Hyp­no­ti­sche Stim­mun­gen

In München - - MEINE PLATTE - Wolf­gang Pet­ters Der Au­tor ist Be­trei­ber des Haus­mu­si­kLa­bels und ver­öf­fent­licht am 17.2. ein neu­es Al­bum un­ter dem Na­men „A Mil­li­on Mer­cies“, das Kon­zert da­zu fin­det am glei­chen Tag im HochX-Thea­ter statt.

Mei­ner Mei­nung nach ge­hö­ren sie zu bes­ten Kom­po­nis­ten im Grenz­be­reich von Klas­sik, Jazz und Pop, die die­ser Erd­bo­den er­blickt hat. Carl Oest­er­helt aka Car­lo Fa­shion bringt (frei nach Karl Bruck­mai­er) die Ele­men­te der letz­ten 150 Jah­re Klas­sik mit den letz­ten 8000 Jah­ren Pop­mu­sik zu­sam­men und kom­po­niert, zu­sam­men mit Jaz­z­ele­men­ten der Mo­der­ne, klei­ne Meis­ter­stü­cke. Moon­dog ist ei­ne Le­gen­de. Wenn hier von Pop die Re­de ist, dann muss auch klar sein, dass die­se Art von Pop­mu­sik wei­ter von der Hit­pa­ra­de ent­fernt ist, als der Ju­pi­ter von der Son­ne. So­wohl bei Car­lo Fa­shion als auch bei Moon­dog gibt es Be­zü­ge zum La­bel „Haus­mu­sik“. Ers­te­rer hat sie­ben Al­ben auf Haus­mu­sik ver­öf­fent­licht und Heinz Pe­ter Lauf (den Münch­nern als „Lau­fi“be­kannt), der bei Haus­mu­sik in den Nul­ler-Jah­ren ar­bei­te­te, hat­te Moon­dog in den 70ern im Pott ken­nen ge­lernt, wo Moon­dog sei­nen Le­bens­abend ver­brach­te und bei­de auf den glei­chen Fes­ten zu­gan­ge wa­ren. Zu den Per­so­nen und de­ren Ge­schich­ten gä­be es sei­ten­wei­se zu schrei­ben, aber es soll hier ja um Mu­sik ge­hen. Das ers­te Al­bum von Moon­dog ha­be ich mir 1996 ge­kauft. Es ist das selbst be­ti­tel­te Al­bum von 1956, er­schie­nen auf dem Prestige-La­bel. Es war lan­ge Zeit schwie­rig, Schall­plat­ten von Moon­dog über­haupt zu fin­den und wenn, dann nur in Se­cond- Hand-Lä­den. Die­se hier war erst mal die ein­zi­ge, die ich fin­den konn­te, nach­dem die­ser Mann mir von ei­nem Freund ans Herz ge­legt wur­de. Es ist Mu­sik, die ge­ra­de­zu zum Sam­peln ein­lädt und auch ich muss ge­ste­hen, dass ich dem nicht wi­der­ste­hen konn­te. Zu al­len Stü­cken hat Moon­dog den Rhyth­mus auf dem Co­ver an­ge­ge­ben und 4/4 Tak­te sind auf die­ser Plat­te nicht zu fin­den. Hier sind wir vi­el­leicht auch bei ei­ner Ge­mein­sam­keit der bei­den Prot­ago­nis­ten die­ses Ar­ti­kels: Es ist die Vor­lie­be für 5/4 oder auch 7/8 Tak­te, gern mal auch 13/8 Tak­te. Sie er­zeu­gen in ih­rer stän­di­gen Wie­der­ho­lung ei­ne fast schon hyp­no­ti­sche Stim­mung. Auf die­sem Al­bum ar­bei­tet Moon­dog mit we­ni­gen Strei­chern zu­sam­men, spielt ein ei­gen­wil­li­ges Pia­no und sei­ne klei­nen Rhyth­mus-Mi­nia­tu­ren. Die ver­rausch­ten Auf­nah­men er­zeu­gen, ge­ra­de we­gen ih­rer Lo-fi Qua­li­tät, ei­ne Stim­mung, als sä­ße Moon­dog im Zim­mer ne­ben an mit ein paar Mu­si­kern zum Nach­mit­tags­tee. Nach wei­te­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen auf Prestige er­schien 1969 das eben­falls

