Ta­pe Face

Sün­di­ge Scher­ze, nack­te Tat­sa­chen und schlüpf­ri­ge Wahr­hei­ten

In München - - INHALT - Ru­pert Som­mer

Wir ken­nen die Ge­schich­te – oder glau­ben das zu­min­dest. Er­schaf­fen wur­de die Er­de in fünf Ta­gen. Kurz vor dem Wo­che­n­en­de hat­te der lie­be Gott noch ei­nen et­was un­über­leg­ten Ein­fall. Er schöpf­te den Men­schen – und mach­te ihn zum Gärt­ner. Adam lieb­te sei­ne Eva, ob­wohl er streng­ge­nom­men kei­ne an­de­re Wahl hat­te. Eva hat­te je­doch die Wahl: Sie er­schuf die Sün­de. Und so ka­men das Durch­ein­an­der, der Wild­wuchs und das Ge­strüpp in den Gar­ten. Höchs­te Zeit, al­so fürs „Aus­mis­ten“. Und ge­nau­so nennt Al­f­red Mit­ter­mei­er sein neu­es Pro­gramm. Das kommt de­zi­diert po­li­ti­scher da­her, als man es von sei­nem jün­ge­ren Bru­der Michael kennt: Im Gar­ten Eden wu­chert der Schäd­ling, und die Neu­ro­sen blü­hen. Hü­ben wie drü­ben, Kraut und Rü­ben. Und na­tür­lich ist die Klein­gärt­ner­ord­nung da­hin: „Die Mit­te“, so Mit­ter­mei­er, „rückt nach rechts, weil sie nicht mehr weiß, wo vorn und hin­ten ist. Der Gut­bür­ger wird zum Wut­bür­ger.“(Lach- und Schieß­ge­sell­schaft, 6.2.)

Was für ein ku­rio­ser Zu­fall, dass schon ei­nen Tag spä­ter mit Si­gi Zim­mer­schied ei­ner der ganz Gro­ßen auch zu­rück auf die Ur­sün­de der Mensch­heit blickt. „Der sieb­te Tag – Ein Er­schöp­fungs­be­richt“heißt die Mün­chenP­re­mie­re sei­nes neu­en Pro­gramms. Da­rin lei­det man mit En­gel­bert Erz, Be­ra­ter und As­sis­tent sei­nes Chefs, bei ei­nem uni­ver­sel­len Ex­pe­ri­ment mit. Ge­mein­sam er­schu­fen sie nach lan­gem Hin und Her in nur sechs Ta­gen ein kom­ple­xes Ge­bil­de – mit Land­schaf­ten, Ele­men­ten, Licht­wech­seln, Krea­tu­ren und Emo­tio­nen. Doch der Chef hat­te noch nicht ge­nug: Am sechs­ten Tag schuf er ein We­sen nach sei­nem Eben­bil­de. Am sieb­ten Tag woll­te er sich ei­gent­lich aus­ru­hen, um mit Freu­de sein Werk zu be­stau­nen. Doch die Ent­täu­schung folg­te rasch: Kurz be­vor al­les wie­der zer­stört wur­de, hat­te En­gel­bert Erz am sieb­ten Tag ei­ne Idee. Er be­ru­hig­te den Chef. Und ge­mein­sam lie­ßen sie sich zur Krö­nung et­was Un­ge­heu­er­li­ches ein­fal­len: Sie schu­fen den Witz. Al­ler­dings un­ter ei­ner har­ten Be­din­gung: Der Chef wür­de sei­ne Werk nur so­lan­ge am Le­ben las­sen, wenn die nun mit Hu­mor be­gab­te Schöp­fung es schaf­fen wür­de, ihn min­des­tens ein­mal pro Wo­che zum La­chen zu brin­gen. Plötz­lich hat­ten die Ka­ba­ret­tis­ten ei­nen Sinn. (Lach- und Schieß­ge­sell­schaft, ab 7.2.)

