Agent und Agent

In München - - LITERATUR - Jon­ny Rie­der

Lon­don 1886. Agent 00 Ver­loc zum Re­port. Die Ober­är­sche sind not amu­sed. An­statt zu pro­vo­zie­ren, wie es im Stel­len­pro­fil Agent Pro­vo­ca­teur steht, lie­fert Ver­loc nur Be­rich­te. Was für ein Flop! Sein Latein-An­ge­ber-Chef will Bummm. „Wir brau­chen kei­ne Ver­hü­tung, wir brau­chen Hei­lung.“Ei­nen An­schlag, der dann dem Staat den em­pö­rungs­powe­r­ed Sup­port der Angst- und Dumm-Peop­le zu­si­chert, um be­quem un­be­que­me Min­der­hei­ten zu ver­fol­gen, sei­ne Ge­walt­ma­rio­net­ten auf­zu­rüs­ten und an­de­re Re­pres­si­ons-Gim­micks aus­zu­pa­cken. Der Chef: „Wenn jetzt ein Bom­ben­an­schlag ir­gend­ei­ne Wir­kung auf die öf­fent­li­che Mei­nung ha­ben soll, muss er den Vor­satz der Ra­che oder des Ter­rors hin­ter sich las­sen. Er muss rein de­struk­tiv sein.“Al­so sol­len die An­ar­chis­ten, die Ver­loc un­ter­wan­dert hat, ei­nen An­schlag auf Gre­en­wich ma­chen. „Was ist der hei­li­ge Fe­tisch un­se­rer Zeit?“, fragt der Chef. „Wis­sen­schaft. (...) Wenn der Null­me­ri­di­an in die Luft fliegt, muss das ein Ge­heul des Ab­scheus aus­lö­sen.“Na­tür­lich geht es schief. Und Con­rad ver­schiebt die Per­spek­ti­ve vom Ge­sell­schaft­li­chen ins Pri­va­te. Beim An­schlag stirbt Ver­locs Psy­cho-Sch­wa­ger. Ver­loc wird dar­auf­hin von sei­ner Frau er­dolcht – al­most Aga­mem­non-grie­chisch. Cool um­ge­setzt. So als gä­be es stets ei­nen all­ge­gen­wär­ti­gen Be­ob­ach­ter, der das Ge­sche­hen auf ei­nem knis­tern­den Über­wa­chungs­mo­ni­tor ver­folgt. Im Grun­de geht es hier zu wie in Burn af­ter Rea­ding. Voll­pfos­ten so weit die Oh­ren rei­chen. Kaum lässt man sie aus ih­rer Gum­mi­zel­le: Cha­os. Und je­der ge­gen je­den. Nur halt Dra­ma, Ba­by. Auf ei­ner ge­fühl­ten Me­ta­ebe­ne funk­tio­niert das Hör­spiel durch­aus als Sa­ti­re. Wie sei­ne Kol­le­gen Gra­ham Gree­ne und John le Car­ré – im Ge­gen­satz zu Ge­heim­dienst-Gla­mou­rizer Ian Fle­ming – zeigt Jo­seph Con­rad, wie re­ak­tio­när, fa­schis­to­id und lä­cher­lich die­ser Ca­mou­fla­ge-Mob ist und war­um so ein Ver­ein nur die al­ler­ärms­ten Wil­lis be­schäf­tigt, um es mal mit Heinz Strunk zu sa­gen. Mot­to: Wichs­vor­la­gen sind mein Goe­the. Noch er­bärm­li­cher als die Ter­ro­ris­ten sind nur die Ge­heim­diens­te, mit de­nen sie in ei­ner Arsch-Sym­bio­se le­ben. Jo­seph Con­rad: Der Ge­heim­agent. Hör­spiel von Mar­tin Zyl­ka, WDR 2016, 2 CDs, ca. 105 Min., www.der-au­dio-ver­lag.de

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.