FRISCH GE­PRESST / MEI­NE PLAT­TE

Bob­by Ful­ler Died For Your Sins (Yep Roc/H’ART)

In München - - INHALT - Micha­el Sai­ler

Das Be­rufs­bild des Pro­phe­ten wird ger­ne miss­ver­stan­den. Nicht et­wa maßt sich die­ser an, vor­aus­zu­sa­gen, wie das Wetter im März wird, wer ir­gend­ei­ne Wahl ge­winnt oder wann der TSV 1860 mal wie­der mehr als drei Punk­te in fünf Spie­len ein­fah­ren wird. Viel­mehr ist der Pro­phet ein Weis­sa­ger, al­so ei­ner, der durch um­fas­sen­de Kennt­nis der Welt­läuf­te qua­li­fi­ziert ist, sei­nen Mit­men­schen mit­zu­tei­len, wie die Welt so läuft, im all­ge­mei­nen und im be­son­de­ren. Da­her mög­li­cher­wei­se auch wie es wei­ter­ge­hen wird, weil ja das meis­te im­mer so wei­ter­geht, was als Zu­kunfts­deu­tung aber nur je­nen er­schei­nen mag, die gar nicht recht wis­sen, was ins­ge­samt los ist. Da­zu braucht es Ge­schich­ten, in de­nen sich sol­che Weis­heit nie­der­schlägt, aus­drückt und ver­mit­telt. Die Bi­bel bei­spiels­wei­se ist ein Kom­pen­dum sol­cher Ge­schich­ten, eben­so wie die ge­sam­mel­ten Wer­ke von Wil­li­am Sha­ke­speare; es gibt aber auch mo­der­ne Pen­dants, et­wa das neue Al­bum oder über­haupt al­le Al­ben von Chuck Pro­phet, vor al­lem aber das neue und 14., auf dem er selbst als han­deln­de Per­son so gut wie nicht mehr auf­tritt, son­dern tat­säch­lich zum Pro­phe­ten ge­wor­den ist, der der Welt den Spie­gel vor­hält – so ab­ge­dro­schen das klin­gen mag. Frei­lich ist „ab­ge­dro­schen“ja auch so ein Wort, das man ger­ne miss­ver­steht. Näm­lich zeich­net es den gu­ten Drescher aus, dass er sein Ge­trei­de so drischt, dass am En­de Spreu und Korn wirk­lich ge­trennt sind, und da­zu braucht es Ge­schick und Zeit. Die Fest­stel­lung, dass man beim Hö­ren die­ser Songs mehr als nur das Ge­fühl hat, al­le 13 schon mal (oder hun­dert­mal) ge­hört zu ha­ben, sagt noch nichts über de­ren Qua­li­tät, son­dern nur über ih­re Form: klas­si­scher US-ame­ri­ka­ni­scher Folk­rock ‘n’ Roll mit ein paar Aus­rei­ßern, die eben­so be­wusst ge­wählt und um­ge­setzt sind – et­wa „In The Mau­so­le­um“, das nicht zufällig „Ghos­tri­der“von Sui­ci­de zi­tiert und imi­tiert, son­dern des­sen (Mit-)Schöp­fer, der im Ju­li 2016 ver­stor­be­nen US-Rock-’n’-Roll-Iko­ne Alan Ve­ga, ge­wid­met ist. Um von ihm zu er­zäh­len, weil man von Men­schen er­zäh­len muss, die kei­ner kennt, aber je­der ken­nen soll­te. Weil ih­re Ge­schich­ten das Kom­pen­di­um des Pro­phe­ten fül­len. So wie die von Bob­by Ful­ler, noch so ei­nem streu­nen­den Ge­spenst der US-Rock­ge­schich­te, des­sen „I Fought The Law“selbst dem tumbs­ten Gre­en-Day-Fan ge­läu­fig ist, von dem man aber bis heu­te nicht weiß, wie es kam, dass er mit 23 fast auf den Tag genau 50 Jah­re vor Ve­ga tot im Au­to sei­ner Mut­ter saß – er­mor­det von Dro­gen­dea­lern, Band­kol­le­gen, vom ei­fer­süch­ti­gen Ste­cher sei­ner an­geb­li­chen Flam­me Me­lo­dy (oder Me­la­nie) an­ge­heu­er­ten Schlä­gern? Oder starb er von ei­ge­ner Hand, des­il­lu­sio­niert we­gen der Tren­nung sei­ner Band in der Nacht zu­vor? Wie auch im­mer – sein Na­me steht (oder soll­te ste­hen) für die Kraft und Macht bil­li­ger Stra­ßen­mu­sik, an die auch Chuck Pro­phet sein Le­ben lang glaubt und die er hier (na klar: ana­log und ziem­lich li­ve mit vie­len Sai­ten, Trom­mel­fel­len und Be­cken) mit sei­ner Band (Freun­din Ste­pha­nie Finch an den Tas­ten, Ja­mes DeF­ra­to an der zwei­ten Gi­tar­re, Bas­sist Ke­vin Whi­te und Schlag­zeu­ger Vi­cen­te Ro­d­ri­guez) so eu­pho­risch und weh­mü­tig um­setzt, wie sich das bei die­ser Art Mu­sik ge­hört, oh­ne schwa­chen Mo­ment, über­flüs­si­gen Ak­kord, ge­wag­te Syn­ko­pe. Man mag ein­wen­den, dass nicht je­de der Ge­schich­ten je­dem et­was mit­zu­tei­len hat, dass das La­men­to „Bad Ye­ar For Rock And Roll“arg be­re­chen­bar, die Hym­ne für den 2014 von der Po­li­zei von San Fran­cis­co mit 59 Schüs­sen er­mor­de­ten Alex Nieto et­was pla­ka­tiv, „Je­sus Was A So­ci­al Drin­ker“leicht al­bern, „Open Up Your He­art“sehr aus­tausch­bar und „If I Was Con­nie Brit­ton“ein we­nig pein­lich wirkt. Aber die Mu­sik ist durch­ge­hend min­des­tens ver­läss­lich, lie­bens­wert, stel­len­wei­se mit­rei­ßend bzw. herz­er­wär­mend. Zu­dem: ist halt nicht al­les für je­den, und schließ­lich gilt das ja für das Le­ben und die Welt ins­ge­samt (wo­mit wir wie­der am An­fang wä­ren).

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