Bo­no­bo Mi­gra­ti­on (Nin­ja Tu­ne)

In München - - FRISCH GEPRESST - Michael Sai­ler

Die Welt riecht an­ders, wenn der Win­ter mü­de wird, wenn sei­ne Wur­zeln in der Welt lo­cker wer­den, sich lang­sam auf­lö­sen in die schmut­zi­ge Mi­schung aus Schlamm, Kies, Rest­schnee, die dann un­ter be­harr­li­cher Son­nen­be­strah­lung, um­weht von mil­der Luft, zu Staub zer­fällt, ein fried­li­ches Schlacht­feld zu­rück­lässt, auf dem – ist es wirk­lich erst Ta­ge her? – Frost­käl­te ih­re grim­mi­gen Waf­fen in An­schlag brach­te, an die man sich nun kaum noch er­in­nert, nur in stil­len Abend­stun­den, wenn der Win­ter mit der Däm­me­rung noch ein­mal die Mus­keln spannt. Dann riecht die Welt an­ders, frisch und alt zu­gleich, neu und un­ge­wa­schen, ei­ne wil­de, aben­teu­er- und phan­ta­sie­träch­ti­ge La­bor­kü­che aus Al­tem und Neu­em, in der man nichts so gut kann wie schwe­ben. In der man schwebt und die Ge­dan­ken aus der Ba­na­li­tät ver­hei­ßungs­vol­len Schim­mer schöp­fen. „Das Le­ben“, sagt ein sol­cher­art in­spi­rier­ter Se­mi­phi­lo­soph, „hat Hö­hen und Tie­fen, lau­te und stil­le Mo­men­te, schö­ne und häss­li­che. Mu­sik ist die Re­flek­ti­on des Le­bens.“Und man lauscht ihm, nickt ver­stän­dig. Er heißt Si­mon Gre­en, aber nen­nen wir ihn Bo­no­bo, auch wenn man da­bei im lin­den Duft der Früh­lings­luft im frei­en Schwe­ben der Phan­ta­sie kurz an ei­nen schlim­men iri­schen Heul­sän­ger den­ken mag. Die As­so­zia­ti­on ist viel­leicht nicht ganz so schräg, denn gnä­dig er­in­nern wir uns, dass selbst und auch des­sen Band in fer­ner Vor­zeit ih­re Au­gen­bli­cke hat­te, da es ihr ge­lang, Klän­ge zu Land­schaf­ten zu öff­nen und Tö­ne zu Bil­dern zu wei­ten. Aber Bo­no­bo kann das bes­ser. Sei­ne Mu­sik, sein luf­ti­ges Kon­strukt aus Klän­gen na­tür­li­cher und welt­räum­li­cher Her­kunft, aus Ur­al­tem und ganz neu elek­tro­nisch Er­dach­tem, bil­det ei­nen Bil­der­bo­gen, ein ge­samt­pla­ne­ta­ri­sches Pan­ora­ma, das ei­nem Flug mit ei­ner hoch­auf­lö­sen­den Ka­me­ra äh­nelt, in stra­to­sphä­ri­scher Hö­he über dem Pla­ne­ten, der aus die­ser Ent­fer­nung di­vers, viel­fäl­tig, fried­voll und in schil­lern­den Far­ben un­ter uns da­hin­zieht, be­freit von den Teu­fe­lei­en der De­tails und mensch­li­cher Ra­se­rei. Es ist ein ir­gend­wie ent­rück­ter, post­hu­ma­ner Film, der sich da ent­fal­tet: träu­men­des Nacht­grün in „Se­cond Sun“, exo­tisch leuch­ten­de Rät­sel­for­men in „Grains“, schwe­re­lo­ser Groß­stadt­rhyth­mus (Sonn­tag­nach­mit­tag Mit­te Fe­bru­ar) in „Out­lier“, fa­cet­ten­wei­se. Bo­no­bos Mu­sik zäh­len selbst­er­nann­te Fach­leu­te ins Gen­re „Down­tem­po“, an­de­re sa­gen „Am­bi­ent“da­zu und mei­nen, durch­aus im klas­si­schen Sin­ne von Bri­an Eno, we­ni­ger die Ver­to­nung von Am­bi­en­te als des­sen Schöp­fung, die in so (noch ein­mal:) schwe­ben­der Ma­kel­lo­sig­keit vor sich geht, dass schon ei­ne sim­ple Stim­me wie die von Ni­co­le Mig­lis (Hund­red Wa­ters) in dem so­wie­so et­was un­ent­schlos­sen zap­peln­den „Sur­face“stö­rend, weil un­an­ge­nehm welt­lich-kör­per­lich wirkt. Schweig, möch­te man ihr zu­flüs­tern, und schon tut sie es, und schon geht das Schwe­ben in „Bam­bro Ko­yo Gan­da“wei­ter, in nord­afri­ka­ni­schen Schat­tie­run­gen und Dia­lekt, der pul­sen­den Mo­no­to­nie der Wüs­te, auf wei­chen, sanft ge­plus­ter­ten Wol­ken dann in „Ke­ra­la“. Und im­mer, im­mer, im­mer strahlt die Son­ne in und durch die­se wun­der­lich kör­per­lo­sen Ton­ge­bil­de. Mu­sik, könn­te man Bo­no­bo pa­ra­phra­sie­ren, ist Be­we­gung und Still­stand zu­gleich, Ru­he und Ent­wick­lung, ge­schlos­se­ner Kreis und ziel­lo­ses Glei­ten, ein Mö­bi­us­band der Ein­drü­cke, frei von Bot­schaft und zu­gleich er­füllt von al­len Bot­schaf­ten al­ler Men­schen al­ler Zei­ten, die ins­ge­samt lau­ten: Wir le­ben, und das ge­fällt uns. Die Welt riecht an­ders, wenn der Win­ter end­lich los­lässt, die See­le vom Ge­wicht der Tie­fe be­freit, sie (ein letz­tes Mal:) ent-schwe­ben lässt in na­he, un­end­lich na­he Fer­nen von Hoff­nung, Er­in­ne­rung, rei­ner Ge­gen­wart. In der al­les, was es gibt, je gab, zer­fließt zu neu­er, noch kaum greif­ba­rer Iden­ti­tät. Am En­de, das kein sol­ches ist, er­klingt nach dem Ver­klin­gen der letz­ten me­lan­cho­li­schen Gei­gen der reins­te Klang des Uni­ver­sums, zwan­zig Se­kun­den lang: voll­kom­me­ne, in­ter­stel­la­re Stil­le, in der das Be­wusst­sein lang­sam er­wacht und fest­stellt: Die Welt riecht nicht nur an­ders, sie ist ei­ne an­de­re ge­wor­den.

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