Die Beu­te der Stadt

Rück­zugs­stra­te­gi­en, ar­chi­tek­to­ni­sche So­zi­al­stra­te­gi­en, Zeit­ge­nös­si­sches, Nach­denk­li­ches und Spa­ni­sches

In München - - AUSSTELLUNGEN - Ga­le­rie Be­zirk der Mo­der­ne Ägyp­ti­sches Mu­se­um Bar­ba­ra Tei­chel­mann

Städ­te sind laut und voll. Au­tos und Ab­ga­se, Rad­ler, Cof­fees to go, Hun­de, Jog­ger, Shop­per, Pla­ka­te. Es hupt, es gran­telt, es zap­pelt, es blinkt. Und egal, wo­hin man geht oder schaut, im­mer ist da schon wer. Al­lei­ne ist man sel­ten und das nicht nur in der U-Bahn oder im Ki­no. Von mor­gens bis abends nimmt man sich zu­rück und Rück­sicht. Man lä­chelt, geht aus dem Weg, rückt auf die Sei­te, schaut auf den Bo­den. Städ­te sind ei­ne gro­ße Zu­mu­tung. Und ein gro­ßes Glück. Sie neh­men Raum und schaf­fen da­bei neue Mög­lich­kei­ten. Städ­te sind Schutz­räu­me (hier frisst ei­nen kein Lö­we) und Wirt­schafts­fak­to­ren (wo Men­schen sind, kann man Ge­schäf­te ma­chen). Die Stadt ist grau­sam. Rück­zugs­or­te (Ver­nis­sa­ge am Mitt­woch den, 16. No­vem­ber, 17. No­vem­ber bis 3. Fe­bru­ar, zwei Ka­ta­lo­ge) ha­ben die bei­den Künst­le­rin­nen Clau­dia We­ber und Sil­via Wie­ne­fo­et ih­re Aus­stel­lung in der Ober­bay­ern ge­nannt. Wie­viel Reiz­über­flu­tung hält man aus, wie­viel Rück­zug braucht der ein­zel­ne? Und vor al­lem: wo und wie? Reicht ei­ne Blumeninsel auf dem Ma­ri­en­platz? Oder muss man schon in den nörd­li­chen Eng­li­schen Gar­ten ra­deln, um mal für fünf Mi­nu­ten nur Bäu­me und kei­ne Men­schen zu se­hen? Für ih­re Vi­deo­ar­beit „Mul­ti­tas­king“ar­bei­te­te die Kon­zept­künst­le­rin Wie­ne­fo­et mit au­tis­ti­schen Men­schen zu­sam­men. Ih­re Licht­in­stal­la­ti­on „Ich se­he was, was du nicht siehst“mit Leucht­punk­ten in Braille an der Au­ßen­fas­sa­de zur Prinz­re­gen­ten­stra­ße steht als Chif­fre für un­ter­schied­li­che Wahr­neh­mun­gen. Die Zeich­ne­rin We­ber lenkt den Blick nach in­nen, und zeigt uns un­se­re Rück­zugs­räu­me als ein ver­letz­ba­res Ge­flecht aus fei­nen Li­ni­en.

Fran­cis Ké­ré ge­hört zu den wich­tigs­ten Ver­tre­tern ei­ner so­zia­len Ar­chi­tek­tur­be­we­gung. Schon mit sei­nem ers­ten Werk, dem Bau ei­ner Grund­schu­le in sei­ner Hei­mat Bur­ki­na Fa­so, ge­wann er 2004 den „Aga Khan Award for Ar­chi­tec­tu­re“. Aus­ge­zeich­net wur­de er für die ge­lun­ge­ne Ver­bin­dung von ge­sell­schaft­li­chen und öko­lo­gi­schen An­sät­zen – und das ist sein An­satz bis heu­te. Ké­ré hat seit­her vie­le Prei­se ge­won­nen, hat sich in­ter­na­tio­na­le An­er­ken­nung er­wor­ben und lebt seit 2005 in Ber­lin. Vier Jah­re spä­ter sorg­ten sei­ne Plä­ne für das „Opern­dorf Afri­ka“des Thea­ter­künst­lers Chris­toph Sch­lin­gen­sief da­für, dass er in je­dem deut­schen Feuille­ton be­spro­chen wur­de. Mit der Aus­stel­lung Fran­cis Ké­ré. Ra­di­cal­ly sim­ple. (Ver­nis­sa­ge am Mitt­woch, den 16. No­vem­ber um 19 Uhr, 17. No­vem­ber bis 26. März, Ka­ta­log) prä­sen­tiert das Ar­chi­tek­tur­mu­se­um der TU München ei­ne um­fas­sen­de Werk­schau des afri­ka­ni­schen Ar­chi­tek­ten. Ne­ben den Bau­ten, die er in sei­nem Hei­mat­dorf Gan­do um­ge­setzt hat, wer­den in der Pi­na­ko­thek

wei­te­re Pro­jek­te aus Afri­ka, Chi­na und Deutsch­land ge­zeigt.

