War­nung vor dem Man­ne! oder: vom Jä­ger und der Beu­te im Dampf­kes­sel des Hor­mon­drucks

In München - - BELÄSTIGUNGEN -

Bis­wei­len ge­rät ei­nem ein Wort ins Ohr, das aus dem Hirn nicht mehr hin­aus­will. So ging es mir kürz­lich mit dem von ei­nem Vo­gel­kund­ler ge­äu­ßer­ten Be­griff „Hor­mon­druck“. Das ist nicht et­wa ei­ne blu­mi­ge, vom Ver­ein zur Be­wah­rung der deut­schen Spra­che emp­foh­le­ne Um­schrei­bung für Por­no­gra­phie, son­dern eher das, was da­zu führt, daß der­ar­ti­ge Bild- und Text­wer­ke ei­ne nen­nens­wer­te Nach­fra­ge ge­nie­ßen. Ins Spiel kam das Wort in Zu­sam­men­hang mit dem Ku­ckuck, ei­nem pos­sier­li­chen Tier­chen, das da­für no­to­risch ist, daß es das Sys­tem der Kin­der­fremd­be­treu­ung noch wei­ter treibt als der Mensch, in­dem es sei­nen Nach­wuchs nicht mal selbst ge­bä­ren mag, son­dern in frem­de Nes­ter hin­ein­ei­ert und den un­ge­frag­ten Lei­h­el­tern von der Brut bis zum Abitur al­les über­läßt. An­sons­ten ist der Ku­ckuck nicht so faul. Näm­lich wird es ihm schon En­de Ju­li in hie­si­gen Brei­ten zu zap­fig, wes­halb er um­ge­hend nach Afri­ka auf­bricht. Weil der Ku­ckuck über­ra­schen­der­wei­se noch nicht auf die Idee ge­kom­men ist, Fremd­vö­gel zu char­tern, fliegt er selbst, vier Wo­chen lang. Da er­blaßt der re­kord­wü­tigs­te Ma­ra­thon­läu­fer! Im Früh­ling zieht es ihn wie­der heim­wärts, und weil nun der Hor­mon­druck ein­setzt, braucht er für den Rück­flug nur noch zwei­ein­halb Wo­chen. Dann wird ge­balzt, ge­ku­ckuckt und ge­ei­ert, und schon ist der Druck ver­pufft. Un­ter Hor­mon­druck steht nicht nur der Ku­ckuck, son­dern je­des Le­be­we­sen, so­gar die Schne­cke, die ger­ne schmust und mop­pelt, ob­wohl sie das gar nicht nö­tig hat, so­gar der brünf­tig mit Pol­len um sich stäu­ben­de Baum, der sich dem an­ge­him­mel­ten Part­ner kaum je ge­nug nä­hern kann, um ihn we­nigs­tens zu strei­cheln. Und selbst­ver­ständ­lich der Mensch. Des­sen männ­li­che Va­ri­an­te in­des ist Welt­meis­ter im Su­bli­mie­ren. Zwar geht ihm Tag und Nacht nichts im Kopf her­um als sich zu paa­ren. Da­für hat er aber oft kei­ne Zeit, und selbst wenn, er­gibt sich meis­mit tens kei­ne Ge­le­gen­heit. An­de­rer­seits hat das Men­schen­männ­chen im Ge­gen­satz zum Ku­ckuck ein nicht zu über­se­hen­des Ge­schlechts­or­gan, mit dem es, wenn es schon nicht zum Ein­satz kom­men kann, zu­min­dest sym­bo­lisch sei­ne Welt fül­len muß. Des­halb stellt der Mensch sei­ne Städ­te mit Pe­nis­sen voll. Ur­sprüng­lich leb­te er in Höh­len, und im Grun­de hat selbst das Ein­zim­mer­apart­ment mehr von ei­ner Va­gi­na als von ei­nem prot­zen­den Stän­der. Ver­läßt man sie, sieht man sich je­doch von sel­bi­gem um­stellt: Vom Mai­baum bis zum Fern­seh­turm, von der Ma­ri­en­säu­le bis zum Obe­lis­ken, vom „Vier­kant­bol­zen“bis zum spitz­kup­pe­li­gen Kirch­turm fin­det sich kaum ein Ge­bäu­de, das ei­ner Brust, ei­ner ge­run­de­ten Hüf­te, ei­ner schwel­len­den Lip­pe äh­nelt. Da­mit nicht ge­nug. Statt mü­ßig zu fla­nie­ren, pe­ne­triert der Mensch Erd­bo­den, Berg und