Ein (vor)letz­tes Wort zu gro­ßen und grö­ße­ren Übeln, de­nen man am bes­ten die Zun­ge raus­streckt

In München - - BELÄSTIGUNGEN -

Als ich ein klei­ner Bub war, hat­ten wir je­de Men­ge Ide­en, die meist nicht den Bei­fall der Er­wach­se­nen fan­den, aus un­ter­schied­lichs­ten Grün­den, die für uns auf ei­nen ein­zi­gen Grund zu­sam­men­schnurr­ten: Die ha­ben kei­ne Ah­nung und wol­len uns un­ser Men­schen­recht auf ein spa­ßi­ges Le­ben ver­wei­gern! Ob wir ein ge­fun­de­nes Fünf­mark­stück in 50 Ku­geln Eis um­set­zen, auf Bäu­me hin­auf-, un­ter Zäu­nen hin­durch­klet­tern, ein Schrott­au­to zum In­dia­ner­la­ger um­bau­en, mit Kar­tof­fel­pis­to­len auf Pas­san­ten schie­ßen, un­ser Fuß­ball­tor di­rekt vor dem Fens­ter in­stal­lie­ren, in den Lüf­tungs­schäch­ten ei­nes Roh­baus her­um­rut­schen, Kau­gum­mi im Back­rohr rös­ten, statt Haus­auf­ga­ben lie­ber zum Ba­den fah­ren, un­se­re Klap­prä­der mit Was­ser­far­ben an­ma­len, uns sonn­tags über drei Bal­ko­ne hin­weg neue Glam­rock­plat­ten vor­spie­len, die halb­grü­ne Ern­te ei­nes Zwetsch­gen­baums auf ein­mal es­sen, in der Tief­ga­ra­ge ein La­ger­feu­er ent­zün­den oder no­vem­bers in der kur­zen Ho­se zur Schu­le ge­hen woll­ten – im­mer war wer da­ge­gen. Es gab drei Phä­no­ty­pen. Der stren­ge ver­hin­der­te al­les durch Ver­bot, Ge­brüll und Wat­schen. Den fürch­te­te man, ging ihm so­weit wie mög­lich aus dem Weg und hoff­te, daß nie­mand petz­te, weil der stren­ge Typ nach­tra­gend war und ei­nen im Zwei­fels­fall prä­ven­tiv für Sa­chen be­straf­te, die man noch gar nicht an­ge­stellt hat­te. Der zwei­te war der Wei­se, der wie mei­ne se­li­ge Oma zwar mal durch­dreh­te und dem bis zum An­schlag auf­ge­dreh­ten Plat­ten­spie­ler mit der Axt zu Lei­be zu rü­cken droh­te, sonst aber auf Selbst­hei­lungs­kräf­te ver­trau­te: Die­ser Typ ließ uns nach ei­nem Hin­weis auf die ab­seh­ba­ren Fol­gen nach Her­zens­lust Fuß­ball spie­len, Zwetsch­gen es­sen und Kau­gum­mi rös­ten, zuck­te dann, wenn die Schei­be ka­putt, der Bauch ge­bläht, die Fin­ger ver­brannt wa­ren, die Ach­seln und frag­te: „Ist’s jetzt bes­ser?“Die­sen Typ be­wun­der­te man, weil er of­fen­bar die Welt ver­stand, aber nicht auf­trumpf­te oder sich mit Ra­dau und Re­pres­sa­li­en durch­zu­set­zen ver­such­te. Dann gab es noch die ver­meint­lich ver­ständ­nis­vol­len, pseu­do­ab­ge­klär­ten Mah­ner. Das wa­ren die schlimms­ten, weil sie tat­säch­lich we­der Ver­ständ­nis noch Ah­nung hat­ten und nicht et­wa mahn­ten, son­dern for­der­ten, und zwar bis sie sich rest­los durch­ge­setzt hat­ten. Die­se Leu­te hat­ten auch dann, wenn man wirk­lich ein Pro­blem oder Hun­ger oder Bauch­weh hat­te, nur ihr über­heb­li­ches Mah­nen zur Be­son­nen­heit drauf, weil sie un­ge­stört ihr ei­ge­nes Süpp­chen ko­chen woll­ten. Das wol­len sie bis heu­te, wo sie nach di­ver­sen Stu­di­en und Kar­rie­ren in Par­tei­en und Re­dak­tio­nen her­um­sit­zen, den hö­her­ge­stell­ten La­kai­en des Geld­adels den Hin­tern pu­dern und mit pseu­do­ab­ge­klär­tem Blick auf die Welt da drun­ten den ma­ni­kür­ten Zei­ge­fin­ger