Cha­os im War­te­saal des Le­bens

Ge­met­zel auf dem Ma­ri­en­platz, gro­ße Schick­sa­le am Ab­flug-Ga­te und viel ba­by­lo­ni­sches Durch­ein­an­der

In München - - INHALT - Ru­pert Som­mer

Es ist nicht wirk­lich der Ort, an dem man ein Sing­spiel ver­mu­ten wür­de: Im War­te­be­reich ei­nes Flug­ha­fens herrscht ge­schäf­ti­ges Trei­ben. Ur­lau­ber wol­len schnell weg, da­zwi­schen ver­steckt sich ein Flücht­ling vor der Ein­rei­se­be­hör­de. Doch dann bricht wie so oft Cha­os aus: Ein Sturm legt den Flug­ver­kehr lahm. Die War­ten­den stran­den im nächt­li­chen Aus­nah­me­zu­stand. Und nun setzt die Mu­sik ein: Der Kom­po­nist Jo­na­than Do­ve hat mit Flight ei­ne wit­zi­ge, far­ben­froh in­sze­nier­te Oper ge­schaf­fen, die nur vier Mal in München zu se­hen sein wird. Auf dem Gly­de­bourne-Fes­ti­val wur­de sie um­ju­belt, nun kommt sie als Ko­ope­ra­ti­on mit dem Münch­ner Rund­funk­or­ches­ter an die Thea­ter­aka­de­mie und bie­tet jun­gen Darstel­lern ei­ne Büh­ne. An­schluss nicht ver­pas­sen! (Prinz­re­gen­ten­thea­ter, ab 17.2.)

Deut­lich schwe­rer tritt mit Se­mi­ra­mi­de die letz­te von Gioa­chi­no Ros­si­ni für Ita­li­en kom­po­nier­te Oper auf, die 1823 im Tea­tro La Fe­nice in Ve­ne­dig ur­auf­ge­führt wur­de. Der Künst­ler ent­führt sein Pu­bli­kum im „Me­lo­dram­ma tra­gi­co“ins an­ti­ke Ba­by­lon, wo die ti­tel­ge­ben­de Herr­sche­rin von ih­rer blu­ti­gen Ver­gan­gen­heit ein­ge­holt wird. Sie hat­te einst zu­sam­men mit ih­rem Ge­lieb­ten ih­ren Ehe­mann, Kö­nig Ni­no, er­mor­det. Erst durch ei­ne er­neu­te Hei­rat hofft sie ih­ren See­len­frie­den wie­der zu fin­den. Doch dann taucht – Me­lo­dra­ma eben! – Ni­nos tot ge­glaub­ter Sohn wie­der auf. Soll er den Va­ter rä­chen – und da­mit zum Mut­ter­mör­der wer­den? In zwei opu­len­ten Ak­ten muss das ge­klärt wer­den. (Na­tio­nal­thea­ter, ab 12.2.)

Schon al­lein die Le­bens­ge­schich­te von Ra­bih Mroué klingt ei­gent­lich wie ein ner­ven­auf­rei­ben­des Drama. Der 1967 in Bei­rut ge­bo­re­ne Künst­ler gilt als Per­for­mer, Au­tor und Re­gis­seur zu den be­rühm­tes­ten Thea­ter­schaf­fen­den des Li­ba­nons. Und er bringt ei­ne be­we­gen­de Vi­ta mit: Sein Groß­va­ter wur­de er­mor­det, sei­ne Mut­ter fiel als Mi­liz­sol­da­tin. In München stell­te er sich erst­ma­lig im grö­ße­ren Stil durch sei­ne Ode to Joy vor, die ein ganz neu­es Licht auf die dra­ma­ti­schen Er­eig­nis­se des Olym­pia-At­ten­tats im Jahr 1972 warf und nun zum letz­ten Mal ge­spielt wird. (Kam­mer­spie­le, 13.2.)

