Flüs­ter­zwei­eck

Von Geis­tes­grö­ßen, Fas­ten­pre­di­gern und Fa­schings­ver­äch­tern

In München - - INHALT - Ru­pert Som­mer

Das ist mal ein ech­tes Ent­ge­gen­kom­men an die Ziel­grup­pe. Alex Burk­hard, stu­dier­ter Skan­di­na­vist, stellt die gro­ße Gret­chen-Fra­ge: „Und was kann man da­mit spä­ter mal ma­chen?“. Da­mit spricht er al­len Geis­tes­wis­sen­schaft­lern aus der Faus­ti­schen See­le – und nimmt auch noch die vie­len zu­kunfts­be­sorg­ten El­tern, die Ma­schi­nen­bau stu­die­ren­den Ge­schwis­ter und die Freun­de, die beim nächs­ten Um­zug die Kis­ten mit den gan­zen Bü­chern und schwa­fe­li­gen Se­mi­nar­ar­bei­ten schlep­pen müs­sen, mit. Burk­hard hat­te sich für sein Fach einst nur aus dem ein­zi­gen Grund ent­schie­den, da­mit er uns ei­nes Ta­ges mit­neh­men kann – ins Land der El­che und der Al­ko­ho­li­ker, in die Mitt­som­mer­näch­te und auf ei­nen Hot Dog bei Ikea. Da­bei ist sein Fach­wis­sen ja ei­gent­lich prak­ti­sche All­tags-Über­le­bens­hil­fe. Wie oft hängt man nicht an zu­sam­men­ge­kno­te­ten Nor­we­ger­pull­overn hoch über dem Fjord? Un­ter ei­nem to­ben Wolf, Trol­le und ei­ne Ban­de ver­ka­ter­ter Wi­kin­ger. In den stei­len Fels sind rät­sel­haf­te Ru­nen ge­ritzt. Und aus dem neb­li­gen Hin­ter­grund brüllt Mats Mik­kel­sen auf Dä­nisch, dass man sie so­fort ent­schlüs­seln muss, um ei­ne Bom­be zu ent­schär­fen und die Welt zu ret­ten. (Ver­eins­heim, 23.2.)

Na­tür­lich kann man auch bei Chin Mey­er viel ler­nen. Je­der, der mit wa­chen Au­gen durchs In­ter­net geht, hat dort schon sei­ne kon­ge­ni­al grif­fi­ge Er­klä­rung für den Ur­sprung der welt­wei­ten Fi­nanz­kri­se ge­se­hen. Kein Wun­der, Mey­er ist eben ein Mann vom Fach – ein Fi­nanz­ka­ba­ret­tist. Und so wirft er im neu­en Pro­gramm auch wie­der sehr pra­xis­na­he Fra­gen auf: Ken­nen Sie Ih­ren Markt­wert, will er wis­sen. Ist es Geld? Oder Macht? Oder sind sie ein­fach nur se­xy? Da­bei nimmt er nicht nur die all­ge­gen­wär­ti­ge Geld-Gier ins Vi­sier, son­dern auch den of­fen­bar un­still­ba­ren Hun­ger nach Wohl­fühl-Kon­sum. Ku­sche­lig wird das nicht. (Lust­spiel­haus, 19.2.)

Ei­nen vor den Latz be­kommt man üb­ri­gens auch von Quichot­te, dem Ghet­to-Rap­per aus der Köl­ner Rand­la­ge. Wie sein Na­me an­deu­tet, ver­steht er sich als ste­ti­ger Kämp­fer ge­gen die Wind­müh­len der seich­ten Un­ter­hal­tung. Das Schö­ne an den Quichot­te-Pro­gram­men wie „Tach, ihr Ra­bau­ken!“: Der gu­te Mann hat Rhyth­mus­ge­fühl. Und er kennt sie, die schrä­gen Ge­schich­ten aus dem Groß­stadt­dschun­gel. (Schlacht­hof, 16.2.)

