Ganz­kör­per-Ein­satz ge­fragt

Auch in hys­te­ri­schen Zei­ten soll­te man den klu­gen Kopf nicht ein­zie­hen

In München - - THEATER -

Ich ko­pie­re und ver­lin­ke, al­so bin ich. Die Fra­ge nach der ech­ten Iden­ti­tät ist in der Ver­steck­spiel­chen­welt der so­zia­len Netz­wer­ke zu ei­ner un­lös­ba­ren Auf­ga­be ge­wor­den. Je­der tän­delt, ko­ket­tiert und schlüpft in frem­de Häu­te. Doch bei al­ler Spie­le­rei ist die Rea­li­tät dort drau­ßen be­kannt­lich ei­ne grau­sa­me: Die Mie­ten in den Zen­tren der Groß­städ­te kann sich die Di­gi­tal-Bo­hè­me kaum mehr leis­ten. Doch zum Glück gibt es die Sha­ring Eco­no­my, die un­ter an­de­rem das Mit­woh­nen bei Airb­nb her­vor­ge­bracht hat. Brit­ta Thie, die Ber­li­ner Me­di­en­künst­le­rin, geht noch ei­nen Schritt wei­ter. Ihr schril­ler Sit­comAbend I’MDB – Ein Li­ve-Dra­ma über die Tra­gik des Ra­tings ex­er­ziert die Idee durch, dass man sich gan­ze Exis­ten­zen lei­hen kann. So stel­len der Mo­del­cas­ter Pres­ton und sein Mit­be­woh­ner, der Vo­cal-Coach Sa­ge, nicht nur ih­ren Wohn­raum in New York zur Ver­fü­gung – son­dern bie­ten auch gleich ih­ren kom­plet­ten Le­bens­stil an. Her­aus kommt ein di­gi­ta­les Spek­ta­kel, in­klu­si­ve Kon­ser­ven-Ge­läch­ter und Ka­me­ras am Set. (Kam­mer­spie­le, 30.6./1.7./2.7.)

Fast ei­ne Gro­tes­ke, wenn sie nicht so ernst und trau­rig wä­re, hät­te na­tür­lich auch das Schick­sal der jü­di­schen Aus­wan­de­rer­fa­mi­lie von drei Brü­dern aus dem baye­ri­schen Rim­par ab­ge­ge­ben, die in den USA ganz groß raus­ka­men und nicht nur für die dor­ti­ge My­then­bil­dung (Je­ans!) wich­tig wa­ren, son­dern den mo­der­nen Raub­tier­ka­pi­ta­lis­mus vor­ex­er­zier­ten. Leh­man Bro­thers. Auf­stieg und Fall ei­ner Dy­nas­tie zeich­net 150 Jah­re Fir­men­ge­schich­te der un­ge­zähm­ten Ge­schäf­te­ma­che­rei nach, die mit der Plei­te der US-In­vest­ment­bank im Jahr 2008 bei­na­he die Welt­wirt­schaft in die Knie ge­zwun­gen hät­te. (Re­si­denz­thea­ter, ab 29.6.)

Den Blick zu­rück – hoff­nungs­vol­ler – wen­det auch das Per­for­mance-Gast­spiel Der neue Mensch, das die Auf­merk­sam­keit zu­rück an den An­fang des 20. Jahr­hun­derts in der Auf­bruchs­zeit nach dem Trau­ma des Ers­ten Welt­kriegs rich­tet. Die Trup­pe Li­gna spielt vier Ent­wür­fe ei­nes neu­en Le­bens durch – von Chap­lin, La­ban und Mey­er­hold. Am wei­tes­ten geht der Vor­schlag von Bert Brecht, der in sei­nem Mi­ni-Lehr­stück die Uto­pie ei­nes klas­sen­lo­sen Staa­tes schon mal Wirk­lich­keit wer­den lässt. (Kam­mer­spie­le, 25./26.6.)