Rund um das Stück hat In­ten­dant Matthias Li­li­en­thal mit dem „Image War Ma­chi­ne“-Fes­ti­val ei­ne Werk­schau des span­nen­den Schaf­fens von Ra­bih Mroué grup­piert – mit Stü­cken, die teil­wei­se noch nie in München zu se­hen wa­ren. Ei­nes da­von – Ri­ma Ka­mel – kommt da­für neu ins Re­per­toire. Er­zählt wird von der li­ba­ne­si­schen Sän­ge­rin Ri­ma Khcheick, die für ei­ne auf­re­gen­de Neu­in­ter­pre­ta­ti­on ara­bi­scher Volks­mu­sik des 19. und 20. Jahr­hun­derts steht, mit der sie be­reits er­folg­reich durch den Na­hen Os­ten, durch Eu­ro­pa und die USA ge­tourt ist. Im Stück darf man sie auf ei­ner mu­si­ka­li­schen Spu­ren­su­che be­glei­ten, die sich auch an den vie­len Ko­s­tü­men ih­rer Auf­trit­te ori­en­tiert. (Kam­mer­spie­le, ab 9.2.)

Ri­ding on a Cloud aus dem Fes­ti­val ist da­ge­gen das wohl per­sön­lichs­te Stück des Au­tors Ra­bih Mroué, der da­bei auch Re­gie führt. Er kreist um sei­nen Bru­der Yas­ser, der wäh­rend des Bür­ger­kriegs ver­letzt wur­de. Da­durch ver­lor er sei­ne Fä­hig­keit, sich korrekt zu ar­ti­ku­lie­ren. Mehr noch: Yas­ser sagt, er kön­ne zwar Ge­gen­stän­de er­ken­nen, nicht aber ih­re Ab­bil­dun­gen. Um ihn zu trai­nie­ren und wie­der zu­rück ins Le­ben zu ho­len, be­ginnt er auf Emp­feh­lung sei­nes Arz­tes Vi­de­os zu dre­hen, um sei­ne Wahr­neh­mungs­kraft zu schu­len. (Kam­mer­spie­le, 15.2.)

Ei­gent­lich hat­ten sich die Or­ga­ni­sa­to­ren des Be­ne­fiz-Abends ja ge­trof­fen, um das zu tun, was der­zeit von dum­men Spöt­tern oft be­lä­chelt wird: Sie wol­len Gu­tes tun. Schein­bar zu­fäl­lig wür­fel­te sie der ge­mein­sa­me Drang zu­sam­men, sich für Afri­ka zu en­ga­gie­ren. Auf dem Pro­be­abend zum ei­gent­li­chen Be­ne­fiz-Event klaf­fen dann – trotz al­ler Vor­freu­de und des enor­men Ta­ten­drangs al­ler Be­tei­lig­ten – die Dif­fe­ren­zen jäh auf. Of­fen­sicht­lich ha­ben fast al­le Teil­neh­mer ganz un­ter­schied­li­che Mo­ti­va­tio­nen beim Hel­fen. Und rasch macht sich die un­ge­müt­li­che Ein­sicht breit, dass man sei­ne ei­ge­nen Ein­stel­lun­gen ja auch von an­de­ren kri­tisch hin­ter­fra­gen las­sen muss. Schon droht das ge­sam­te Pro­jekt zu kip­pen. (Kul­tur­zen­trum 2411, 10./11.2., da­nach Pa­sin­ger Fa­b­rik ab 23.2. und Bürgerhaus Neu­ke­fer­loh, 11.3.)

Wer et­was zu sa­gen hat, den zieht es in die­ser Stadt gern auf den Ma­ri­en­platz – die Büh­ne nicht nur für Plär­rer, son­dern eben auch für die tat­säch­lich gu­ten Men­schen. Ein fried­li­cher, ein schö­ner Ort ist der Platz des­we­gen na­tür­lich noch lan­ge nicht. Her­bert Ach­tern­busch mel­det sich nach lan­ger Zeit mal wie­der zu Wort – und das ge­wohnt skur­ril und durch­aus be­klem­mend. Dog­town Mu­nich er­zählt von ty­pi­schen Ach­tern­busch-Fi­gu­ren, die sich in­mit­ten der Post­kar­ten­schön­heit der his­to­ri­schen Bau­ten und der bau­tech­ni­schen Häss­lich­keit um sie her­um ver­sam­meln: Dar­un­ter ein Mäd­chen na­mens „Zun­ge“, ein Schau­spiel­di­rek­tor, He­ra­kles him­s­elf so­wie zwölf Neo­na­zis. Dann steigt plötz­lich Ma­ria von ih­rer Säu­le – und es wird blu­tig. Doch auch das geht vor­über, wie Ach­tern­busch be­ru­higt. Ein Hund macht sein Ge­schäft, Karl Va­len­tin lan­det auf der Ma­ri­en-

säu­le. München eben. (Volks­thea­ter, ab 12.2.)