Ei­gent­lich woll­te ja auch Ta­no Bo­käm­per mit „Stamm­hirn oder Stimm­tisch?“ein an­ge­mes­sen so­zi­al­kri­ti­sches Pro­gramm auf die Bret­ter hie­ven. Da­für hat er re­cher­chiert und Fe­der so­wie Zun­ge an­ge­spitzt. Doch dann schießt im­mer ei­ner quer: Der vor­lau­te Mer­chan­di­seVer­käu­fer Hein­zi sa­bo­tiert den ge­ruh­sa­men Aben­dab­lauf. Zu­nächst ruft er nur stän­dig da­zwi­schen. Dann reißt er den gan­zen Mist an sich. (Schlacht­hof, 22.2.)

Wie je­der weiß, wä­re ja ei­gent­lich auch die Fas­ten­zeit ei­ne ge­müt­li­che Ver­an­stal­tung, die je­dem Münch­ner noch ein Ali­bi mehr gibt, mehr als nö­tig über den Durst zu trin­ken. Dass mit dem Kon­strukt et­was nicht ganz stim­men kann, ist dem Quar­tett mit dem süf­fi­gen Na­men Zwoa Hel­le & zwoa Dunk­le schon län­ger auf­ge­sto­ßen. Was, wenn die auf 40 Ta­ge vor Os­tern be­mes­se­ne Fas­ten­zeit ein Le­ben lang an­dau­ert, weil wir uns eben so ger­ne flüs­sig er­näh­ren? Der Abend er­grün­det das tief­sin­nig mit Fas­teng­s­tanzln, Fas­ten­ge­dan­ken und Fas­ten­lie­dern. Prost! (Hof­spiel­haus, 2.3.)

Die schlim­me Kehr­sei­te der Fas­ten­zeit ist ja der Fa­sching. Ga­ran­tiert papp­na­sen­frei will man den im Werks­vier­tel fei­ern. Da­für kom­men mit dem Bai­risch Dia­to­ni­schen Jo­del­wahn­sinn und Ro­land Hef­ter mit sei­nen Is­ar­ri­dern gleich zwei Gau­di­trup­pen, die or­dent­lich viel Salz ins Bier kip­pen und im­mer schön schräg ne­ben der Spur auf­dre­hen. (Nacht­kan­ti­ne, 16.2.)

Ih­re wil­den Bur­schen hat Ro­se­mie, die gar nicht so brav ist, wie sie auf der Va­rie­te-Büh­ne oft aus­sieht, bes­tens im Griff. Doch auch sie braucht ein­mal ei­ne Aus­zeit. Und die gönnt sie sich mit ih­rem schrä­gen So­lo „Sonst nix“. Dort darf man sich auf viel Charme, Herz und Blöd­sinn freu­en. (GOP Thea­ter, 27.2.)

Ir­gend­wann ist der Spuk dann vor­bei, und dann wird aus­ge­kehrt. Be­son­ders gut kann das Rolf Mil­ler, der im­mer­hin weiß: „Al­les an­de­re ist pri­mär“. Im gleich­na­mi­gen Pro­gramm geht er wie­der sei­nem be­währ­ten Kunst­prin­zip nach, Kom­pli­zier­tes schein­bar ba­nal aus­zu­drü­cken. Ger­ne wird auch mal ge­stam­melt. Im­mer ori­en­tiert sich Mil­ler an der Karl-Kraus-Ma­xi­me: „Es ge­nügt nicht, sich kei-

ne Ge­dan­ken zu ma­chen, man muss auch un­fä­hig sein, sie aus­zu­drü­cken.“(Deut­sches Thea­ter, 1.3.)

Un­fug zur Kunst ver­edeln, das kann auch Hel­ge Schnei­der. Er hat sich mit „Ra­dio Polle­popp“ei­nen ge­ni­al nicht­sa­gen­den neu­en Pro­gramm­ti­tel aus den Fin­gern ge­quetscht, der bes­tens zum Fa­schings­end­spurt passt. Quatsch as Quatsch Can. Und das im ganz gro­ßen Saal. (Ga­s­teig Phil­har­mo­nie, 1.3.)