he­ben. Wenn sie doch mal mit ei­nem Skan­dal kon­fron­tiert wer­den, zei­gen sie sich „be­trof­fen“und wis­sen al­les bes­ser, oh­ne sich die Si­tua­ti­on auch nur an­zu­schau­en. Und wenn sie sich aus­nahms­wei­se mal nicht durch­set­zen, pran­gern sie das dräu­en­de Wel­ten­de an, mit dem sie sich aber meist nach zwei Ta­gen ar­ran­giert ha­ben. Im Eng­li­schen nennt man die­ses Ver­hal­ten „pa­tro­ni­sing“, was sich mit „her­ab­las­send, gön­ner­haft, be­vor­mun­dend“nur un­zu­rei­chend über­set­zen läßt. Sol­che Pa­tro­ni­sie­rer trie­ben uns in ih­rer Igno­ranz und os­ten­ta­ti­ven Über­heb­lich­keit zur Weiß­glut. Bei de­nen mach­te man je­den Blöd­sinn erst recht, und zwar noch viel schlim­mer, und wenn sie das mo­no­lo­gisch „aus­dis­ku­tie­ren“woll­ten, streck­te man ih­nen die Zun­ge raus und schal­te­te den Trotz­ge­ne­ra­tor auf Voll­dampf. Als ich ein klei­ner Bub war, wim­mel­te es vor Pa­tro­ni­sie­rern. Viel­leicht re­agie­re ich des­we­gen heu­te noch mit weiß­glü­ti­gem Trotz, wenn man uns auf die­se Wei­se kommt. Wenn man z. B. dem US-Wahl­volk al­le ak­zep­ta­blen Kan­di­da­ten weg­kor­rum­piert, ihm ei­ne kriegs­trei­be­ri­sche Wall-Street-Sprech­pup­pe als ein­zi­ge „ver­nünf­ti­ge“Mög­lich­keit vor­setzt und, um si­cher­zu­ge­hen, ei­nen tou­ret­te­kran­ken Kläff­da­ckel da­ge­gen­stellt mit dem Hin­weis, man sol­le nicht so ver­stockt tun, son­dern we­nigs­tens „das klei­ne­re Übel“wäh­len. Da hät­te ich als Bub die Zun­ge raus­ge­streckt. Da hät­te ich mich ge­freut, wenn die Pa­tro­ni­sie­rer am Tag der Wahl mah­nend in ih­re Zei­tung ge­schrie­ben hät­ten: „Hil­la­ry Cl­in­ton muß um den Sieg zit­tern“– als wä­re die­ser Cl­in­ton­sieg ein Na­tur­ge­setz, das nur Dep­pen in Fra­ge stel­len. Da hät­te ich ge­ki­chert, wenn die Pa­tro­ni­sie­rer mit ih­rem un­fehl­ba­ren Plan der­ma­ßen auf die Schnau­ze ge­fal­len wä­ren, daß sie und ihr gläu­bi­ges Fuß­volk vor lau­ter „Be­trof­fen­heit“zehn Ki­lo­me­ter Face­book voll­jam­mern müs­sen. Weil näm­lich die mah­nen­den Pa­tro­ni­sie­rer auf dem po­li­tisch-me­dia­len Feld nichts sind als ei­ne eis­kal­te neo­li­be­ra­le „Ga­ted Com­mu­ni­ty“, die sich um die In­ter­es­sen, Nö­te, Wün­sche und Be­dürf­nis­se der Leu­te, de­nen sie ih­re Di­enst­wa­gen, die Vier­zim­mer­re­si­den­zen in der Maxvor­stadt und das abend­li­che Schlück­chen im „Schu­mann’s“ver­dankt, ei­nen ver­trock­ne­ten Vo­gel­schiß schert. Der best­dres­sier­te Hund beißt, wenn man ihm das Fell über die Oh­ren zieht, in die Hand, die be­haup­tet, ihn zu füt­tern, selbst wenn da­durch nichts bes­ser wird. Mag sein, daß Trotz kein gu­ter Rat­ge­ber ist. Mag aber auch sein, daß es in ei­ner Welt, in der die Pa­tro­ni­sie­rer pe­ne­trant aus al­len Ka­nä­len blö­ken, Spaß macht, ih­nen mal die Zun­ge raus­zu­stre­cken. Hin­ter­her, wenn die Wut­luft drau­ßen ist, be­sinnt man sich. Viel­leicht be­sin­nen wir uns ei­nes Ta­ges so­gar auf was voll­kom­men an­de­res als die gro­ßen und noch grö­ße­ren Übel, die die uns zur Aus­wahl vor­set­zen.

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