Jetzt könn­te man na­tür­lich be­sorg­te da­zwi­schen­ru­fen: Phan­ta­sie al­lein ist auch kei­ne Lö­sung. Die­ser An­sicht schei­nen näm­lich Mal­te Knip­ping und Wo­wo Hab­dank zu sein, die un­ter die­sem Ti­tel ei­ne Mix­tur aus Thea­ter, Per­for­mance, Klang­in­stal­la­ti­on und nar­ra­ti­vem Pup­pen­spiel zu­sam­men­ge­stellt ha­ben. Im Zen­trum steht ein Mann, der sich selbst für so durch­schnitt­lich und un­schein­bar hält, dass es sich an­geb­lich nicht loh­ne, von ihm zu er­zäh­len. Weit ge­fehlt! (Muc­ca, Schwe­re-Rei­ter-Str. 2, 9. bis 11.2.)

Oder viel­leicht doch lie­ber Karl Va­len­tin höchst­per­sön­lich? Nach dem Er­folg der „Die Orches­ter­pro­be“-Gast­spie­le darf sich das Va­len­tinKarl­stadt Thea­ter wie­der ein­mal im Sil­ber­saal aus­to­ben. Hin­ter Der Thea­ter­be­such und wei­te­re Ka­ta­stro­phen ver­birgt sich un­ter an­de­rem der Ein­ak­ter, der mit zwei ge­schenk­ten Thea­ter­kar­ten ein gro­tes­kes Durch­ein­an­der aus­löst. Im­mer­hin muss man sich vor dem Auf­bruch nicht nur käm­men, ein­klei­den und her­aus­put­zen. Für den Sohn muss ein Zet­tel ge­schrie­ben wer­den. Und dann soll­te man­noch schnell Hun­ger und Durst stil­len. Kein Wun­der, wenn der Ehestreit nicht lan­ge auf sich war­ten lässt. (Deut­sches Thea­ter, 6./8.2.)

Man soll­te es mit Hu­mor neh­men. Da­von ist auch die ro­man­tisch-au­gen­zwin­kern­de Mu­sik­re­vue Die gan­ze Welt ist him­mel­blau über­zeugt. Sie bie­tet je­den­falls ge­nug Nach­hil­feAn­schau­ungs­ma­te­ri­al da­für, den ei­ge­nen Hoch­zeits­tag nie wie­der zu ver­ges­sen. Leit­mo­tiv des Abends ist das bö­se So­kra­tes-Bon­mot: „Hei­ra­te oder hei­ra­te nicht. Du wirst bei­des be­reu­en.“(Ga­s­teig Black Box, 5.2.)

Durch­aus phi­lo­so­phisch kommt auch die Per­for­mance Geist und Geld und gu­tes Le­ben von und mit Alex­an­der Tscher­nek da­her, der sich als „Geld­glücks­be­ra­ter“ver­steht. An­geb­lich soll Penun­ze al­lein ja nicht zu­frie­den ma­chen. Die­se Plat­ti­tü­de ver­sucht der Abend zu de­kon­stru­ie­ren. Im­mer­hin kommt Tscher­nek ja zu ei­nem span­nen­den Schluss: „Geld ist ein be­wusst­seins­för­dern­des Me­di­um“, sagt er, „das sich bei lau­te­rer Ab­sicht und klu­ger Ver­wen­dung so­gar als ma­te­ria­li­sier­te Lie­be er­wei­sen kann.“Jetzt gilt es nur noch her­aus­zu­fin­den, was man, um mit Al­bert Ca­mus zu fra­gen, nach der Or­gie tun soll. (Pa­thos Ate­liers, ab 14.2.)

Gro­ße Fra­gen möch­te schließ­lich auch der leicht­fü­ßig her­bei­tän­zeln­de Abend Lo­ve me Gen­der? klä­ren. Im­mer­hin herrscht mit­hin ja ei­ni­ge Un­si­cher­heit in der Fra­ge, was ei­nen „rich­ti­gen“Mann und ei­ne „rich­ti­ge“Frau aus­macht. Hier geht es dar­um, das ge­fühl­te In­ne­re mit dem dar­ge­stell­ten Äu­ße­ren zu ver­söh­nen. Und das ist gut so. (Aka­de­mie­thea­ter, ab 14.2.)

An­schluss­flug ver­passt: FLIGHT

Zu­rück ins Le­ben: RI­DING ON A CLOUD

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