Im­mer ein biss­chen da­da ist ja auch Wil­ly As­tor, der sich zu­letzt nicht mehr nur als Wort­spiel-Ma­ni­ac, son­dern als ernst­zu­neh­mend vir­tuo­ser Gi­tar­rist und neu­er­dings als Lie­der­ma­cher auf Rein­hard-Mey-Flug­li­nie ver­steht. Mit „Reim Ti­me“kehrt er aber noch ein­mal zu sei­nen al­ber­nen Wur­zeln zu­rück. (Prinz­re­gen­ten­thea­ter, 26.2.)

Al­les kurz und klein, was sich ihm in den Weg stellt, singt das Duo zu Zweit. Im neu­en Pro­gramm „Ich war’s nicht“stel­len sie die Schuld­fra­ge: Wer hat den Wa­gen im Pool ver­senkt? Wer hat den Hams­ter be­stat­tet, ob­wohl er nur Win­ter­schlaf hielt? Und wer hat auf dem Sitz­ra­sen­mä­her Au­to­fah­ren ge­lernt? Und da ste­hen wir schon wie­der am Pool-Rand und star­ren in den Ab­grund. (Lach- und Schieß­ge­sell­schaft, 19.2.)

Ei­gent­lich ist es ja un­mög­lich, das Zu­sam­men­le­ben von Mann und Frau. In der St­ein­zeit wuss­te man das noch nicht so genau. Aber es war zu ah­nen. Dar­an er­in­nert mal wie­der Ca­vewo­man mit der nicht min­der er­kennt­nis­rei­chen weib­li­chen Va­ri­an­te zum Er­folgs­dau­er­bren­ner „Ca­ve­man“. (Das Schloss, 18.2.)

Nicht nur der Be­zie­hungs­frust hat dem Flüs­ter­zwei­eck zu­letzt arg zu­ge­setzt. Es ist auch die all­ge­mei­ne Sinn­lee­re, der man nur mit dem Mut zum Aben­teu­er ge­recht wer­den kann. „Sta­bi­le Es­ka­la­ti­on“ist Wunsch und Ver­spre­chen der bei­den tie­f­e­mo­tio­na­len Da­men. Sie ha­ben lan­ge ge­nug das Le­ben ein­fach nur mit­ge­spielt. Im­mer­hin brach­te es ja auch sanft do­sier­te An­nehm­lich­kei­ten mit sich. Ei­ne Woh­nung, Ar­beit, Part­ner, so­gar ein biss­chen Geld. Doch jetzt muss end­lich wie­der et­was pas­sie­ren. Nur was? (Lach- und Schieß­ge­sell­schaft, ab 20.2.)

Blei­ben zum Ab­schluss die Her­ren Ster­mann& Gris­se­mann , die es in ei­ner be­klöp­pel­ten Kunst­welt ge­müt­lich ge­macht ha­ben. Wie man das merkt? Wer beim Be­tre­ten ei­nes Her­ren­be­klei­dungs­ge­schäft un­wei­ger­lich den Satz „Mein Mann ist et­was voll um die Hüf­ten“auf den Lip­pen hat, den muss es eben auch er­wischt ha­ben. Eben­so den­je­ni­gen, der ei­nen de­vo­ten Ober­kell­ner rü­de mit dem zeit­lo­sen Zi­ta­te „Sie wer­den mir jetzt wohl nicht ins Es­sen quat­schen“ab­ser­viert. Ja­wohl: Ster­mann und Gris­se­mann sind kom­plett lo­riot­fi­ziert. Im neu­en Pro­gramm „Das Ei ist hart“spie­len sie das kom­plett dra­ma­ti­sche Werk von Lo­ri­ot durch. Vom Ko­sa­ken­zip­fel bis zum, äh, Schlipth. (Lust­spiel­haus, 1./2.3.)

Beim Durch­knal­len: FLÜS­TER­ZWEI­ECK

Beim Durch­bli­cken: CHIN MEY­ER

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