Scha­mo­ni & Gris­se­mann

Nicht nur das Netz, son­dern auch die­se Wü­te­ri­che ken­nen be­nei­dens­wert saf­ti­ge Kraft­aus­drü­cke

In München - - INHALT - Ru­pert Som­mer

Es ist das scheuß­li­che Phä­no­men un­se­rer Zeit: Ur­sprüng­lich wa­ren die so­zia­len Netz­wer­ke ja da­für ge­dacht, Selbst­ge­ba­cke­nes zu fo­to­gra­fie­ren und Kat­zen­vi­de­os in Um­lauf zu brin­gen. Seit ei­ni­ger Zeit sind sie kom­plett zum Spiel­feld der wut­schäu­men­den Ras­sis­ten, Frau­en­fein­de und Al­u­hut­trä­ger ver­kom­men. Höchs­te Zeit, dass man das In­ter­net der lie­bens­wer­ten Spiel­art zu­rück­ge­winnt. Ein we­nig da­bei hel­fen möch­te der Co­me­di­an und selbst­er­nann­te Hass­ex­per­te Oli­ver Polak („Der jü­di­sche Pa­ti­ent“, „Ich darf das – ich bin Ju­de“), der selbst ei­ne gan­ze Men­ge ro­her Schimpf­wör­ter kennt. Er hält der Netz­ge­mein­de mal wie­der den Zerr­spie­gel vor – und muss sich da­bei gar nicht viel ein­fal­len las­sen. Im Rah­men der „Ha­ters Gon­na Ha­te?!“-Le­sung trägt er ein­fach un­ge­bremst furcht­er­re­gen­de Hass­kom­men­ta­re, wüs­te Be­schimp­fun­gen und der­be Be­lei­di­gun­gen vor, die sich al­le auf ihn selbst be­zie­hen. Bei der be­liebt-be­rüch­tig­ten „Ha­te-Slam“Rei­he ver­le­sen schon seit län­ge­rem Jour­na­lis­ten ihr per­sön­li­ches „Best-of“der Kotz­kom­men­ta­re. Das Pu­bli­kum er­schrickt an­ge­mes­sen und wählt dann den übels­ten „Ge­win­ner“. As­sis­tiert wird Polak da­bei von ei­nem ge­bil­de­ten Si­de­kick: Der LMU-Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­ler Cars­ten Rei­ne­mann will ver­su­chen, die Un­ar­ten des Dis­kur­ses zu ana­ly­sie­ren und von Stra­te­gi­en be­rich­ten, wie man sich dem Shits­torm stellt. (Am­pe­re, 13.12.)

Ei­nen ganz per­sön­li­chen Schei­ße­s­turm ha­ben schon seit län­ge­rem die ei­gent­lich gar nicht so un­fei­nen Her­ren Rocko Scha­mo­ni, der Gla­mour-Punk aus Ham­burg, und der Wie­ner Fern­seh­gauk­ler und Ka­ba­ret­tist Chris­toph Gris­se­mann ent­facht. Sie mu­ten sich mit gro­ßer Lei­den­schaft fins­te­re SMSGe­fech­te zu. Nun tra­gen sie dar­aus ge­sam­melt in „Ich will nicht schuld sein an dei­nem Un­ter­gang – Ein mo­der­ner Brief­wech­sel“vor. Da­rin geht es um die gro­ßen The­men un­se­rer Zeit: Bier, Schmuck, Sex und das Thea­ter. (Volks­thea­ter, 10.12.)

Man sagt ja im­mer so leicht­fer­tig, dass den Hass die Ab­ge­häng­ten und Zu­kurz­ge­kom­me­nen ins Web ge­tra­gen ha­ben – oder je­den­falls Schich­ten, die sich aus dem Bauch her­aus so füh­len. So ganz ein­fach soll­te man es sich doch nicht ma­chen, warnt nicht nur Luiz Ruf­f­a­to. Der bra­si­lia­ni­sche Au­tor lässt in sei­nem Ro­man „Vor­läu­fi­ge Höl­le“all die­je­ni­gen zu Wort kom­men, die in der post­in­dus­tri­el­len El­len­bo­gen­ge­sell­schaft Bra­si­li­ens kei­ne Stim­me mehr fin­den. Er er­zählt da­bei vom Auf­stieg des Schwel­len­lan­des von ei­ner Agrar­ge­sell­schaft der 50er Jah­re hin zum gar nicht so wun­der­vol­len, weil zu­tiefst Kor­rup­ti­ons-ge­trie­be­nen Wirt­schafts­wun­der der Jetzt­zeit. (Te­am­thea­ter Sa­lon, 3.12.)

Ei­gent­lich brau­chen wir ja gar kei­nen Do­nald Trump, um die Zu­kunft des Pla­ne­ten zu­grun­de zu rich­ten. Das ha­ben wir schon längst selbst per­fi­de vor­be­rei­tet. Or­dent­lich den Kopf wa­schen las­sen kann man sich mal wie­der von Ha­rald Lesch, dem BR-Fern­seh­wis­sen­schaft­ler, Astro­phy­si­ker und Phi­lo­so­phen. Un­ter dem we­nig eu­pho­ri­sie­ren­den Mot­to „Die Mensch­heit schafft sich ab“er­zählt er von den ver­gan­ge­nen 4,5 Mil­li­ar­den Jah­ren, in de­nen die Er­de ih­re Bah­nen um die Son­ne zieht. Seit 160.000 ist mit dem auf­recht ge­hen­den Ho­mo Sa­pi­ens der Wurm im Sys­tem. Ro­dun­gen und Be­wäs­se­run­gen hal­fen zwar Vieh­zucht und Acker­bau auf den Weg, leg­ten aber das ers­te Streich­holz an die Zünd­schnur zum Pul­ver­fass, auf dem wir sit­zen. (Li­te­ra­tur­haus, 1.12.)

Zu­min­dest in Mün­chen kann man be­ru­higt sein, dass we­nigs­tens das li­te­ra­ri­sche Er­be der Stadt ab­ge­si­chert ist – mög­li­cher­wei­se auch für Zei­ten, in de­nen es kei­ne Men­schen mehr gibt. Klingt et­was pa­the­tisch, aber sehr freu­en darf man sich doch, dass nach lan­ger Um­bau­zeit jetzt wie­der die Mo­na­cen­sia im Hil­de­brand­haus wie­der­er­öff­net. Hier pocht das Künst­lerGe­dächt­nis der Lan­des­haupt­stadt. Jetzt sind deut­lich er­wei­ter­te Aus­stel­lungs-, Bi­b­lio­theks- und Le­se­räu­me wie­der öf­fent­lich zu­gäng­lich. Ge­fei­ert wird das mit fest­li­chen Ta­gen der of­fe­nen Tür. (Mo­na­cen­sia, 9. bis 11.12.)

Karl Bruck­mai­er und Franz Do­bler ar­bei­ten ja auch dar­an, Mün­chen als Li­te­ra­tur­stadt ganz dick in die künf­ti­gen Ge­schichts­bü­cher ein­zu­schrei­ben. Bei­de ha­ben neue Wer­ke ver­öf­fent­licht, die sie im pro­sai­schen Dop­pel­pack in ei­ner Art le­ben­di­ger Ad­vents­ka­len­der öff­nen. (Op­ti­mal, 10.12.)

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