Nicht wirk­lich klas­sen­los, aber schon bald post-ka­pi­ta­lis­tisch ist die zeit­ge­nös­si­sche ja­pa­ni­sche Ge­sell­schaft, von der Re­gis­seur To­shi­ki Ok­a­da in sei­ner Tri­lo­gie Hot Pep­per, Air Con­di­tio­ner and The Fa­re­well Speech be­rich­tet. Trotz in­ten­si­ver Be­mü­hun­gen der Re­gie­rung, die er­lahm­te Wirt­schaft wie­der zu be­le­ben, sta­gniert das Wachs­tum, und erst­ma­lig in der dor­ti­gen Ge­schich­te brei­tet sich Ar­beits­lo­sig­keit aus. Die Be­trof­fe­nen neh­men die Kri­se noch weit­ge­hend sto­isch hin. Und doch ist es wich­tig, die Men­schen hin­ter den Kenn­zah­len und Sta­tis­ti­ken zu zei­gen. Et­wa die Leih­ar­bei­ter, die über das Lokal für die Ab­schieds­fei­er ih­rer be­reits ent­las­se­nen Kol­le­gen (und ver­mut­lich bald ih­re ei­ge­ne Kün­di­gung) sin­nie­ren. Die Festan­ge­stell­ten nüt­zen da­ge­gen ei­ne kur­ze Ar­beits­pau­se für ero­ti­sche An­nä­he­rung – beim Small Talk über die Leis­tungs­kraft der Kli­ma­an­la­ge. Wie Ja­pa­ner halt so ti­cken. (Kam­mer­spie­le, ab 24.6.)

Wie es sich lebt in ei­ner Ge­gen­wart, de­ren Zu­kunft nach all­ge­mei­nem Be­fin­den schon lan­ge nicht mehr ro­sig aus­se­hen kann, dar­über kann man sich auch in der jun­gen Pro­duk­ti­on In un­end­li­cher Fer­ne die win­zi­ge Brü­cke in­for­mie­ren. Der Back­s­tageKlub aus dem Volks­thea­ter hat da­für mit Ju­gend­li­chen zwi­schen 13 und 21 Jah­ren ein Stim­mungs­bild er­ar­bei­tet, das der Rat­lo­sig­keit und Tris­tesse ge­recht wer­den möch­te. (Volks­thea­ter, 2.7. und 3.7.)

Eben­falls von jun­gen Men­schen auf­ge­ar­bei­tet wur­de der be­rühm­te „Som­mer­nachts­traum“von Wil­li­am Sha­ke­speare. Das El­fen­stück hat sich die Gärt­ner­platz-Ju­gend vor­ge­knöpft und dar­an ban­ge Fra­gen ge­stellt. Ei­fer­sucht, Meu­te­rei im Mär­chen­wald. Wer ge­hört über­haupt zu wem? It had to be you wur­de ein schmis­si­ge Re­vue im Stil der 20er und 30er Jah­re. (Leo 17, 2. und 3.7.)

Um den gro­ßen Bar­den kam al­ler­dings auch die Grup­pe Play­po­ol nicht her­um, die sich mal wie­der mit „Ham­let“be­schäf­ti­gen woll­te. Al­ler­dings wird Ophe­li­as Traum ganz aus der Per­spek­ti­ve der so schä­big be­han­del­ten Ver­lieb­ten er­zählt. Die fühlt sich na­tur­ge­mäß ver­schmäht und ver­nach­läs­sigt, aber nicht nur der Dä­nen-Prinz kränkt sie. Im Stück geht es auch dar­um, dass Ophe­lia sich ge­gen­über ih­rer Mut­ter zu be­haup­ten und aus­zu­bre­chen ver­sucht. (Mohr-Vil­la, 24. bis 26.6.)

Durch zwei Tex­te durch­schwit­zen: MA­RA­THON FAUST I & II

Ku­scheln mit den Raub­tier­ka­pi­ta­lis­ten: LEH­MAN BRO­THERS

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