Der Schrift­stel­ler beim Ein­fä­deln

„Pe­ter Hand­ke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich ver­spä­te“von Co­rin­na Belz

In München - - KINO - Rai­ner Gan­se­ra

Der Schrift­stel­ler, 74, putzt Pil­ze, selbst ge­sam­mel­te. Er sitzt mit Na­del und Fa­den im Ses­sel vor dem Fens­ter und ver­sucht ein­zu­fä­deln, un­end­lich ge­dul­dig, die Hand zit­tert nicht, aber es mag nicht recht ge­lin­gen, denn das Na­del­öhr ist arg klein. Er liest auch vor, spricht mit ver­stän­di­gem Nach­druck, und dann be­ob­ach­tet die Ka­me­ra ihn da­bei, wie er Din­ge in sei­nem zau­be­risch schö­nen Gar­ten ver­gräbt. Ein Ri­tu­al? All die auf­ge­häuf­ten Din­ge, die man in den Zim­mern sei­nes Vo­r­or­tHau­ses sieht – Bü­cher, Stif­te, Bret­ter, Äs­te, Wan­der­stä­be, Fo­tos, Ge­mäl­de – sind wohl, Re­li­qui­en ähn­lich, mit Er­in­ne­run­gen und an­de­ren Be­deut­sam­kei­ten auf­ge­la­den: Man ahnt, dass sie, in Ver­bin­dung mit den Ri­tua­len, den Raum für das Schrei­ben er­schaf­fen. Co­rin­na Belz hat da­für ein ge­nau­es Ge­spür. Ihr Hand­ke-Por­trait fin­det – ähn­lich wie ihr viel­fach prä­mier­ter Do­ku­men­tar­film „Ger­hard Richter Pain­ting“– zu ei­nem Ton der Ver­traut­heit, wie man ihm sel­ten be­geg­net. Das Ein­fä­deln, so ku­ri­os es zu­erst er­schei­nen mag, scheint da­für ei­ne schö­ne Me­ta­pher. In sei­nen Ta­ge­buchNo­ti­zen „Vor der Baum­schat­ten­wand nachts“spricht Hand­ke ein­mal da­von, wie er sich le­send in ein Buch „ein­fä­delt“, und ge­ra­de so macht es Co­rin­na Belz: sie fä­delt sich in den Hand­ke-Kos­mos ein, mit höchs­ter Kon­zen­tra­ti­on und spie­le­ri­scher Bei­läu­fig­keit. Da­bei ver­zich­tet sie auf die ba­na­len Stan­dards bio­gra­phi­scher Do­ku­men­ta­tio­nen: die tal­king heads, die kul­tu­rel­len „Ei­n­ord­nun­gen“, die Zeit­ta­feln, Werk­über­sich­ten und Wich­tig­keits­be­haup­tun­gen, mit de­nen ein Künst­ler han­dels­üb­lich an die Wand ge­pinnt wird. Sie macht nichts groß her, sie schaut hin, es ent­steht die­se Nä­he, die aber das Fra­gi­le und Span­nungs­ge­la­de­ne ei­ner sol­chen An­nä­he­rung nicht ver­schweigt. Hand­ke legt Wor­te auf die Gold­waa­ge, ihm ge­fällt zum Bei­spiel das Wort „Lieb­lings­film“nicht, er will ein stim­mi­ge­res. Ei­ni­ge mar­kan­te Bio­gra­phie-Ka­pi­tel kom­men zur Spra­che: von der Ge­schich­te des ju­gend­li­chen Pro­vo­ka­teurs Hand­ke, der 1966 ein Tref­fen der „Grup­pe 47“skan­dal­träch­tig auf­mischt, bis zur Ser­bi­enPo­le­mik – aber das ge­schieht oh­ne Fan­fa­ren­stö­ße, wird leicht auf­ge­fä­delt wie ei­ne Ga­le­rie von Er­in­ne­rungs­fo­tos. Hand­ke: der Fla­neur, der Schüch­ter­ne, der Zor­ni­ge, der Zeit­zeu­ge, der Fa­mi­li­en­mensch und Got­tes­dienst­be­su­cher, der wie ne­ben­bei den Satz zi­tiert, mit dem der Ber­nanos-Ro­man „Ta­ge­buch ei­nes Land­pfar­rers“en­det: „Al­les ist Gna­de“. Ein­mal sit­zen sich Hand­ke und sei­ne Toch­ter Ami­na ge­gen­über und die Re­de kommt auf den „Schlag ins Ge­sicht“, der in der „Kin­der­ge­schich­te“er­wähnt wird. Da sagt die Toch­ter: „Ach, das war gar nicht das Schlimms­te, da gab es Schlim­me­res“, und für den Bruch­teil ei­ner Se­kun­de spürt man die Pa­nik des Va­ters, dass tat­säch­lich „Schlim­me­res“auf sein Schuld­kon­to ge­hen könn­te. Man muss kein aus­ge­wie­se­ner Ken­ner oder Be­wun­de­rer Hand­kes sein, um sich von die­sem lu­zi­den und frei durch­at­men­den Por­trait be­geis­tern zu las­sen. Co­rin­na Belz will kein ab­schlie­ßen­des Bild prä­sen­tie­ren, sie lädt zu ei­ner Be­geg­nung ein, die ih­ren ganz ei­ge­nen Zau­ber ent­fal­tet, so­dass man die Lust ver­spürt, sich mit fri­schem Elan ins Werk Hand­kes ein­zu­fä­deln.

Mit Ge­duld und Fein­ge­fühl

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