mit Moon­dog be­ti­tel­te ers­te Al­bum auf Co­lum­bia. Wäh­rend das Al­bum auf Prestige eher in den Be­reich Kam­mer­mu­sik fällt, kommt hier ein Orches­ter zum Tra­gen. „La­ment I (Birds La­ment)“ist vi­el­leicht das be­kann­tes­te Stück. In den 70er – 90er Jah­ren war es die Ti­tel­me­lo­die zu „Trai­ler“, ei­ner Sen­dung für neue Ki­no­fil­me im ORF. „La­ment I“hat Moon­dog zu Eh­ren Char­lie Par­kers ge­schrie­ben, den er auf den Stra­ßen von New York ken­nen­lern­te. Die Mu­sik auf der Co­lum­bia-Plat­te ver­lässt eben­falls öf­ter den 4/4 Takt und ist ge­prägt von eher stren­ge­ren Struk­tu­ren in der Kom­po­si­ti­on. Ob­wohl der Jazz-An­teil hier sehr hoch ist, wir­ken die ein­zel­nen Stim­men nicht frei im­pro­vi­siert son­dern vom Blatt ge­spielt. Ich möch­te noch das Stück „Witch of En­dor“er­wäh­nen, das ge­ra­de­zu be­tö­ren­de Me­lo­di­en ins Ohr schraubt. Im ers­ten Satz, des drei­ge­teil­ten Stü­ckes, wird zu Be­ginn der 5/4 Takt durch das Schlag­werk vor­ge­ge­ben, dann kommt ei­nen wun­der­schö­ne, sich im­mer wie­der­ho­len­de Me­lo­die, zu­nächst von Kla­ri­net­te ge­spielt und dann von Strei­chern um­spielt. Schließ­lich tra­gen Blä­ser die­sen Teil im­mer wei­ter und es en­det wie es an­fing. Der zwei­te Teil ist ein Trio aus Ad­a­gio (Phro­phe­sy), An­dan­te (The batt­le) und Agi­ta­to (Saul’s de­ath) und mit ei­nem Me­lo­die­bo­gen, der im­mer noch tie­fer in den Bo­den geht. Im drit­ten Teil schließt sich der Kreis die­ser Kom­po­si­ti­on wie­der mit ei­ner Wie­der­ho­lung des An­fangs. Es ist Bal­lett­mu­sik, die Moon­dog für Mar­tha Graham ge­schrie­ben hat. Die bei­den Kom­po­nis­ten Lou­is Har­din (Moon­dog) und Carl Oest­er­held (Car­lo Fa­shion) ver­bin­det, dass ih­re Mu­sik sich her­vor­ra­gend für Film­mu­sik eig­net, wo­bei die Fra­ge ist, ob der Film der beim Hö­ren der Mu­sik im Kopf ent­steht über­haupt je ge­macht wer­den wird/kann. Das 2005 Al­bum Kol­li­si­on von Car­lo Fa­shion ist so ein Fall. Strei­cher in klas­sisch an­mu­ten­den Ar­ran­ge­ments, da­zu Blä­ser, Syn­the­si­zer und je­de Men­ge Per­kus­si­on, die sich im­mer wie­der an asia­ti­schen Rhyth­men ori­en­tiert, aber mit ei­nem mal kippt das Gan­ze in ein Jaz­zar­ran­ge­ment und ein Glo­cken­spiel taucht auf. Was­ser­trop­fen ge­hö­ren eben­falls zur Mu­sik und aus ih­nen ent­wi­ckelt sich wie­der­um ein ei­ge­ner Rhyth­mus, der das Lied un­ver­mit­telt in ei­ne ganz an­de­re Rich­tung schickt. Es ist schwer die­se Mu­sik zu be­schrei­ben, denn es pas­siert so viel, dass der Kopf lau­fend mit neu­en Klän­gen und Sti­len ge­füt­tert wird, manch ei­nem wird da­bei schwin­de­lig und es ist nicht so leicht, ne­ben­her sei­ne Steu­er­er­klä­rung zu ma­chen, es ist Mu­sik, die vol­le Auf­merk­sam­keit ein­for­dert. Im Werk Re­qui­em von 2009 bringt Car­lo Fa­shion in sein Jazz/Klas­sik-Uni­ver­sum, das bis­lang rein in­stru­men­tal war, nun auch Ge­sang hin­ein und stößt wie­der mal al­len vor den Kopf, für die Klas­sik oder Jazz nur in Loun­geCha­rak­ter zu er­tra­gen ist. Als Spra­che wähl­te Carl Oest­er­helt ita­lie­nisch, ge­sun­gen von klas­si­schen Sän­gern und Sän­ge­rin­nen. Die­se Plat­te strahlt ei­ne tie­fe Me­lan­cho­lie aus und bringt wun­der­schö­ne Me­lo­di­en an den Tag, dass man sich fra­gen muss, wo sich die­se Me­lo­di­en all die Jahr­tau­sen­de ver­steckt ha­ben. Das neu­es­te Werk von Car­lo Fa­shion heißt Re­birth and De­lu­si­on und ist im De­zem­ber letz­ten Jah­res er­schie­nen. Auf den bei­den be­reits ge­nann­ten Al­ben spie­len groß­ar­ti­ge Mu­si­ker wie Jo­han­nes En­ders, Ul­rich Wan­gen­heim und Micha Acher, der ne­ben Ste­fan Schrei­ber nun auch auf dem ak­tu­el­len Al­bum wie­der zu hö­ren ist. Man könn­te sa­gen, dass die­ses Werk un­ter den drei­en vi­el­leicht je­nes, mit dem größ­ten Pop-Ap­peal ist. Den So­lis­ten wird hier et­was mehr Raum zu frei­en Ent­fal­tung ge­ge­ben, aber der stren­ge Rhyth­mus­rah­men und das Ar­ran­ge­ment gibt die Rich­tung für ih­re Aus­flü­ge vor. Ein Werk, das sich aus­ge­zeich­net eig­net, um in die wun­der­ba­re Mu­sik­welt von Car­lo Fa­shion ein­zu­tre­ten.

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