Cle­mens Ber­ger

In München - - LITERATUR - Ru­pert Som­mer Jon­ny Rie­der Rai­ner Ger­mann

Im Jahr des Pan­da

(Lucht­er­hand Ver­lag)

Wer sagt denn, das schwer zeit- und ka­pi­ta­lis­mus­kri­ti­sche Ro­ma­ne, die sich zum Glück auch noch wit­zig und span­nend le­sen las­sen, nur aus dem an­gel­säch­si­schen Raum oder von un­se­ren ger­ne mal et­was übel­lau­ni­gen Nach­barn aus Frank­reich stam­men müs­sen? Cle­mens Ber­ger, 1979 im ge­bo­ren im Süd­bur­gen­land, lässt sei­ne bei­den mil­de frus­trier­ten, leicht ver­führ­ba­ren Si­cher­heits­dienst-Mi­ni­job­ber Pia und Ju­li­an durch ein glit­zernd-kal­tes Wi­en stromern. Den grau­en All­tag ver­schö­nern sie sich ab und an mit ei­ner sub­ver­si­ven Kunst­ak­ti­on, doch dann lockt die ganz gro­ße, ge­wag­te Idee: Sie ha­ben es satt, je­de Nacht sta­pel­wei­se die Geld­au­to­ma­ten der Stadt mit fri­schen Schei­nen zu be­fül­len. Al­so grei­fen sie be­herzt zu – und flüch­ten hin­aus in die­se an­geb­lich so wei­te Welt, nach Nea­pel, Sai­gon, Bor­deaux und Cheng­du. Mit rein ver­wo­ben in die Re­bel­len­sto­ry ist ein höchst ar­ri­vier­ter Künst­ler, der trotz sei­ner Er­fol­ge ganz ähn­li­che Sinn­kri­sen durch­lebt. Und dann ist da na­tür­lich auch das ti­tel­ge­ben­de Fell-Ent­zü­cken Fi Fo, der neue Pu­bli­kums­lieb­ling im Tier­gar­ten Schön­brunn. Gut durch­ge­mixt, wür­zig ser­viert. Le­se­fut­ter für Fei­er­abend-Re­vo­luz­zer. wer­den zu ih­rem ei­ge­nen Ge­fäng­nis. Ein Ge­fäng­nis aus Schuld­ge­füh­len, Schuld­zu­wei­sun­gen, Angst, Wut, Ver­zweif­lung und Ohn­macht. „Ich lau­fe voll mit Angst wie ein Boot, das mit Was­ser voll­läuft“, no­tiert Bob­by in sei­nem Hirn. Er denkt dar­an, sei­nen Va­ter um­zu­brin­gen. „Es ist pu­re Bos­heit, die ihm am Le­ben hält.“Und da ist Bri­die, die Gott ver­flucht, weil ihr Sohn er­trun­ken ist: „Du Schwein, sag­te ich, du Schwein, nur weil dein Sohn um­ge­bracht wur­de, müs­sen wir al­le für im­mer lei­den?“Ihr Mann gibt ihr die Schuld, weil ihr Bru­der den Klei­nen zum An­geln mit­ge­nom­men hat und sie ihn los­ge­schickt hat. Aus Ryans in­ti­mem Ein­blick in die tief ver­letz­ten See­len sei­ner Fi­gu­ren fla­ckert dun­kel­far­bi­ger Hu­mor. Franks Geist glaubt, der Va­ti­kan ha­be die Vor­höl­le ab­ge­schafft. „Des­halb sit­ze ich wohl noch hier und spu­ke in mei­nem ei­ge­nen Haus her­um.“Vi­el­leicht der letz­te An­ker. und zu­dem legt sich sein Ver­mie­ter, der il­le­ga­le Tier­kämp­fe ver­an­stal­tet, auch noch mit ge­fähr­li­chen Ost­block-Ma­fio­si an. Die Ex-Freun­din Jun­kie, der Va­ter Al­ki, die Thai-Er­satz­mut­ter stumm, die Schwes­ter für­sorg­lich –Wink­ler Spra­che schafft es, aus Kli­schee Mi­lieu zu ma­chen, ein Mi­lieu das zwar all­ge­gen­wär­tig ist in Deutsch­land, aber nur sel­ten li­te­ra­risch wahr­ge­nom­men wird. Nun hat es ei­ne Stim­me, von der man nach dem Über­ra­schungs­er­folg hof­fent­lich bald noch mehr hö­ren wird.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.