Land­schaft mit röh­ren­den Tun­nel­röh­ren, und wenn er am Wo­che­n­en­de sei­nen Ar­beits­platz ver­las­sen muß, packt er Bohr­ma­schi­ne, Preß­luft­ham­mer und den dau­e­re­re­gier­ten Laub­blä­ser aus und un­ter­wirft, züch­tigt und miß­braucht al­les, was ihm in die Que­re kommt. Wo­hin das vom Hor­mon­druck ge­plag­te Men­schen­männ­chen auch blickt, es fin­det nichts als Jagd­beu­te und Op­fer. Das hat ge­fäl­ligst wil­lig zu sein, wes­halb der Mensch sei­nen Paa­rungs­akt nicht ein­fach Sex nennt, son­dern als not­wen­di­ge nä­he­re Be­zeich­nung „ein­ver­nehm­lich“hin­zu­fügt. Ein deut­li­cher Hin­weis: Es geht auch an­ders! Weil die­ser Wahn­sinn mit der „Ver­nunft“, die den Ho­mo sa­pi­ens im Lau­fe der Evo­lu­ti­on an­geb­lich be­fal­len hat, nicht in Ein­klang zu brin­gen ist, hat das Men­schen­männ­chen zur Recht­fer­ti­gung Re­li­gio­nen und so­zia­le Ord­nun­gen er­fun­den, die der Beu­te ih­ren Platz zu­wei­sen. Den darf das Weib­chen bis­wei­len so­gar ver­las­sen, aber nur wenn es sämt­li­che Ge­hirn­be­rei­che ab­schal­tet, die nicht Pe­ne­tra­ti­on und Un­ter­wer­fung be­faßt sind, und sich zum ru­di­men­tä­ren Er­satz­männ­chen wan­delt. Nun ist die Na­tur nicht so sim­pel struk­tu­riert, wie das Men­schen­männ­chen meint. Z. B. gibt es das weit ver­brei­te­te Phä­no­men der Ho­mo­se­xua­li­tät, das ihm wurst ist, so­lan­ge es sich auf die Da­men­welt be­schränkt. Zwar ge­hen da­durch po­ten­ti­el­le Beu­te­stü­cke ver­lo­ren, die ihm aber meist eh nicht at­trak­tiv er­schei­nen (und wenn doch, wird es sie schon ir­gend­wann „ku­rie­ren“). Hin­ge­gen der Schwu­le bringt die Welt des Men­schen­männ­chens ins Wan­ken: Plötz­lich ist es nicht mehr Jä­ger, son­dern mög­li­che Beu­te, und die­se Vor­stel­lung ist schlim­mer als ein Ver­bot von Fuß­ball, Bier und Blech­kar­ren. Da er­wacht ei­ne exis­ten­ti­el­le Angst, die die Wis­sen­schaft Ho­mo­pho­bie nennt. Die wächst zur Wut, und wenn man dem von ihr be­fal­le­nen Männ­chen per Er­zie­hung die Ver­nunft am­pu­tiert und ihm ei­nen Schieß­pe­nis in die Hand gibt, bal­lert es los. Was ich sa­gen will, ist: Wenn ein Mann in ei­nen Schwu­len­club hin­ein­geht und Men­schen um­nie­tet, tut er das nicht für Gott, Al­lah, Chris­tus, Ma­ria, nicht im Di­ens­te des IS, der ka­tho­li­schen, an­gli­ka­ni­schen oder sonst ei­ner Kir­che, Mi­liz oder Ver­ei­ni­gung. Son­dern un­ter dem Dampf­druck ei­ner bis zum Wahn­witz falsch ver­stan­de­nen Mas­ku­lini­tät, die ihm an­er­zo­gen, ein­ge­bleut, Tag für Tag aufs Neue ein­ge­impft wur­de. Es han­delt sich da­bei nicht um ein ame­ri­ka­ni­sches, ara­bi­sches, rus­si­sches, asia­ti­sches, son­dern um ein mensch­li­ches/männ­li­ches Phä­no­men. Der Ku­ckuck läuft nicht Amok, der Baum schießt kei­ne Mord­droh­nen in frem­de Wäl­der, die Schne­cke küm­mert sich ei­nen Dreck dar­um, ob ih­re Nach­ba­rin sich selbst oder sonst wen be­fruch­tet. An dem, was ei­ner tut, ist er selbst schuld. Aber den Wahn, die Wut und die Waf­fen, die ha­ben ihm an­de­re be­sorgt.

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