Wir kön­nen nur ah­nen, wie der Herr­gott höchst­per­sön­lich auf das Trei­ben von Ta­pe Face blickt. In den USA war man bis­lang gnä­dig mit ihm. Der Stand-up-Künst­ler mit der ori­gi­nel­len Ma­sche hat­te es bis ins Fi­na­le der „Ame­ri­ca’s Got Ta­lent“ge­schafft. Sein uni­ver­sal ver­ständ­li­ches Spiel­prin­zip: Sein Come­dy­Pro­gramm kommt oh­ne ein ein­zi­ges Wort aus, weil der Mund des Künst­lers mit ei­nem straf­fen Kle­be­band ver­sperrt ist. Doch Ta­pe Face weiß sich zu hel­fen – mit Uten­si­li­en aus sei­ner Um­hän­ge­ta­sche. Und das Pu­bli­kum ku­gelt sich. Her­aus kommt ein Mix aus Ma­gie, Mi­mik und Mo­to­rik, das an ei­nen mo­der­nen Stumm­film er­in­nert. (Frei­heiz, 8.2.)

Zur Un­ter­stüt­zung ih­rer fre­chen The­sen ha­ben die Char­lot­te Hof­mann und Kai Lau­ber von Sa­xe­fix In­stru­men­te mit­ge­bracht – für ei­ne herr­lich über­geig­te Mu­sik­ka­ba­rett-Show. „Mit So­cken­schuss“er­zählt von der all­ge­mei­nen Lee­re im All­tag. Im­mer fehlt doch ir­gend­was – im Kühl­schrank, auf dem Kon­to, im Fern­se­hen und im Kopf. Nur im Kreuz ha­ben wir zu viel. Und auf der Waage so­wie auf dem Schreib­tisch. (Pa­sin­ger Fa­b­rik, 12.2.)

Mit der in­ne­ren Lee­re woll­ten sich Ga­bi Lo­der­mei­er und Lau­renz Schoon nicht zu­frie­den ge­ben. Al­so be­schlos­sen die bei­den, für ihr neu­es Pro­gramm „Frau Vei­gl­ho­fer ver­pil­gert sich“dem „Gel­ben Pfeil“und der Ja­kobs­mu­schel zu fol­gen. Ihr Weg führ­te sie auf der be­rühm­ten Pis­te von Ara­go­ni­en nach Ga­li­ci­en – von ver­wanz­ter Ma­trat­ze zu Ma­trat­ze, von Re­fu­gio zu Al­ber­gue. Hier er­fährt man, was Ha­pe Ker­ke­ling nie er­lebt hat. (Hof­spiel­haus, 11.2.)

Ei­ni­ges zu beich­ten hät­ten üb­ri­gens die Bur­les­que-Per­for­me­rin Kit­ty Ko­kett und ih­re Kol­le­gen von der Trup­pe Ru­by Tu­es­day. Sie ha­ben sich ei­gent­lich schon mal für ei­ne Pil­g­er­wan­de­rung auf Pumps qua­li­fi­ziert. Im Rah­men der las­zi­ven „Le­se Lust“-Rei­he ackern sie sich spär­lich be­klei­det durch Hö­he- und Tief­punk­te der Welt­li­te­ra­tur. Dar­un­ter na­tür­lich das Las­ter­werk „Aus mei­nem Le­ben“von Gi­a­co­mo Ca­s­a­no­va. Um­rahmt wird das Pro­gramm von se­xy Songs, mit de­nen die Vor­le­se­rin auf An­stö­ßi­ges mit dem Pu­bli­kum an­sto­ßen. (Hof­spiel­haus, 11.2.)

Ähn­lich sün­dig ist na­tür­lich die Vel­vet Voya­ge Bur­les­que an­ge­legt, auf die The Fil­ly

Fol­lies, an­ge­führt von der ita­lie­ni­schen Per­for­me­rin Nuit Blan­che, ihr Pu­bli­kum mit­neh­men. Hier geht es auf ei­ne sinn­li­che Rei­se zu­rück ins ve­ne­zia­ni­sche Mit­tel­al­ter, noch wei­ter zu­rück zu den My­then der An­ti­ke, und dann wie­der in die Ge­gen­wart. Und im­mer flat­tern die Fe­der­bo­as. (Dreh­lei­er, 10./11.2.)

