke­nes Wet­ter. Oder auch nicht.

Pu­ris­ti­sche Ar­tis­tik: UN LOUP POUR L’HOM­ME

Schat­ten­spie­le: BUNK PUP­PETS

Plitsch-Platsch-Clow­ne­ri: BAROLOSOLO

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