Wei­ter geht’s mit Kunst (mit was auch sonst?), und zwar mit zeit­ge­nös­si­scher. Der Kunst­sa­lon 2016 (Ver­nis­sa­ge am Mitt­woch, den 16. No­vem­ber ab 16 Uhr 30, 17. No­vem­ber bis 11. De­zem­ber, Ka­ta­log) steht an. Das Mot­to der dies­jäh­ri­gen Schau, die be­reits zum zwei­ten mal im statt­fin­det, lau­tet „Far­be und Raum“. Nun, dar­un­ter kann man sich ja ei­ni­ges bis al­les vor­stel­len. 77 Ar­bei­ten von 54 deut­schen und in­ter­na­tio­na­len Künst­lern hat die ak­tu­el­le Ju­ry aus­ge­wählt, von Fo­to­gra­fie, über Zeich­nun­gen bis hin zu Skulp­tu­ren und Vi­deo­ar­bei­ten. Ver­an­stal­ter ist die „Freie Münch­ner und Deut­sche Künst­ler­schaft“(FMDK), die es seit 1959 gibt und zum 57. Mal die jähr­li­che Aus­stel­lung or­ga­ni­siert. Al­te Münch­ner Kunst­tra­di­ti­on al­so.

Obacht, jetzt wird es nach­denk­lich: „Al­les ist Zeit und je­der Mo­ment ist Ewig­keit. Das Heu­te er­scheint schnel­ler und dich­ter, denn wir neh­men nicht mehr nur ein be­grenz­tes Um­feld wahr, son­dern sind durch die di­gi­ta­le Ver­net­zung an vie­len Or­ten der Welt zur glei­chen Zeit. Das In­ne­hal­ten und be­wuss­te Er­le­ben des Mo­ments dros­selt das sich schnell dre­hen­de Rad der Zeit.“Das schreibt die Deut­sche Ge­sell­schaft für christ­li­che Kunst (DG) als Er­klä­rung ih­rer neu­en Grup­pen­aus­stel­lung In Ewig­keit (Ver­nis­sa­ge am Don­ners­tag, den 24. No­vem­ber ab 18 Uhr, 25. No­vem­ber bis An­fang Fe­bru­ar). Und was soll man sa­gen? Ge­ra­de in der stil­len Vor­weih­nachts­zeit ist dem we­nig hin­zu­zu­fü­gen. Über das Ver­hält­nis von Mensch und Zeit und bei­der Ver­gäng­lich­keit nach­zu­den­ken, scha­det ja nun mal nicht. Zu se­hen gibt es In­stal­la­tio­nen, Vi­de­os, Fo­to­gra­fi­en, Ge­mäl­de und Skulp­tu­ren. Ein­ge­la­den sind zehn zeit­ge­nös­si­sche Künst­ler von über­all­her, zum Bei­spiel aus Kitz­bü­hel, Ham­burg und To­kio. Zehn gu­te Grün­de fürs In­ne­hal­ten.

Was vie­le nicht wis­sen: Spa­ni­en ist ja nicht nur ein all­zeit son­ni­ges und sor­gen­frei­es Ur­laubs­ziel, in dem der Sher­ry fließt und das Meer rauscht. Spa­ni­en ist auch ein El­do­ra­do für Äs­t­he­ti­ker. Das Sig­lo de Oro, al­so Spa­ni­ens Gol­de­nes Zeit­al­ter, zählt zu den fas­zi­nie­rends­ten Ka­pi­teln der abend­län­di­schen Kunst­ge­schich­te. Als das bis da­hin mäch­tigs­te Land Eu­ro­pas im 17. Jahr­hun­dert an Ein­fluss ver­lor, blüh­te im Ge­gen­zug die Kunst so rich­tig auf. Geld war bei den Herr­schen­den und Ad­li­gen zur Ge­nü­ge da, al­so be­auf­trag­te man die gro­ßen Künst­ler die­ser Zeit. El Gre­co (1541– 1614), Die­go Veláz­quez (1599–1660), Fran­cis­co de Zur­barán (1598–1664) oder Bar­to­lo­mé Es­te­ban Mu­ril­lo (1617–1682) hat­ten da­mals viel zu tun. Die Aus­stel­lung Spa­ni­ens Gol­de­ne Zeit. Die Ära Veláz­quez in Ma­le­rei und Skulp­tur (25. No­vem­ber bis 26. März, Ka­ta­log er­scheint bei Hir­mer) in der Kunst­hal­le München prä­sen­tiert ei­nen kunst­his­to­ri­schen Rund­um­schlag, wie es ihn in die­sem Um­fang und au­ßer­halb Spa­ni­ens noch nicht ge­ge­ben hat. Ne­ben den Wer­ken gro­ßer Na­men wer­den auch Ge­mäl­de und Skulp­tu­ren we­ni­ger be­kann­ter spanischer Künst­ler ge­zeigt. Ins­ge­samt wur­den um die hun­dert Meis­ter­wer­ke aus in­ter­na­tio­na­len Samm­lun­gen wie dem Mu­seo del Pra­do in Ma­drid, dem Mu­seo Na­cio­nal de Es­cul­tu­ra in Val­la­do­lid, dem Me­tro­po­li­tan Mu­se­um of Art in New York oder dem Mu­sée du Lou­vre in Paris zu­sam­men­ge­tra­gen. Dass man die­se ful­mi­nan­te Schau auf kei­nen Fall ver­pas­sen soll­te, muss hier ja wohl nicht ex­tra er­wähnt wer­den. Oder?

„Tot am Strand“– das möch­te man wirk­lich nicht sein. Aber so heißt das schö­ne Bild von Pi­no Zur­zo­lo. Se­hen kann man es beim „Kunst­sa­lon 2016“im Mu­se­um für Ägyp­ti­sche Kunst.

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