Den Rei­gen per­fekt macht da­bei Bet­ti Ber­lin, die zu ei­ner pri­ckeln­den „Not­te Friz­zan­te“ein­lädt. Die sin­gen­de Fem­me fa­ta­le hat tief in der mu­si­ka­li­schen Mot­ten­kis­te ge­kramt und bringt schwer mit den Au­gen­de­ckeln klim­pernd fri­vo­le Me­lo­di­en der 20er bis 60er Jah­re zum Schmach­ten. (Hep­pel & Ett­lich, 3./4.2.)

Bra­chia­ler könn­te das Ge­gen­pro­gramm der drei Hang­hena aus der Hol­le­dau nicht aus­fal­len. Die drei Dirndln ha­ben 15 In­stru­men­te da­bei, um Erlebnisse aus dem Ber­mu­da­drei­eck „Mann, Fuß­ball, Frau“zum Klin­gen zu brin­gen. Wie heißt ihr Mot­to doch so kämp­fe­risch­schön: „Eman­zi­pa­ti­on schiabt o ...“(Schlacht­hof, 2.2.)

Sinn­lich­keit ein­mal ganz an­ders in­ter­pre­tie­ren auch die fe­schen Ti­ro­ler vom Fein­ripp En­sem­ble. Ihr Mar­ken­zei­chen: Sie tre­ten stets in Un­ter­ho­sen auf. Nor­ma­ler­wei­se ar­bei­ten sie sich so fast un­ge­schützt an den größ­ten Stof­fen der Mensch­heit ab – an der Bi­bel, den Wer­ken Wil­li­am Sha­ke­speares oder den Mär­chen der Ge­brü­der Grimm. Nun muss es of­fen­bar de­zi­diert Def­ti­ges sein: „Die Rip­pen­hof-Sa­ga. Ein leicht ge­ripp­ter Bau­ern­schank“. (Schlacht­hof, 15.2.)

Kei­ne Angst vor Pein­lich­kei­ten und ex­pli­zi­ten Tat­sa­chen hat zum Glück auch Jens Hein­rich Claas­sen, der sich mit sei­nem im­mer­hin schon fünf­ten Pro­gramm der scho­nungs­lo­sen Of­fen­heit ver­schrie­ben hat: „13 Zen­ti­me­ter – Aus dem Le­ben ei­nes durch­schnitt­li­chen Man­nes“stellt sich der Rea­li­tät und misst si­cher­heits­hal­ber noch mal nach. Mit 40 Jah­ren ist man eben doch nicht der Su­per­man, für den man sich frü­her ge­hal­ten hat­te. Da­für herrscht Durch­schnitt – im Bett, im Ur­laub, im Au­to und beim Sport. War­um auch nicht? Im­mer­hin soll das Pu­bli­kum bei durch­schnitt­li­cher 90-Mi­nu­ten-Län­ge über­durch­schnitt­lich lus­tig wä­ren. Muss man nach­prü­fen. (Schlacht­hof, 4.2.)

Bleibt zum Schluss noch Al­f­red Dor­fer, der ös­ter­rei­chi­sche Aus­nah­me-Ka­ba­ret­tist, der sich zu­letzt et­was rar ge­macht hat. Nun mel­det er sich mit sei­nem neu­en, schon vom Ti­tel her ver­bind­li­chen Pro­gramm „und“zu­rück. Wie­der ein­mal nimmt er die stau­en­den Zu­schau­er in Par­al­lel­wel­ten mit, in de­nen vie­les mög­lich ist, Un­fug aber im­mer to­le­riert wer­den muss. (Lust­spiel­haus, ab 8.2.)

Ver­plap­pert sich nicht: TA­PE FACE

Sticht nicht da­ne­ben: AL­F­RED MIT­TER­MEI­ER

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