Wir brau­chen Er­leb­nis­se!

Das „Opern­haus“in der Kam­mer „Fi­ga­ros Hoch­zeit“

In München - - BÜHNENSCHAU - Pe­ter Ei­den­ber­ger

Mat­thi­as Li­li­en­thal macht ja un­ge­heu­er viel an sei­nen nun post­dra­ma­ti­schen, dis­kur­si­ven, äs­the­tisch mul­ti­plen Kam­mer­spie­len, und so wun­dert es nicht, dass er nun auch ein Mu­sik­thea­ter be­her­bergt. „Opern­haus“heißt das Pro­jekt, mit dem Mu­si­ker, Schau­spie­ler und Per­for­mer al­te Opern auf ih­ren Ge­halt für heu­te ab­klop­fen. Ein Pro­jekt, das Gren­zen ha­ben wird: am En­de der Spiel­zeit soll das Opern­haus ab­ge­fa­ckelt wer­den – sym­bo­lisch zu­min­dest. Bis da­hin wä­re noch Zeit, sich „Fi­ga­ros Hoch­zeit“an­zu­schau­en, in der Re­gie des Pro­jekt­grün­ders Da­vid Mar­ton, nach Mo­zart, da Pon­te und de Beau­m­ar­chais. Um Miss­ver­ständ­nis­sen vor­zu­beu­gen: „Um die­se Hand­lung im ei­gent­li­chen Sin­ne geht es heu­te Abend nicht“, teilt das Pro­gramm­heft gleich mal mit, näm­lich um die Ge­schich­te von Fi­ga­ro und Su­san­na, de­ren Hoch­zeit Graf Al­ma­vi­va, bei­der Chef, ver­hin­dern will, u.a. in dem er auf das Recht der ers­ten Nacht pocht. Das Thea­ter des Un­gars Mar­ton zielt pri­mär nicht auf die Be­ar­bei­tung, er will die Er­ar­bei­tung aus der Re­fle­xi­on über Mo­zarts Mu­sik her­aus, zu­sam­men mit al­len Be­tei­lig­ten. Und das ist hier ei­ne mul­ti­na­tio­na­le Trup­pe aus Ka­na­da, Ser­bi­en, Is­ra­el, Lett­land, Deutsch­land, Is­land und der Ukrai­ne. Die Fi­gu­ren aus dem Fi­ga­ro blei­ben, auch ei­ni­ges von der Mu­sik. Nur die ver­klei­nert sich hier auf Ta­fel­mu­sik­di­men­si­on: zwei Flö­ten, Oboe, Kla­ri­net­te und Cem­ba­lo, stel­len­wei­se ver­edelt durch die Vio­li­ne von Nu­rit Stark. Ge­lei­tet wird das Mu­si­ka­li­sche von Micha­el Wil­hel­mi, der sich am Kla­vier auch mal ei­nen schö­nen Ta­ke Bar-Jazz er­laubt, zu­sam­men mit Je­le­na Kul­jić (die an­sons­ten die selbst­be­wuss­te Su­san­na spielt). Die wohl­fei­le Arie (vom ein­zi­gen ech­ten Opern­sän­ger, Thorb­jörn Björns­son, der ein recht un­auf­ge­reg­ter Fi­ga­ro ist) fehlt auch nicht – ob­wohl sie den be­son­der­s­ten Mo­ment des Abends nicht top­pen kann: „Sen­za fi­ne“, die an­rüh­ren­de Schnul­ze von Gi­no Pao­li, mit der Franz Ro­gow­ski sei­nen emp­find­sa­men Che­ru­bi­no aus der stum­men, schon schmerz­haft au­then­ti­schen Grenz­de­bi­li­tät be­freit. „Fi­ga­ros Hoch­zeit“haf­tet seit sei­ner Ent­ste­hung 1778 das Prä­di­kat „Re­vo­lu­ti­ons­stück“an. We­gen der Adels­kri­tik. Die schwingt hier auch ein biss­chen mit, deut­lich aus­ge­stellt mit dem arg blas­sen Gra­fen (Niels Bor­mann), oder mit Mar­cel­li­na, ei­ner Eli­sa­beth-Tay­lor­haf­ten Fach­fre­gat­te für Wein und Mix­ge­trän­ke (An­net­te Paul­mann). Auch die klas­si­zis­ti­sche Haus­fas­sa­de auf Chris­ti­an Fried­län­ders Büh­ne scheint sich nach oben aus ei­nem Stahl­ge­rüst vom Adel zu ver­ab­schie­den. Dass dem­ent­spre­chend auch der Plot et­was in der Luft hängt, ist wohl der Preis für die Wahl ei­nes Re­gis­seurs, des­sen Haupt­an­lie­gen bei der Er­ret­tung der Oper aus dem His­to­ris­mus der Stadt­thea­ter das Pro­gramm­heft so for­mu­liert: „Wir brau­chen Er­leb­nis­se!“Und so wach­sen aus der Un­mit­tel­bar­keit des Re­agie­rens aus und mit der Mu­sik, des Agie­rens für sich oder mit­ein­an­der, das trau­te Grup­pen­bild samt Knecht und Adel, die Be­zie­hun­gen und Dif­fe­ren­zen, die Ero­tik, mal zau­ber­haft, mal plump. Man flüch­tet in die Ge­bor­gen­heit der je­weils ei­ge­nen Mut­ter­spra­che, dis­ku­tiert über Kunst, Auf­trag und Zu­schau­er, formt al­te oder neue po­li­ti­sche Slo­gans oder schmeißt noch mal ein biss­chen re­vo­lu­tio­när die al­te Ma­tri­zen­ma­schi­ne an. Si­cher, der Hauch der Be­lie­big­keit schwingt im­mer mit bei die­ser Mach­art von Thea­ter. Doch der Bei­fall (bei der drit­ten Auf­füh­rung) ist deut­lich.

Be­zie­hun­gen und Dif­fe­ren­zen

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