Hal­tungs­sa­che

Fass­bin­ders „Angst es­sen See­le auf“an der Schau­burg

In München - - BÜHNENSCHAU - Pe­ter Ei­den­ber­ger

Die Ge­schich­te von Ah­mad Sha­kib Pou­ya ging durch die Pres­se. Der Af­gha­ne – Zahn­arzt, Schau­spie­ler, Mu­si­ker – muss­te vor den Ta­li­ban flie­hen, vor sechs Jah­ren kam er nach Deutsch­land. Nach der Ab­leh­nung sei­nes Asyl­an­tra­ges nur ge­dul­det, wur­de er zu dem, was in­zwi­schen ge­mein­hin „gut in­te­griert“heißt. Dann aber, die Ab­schie­bung war be­reits an­ge­droht, flog er vor drei Mo­na­ten sel­ber zu­rück nach Ka­bul. Für ihn, der mit kri­ti­schen Lie­dern ge­gen die Ta­li­ban Flag­ge ge­zeigt hat­te, hieß das: zu­rück in ein Le­ben mit stän­di­ger To­des­ge­fahr. Auch an der Schau­burg hat man das ver­folgt. Was drei­er­lei zur Fol­ge hat­te. Ers­tens die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Phä­no­men Angst in di­ver­sen Au­s­prä­gun­gen: Angst vor Ver­fol­gung, vor dem Neu­en, vor Wohl­stands­ver­lust. Zwei­tens der as­so­zia­ti­ve Bo­gen zu ei­nem längst in un­se­rem Sprach­ge­brauch ge­lan­de­ten Film, „Angst es­sen See­le auf“, Rai­ner Wer­ner Fass­bin­ders Lie­bes­ge­schich­te von 1974 zwi­schen der al­ten Putz­frau, ge­spielt von Bri­git­te Mi­ra, und dem jun­gen Aus­län­der, den al­le nur Ali nen­nen. Und drit­tens war für In­ten­dant Ge­or­ge Podt schnell klar: wenn sie re­agie­ren wol­len und das Stück noch schnell in den Spiel­plan ein­schie­ben, dann muss Ah­mad Sha­kib Pou­ya den Ali spie­len. Al­so hat man der deut­schen Bot­schaft in Ka­bul ei­nen ent­spre­chen­den Ar­beits­ver­trag ge­schickt – und nun steht Pou­ya nach knapp fünf Wo­chen Pro­ben­zeit auf der Büh­ne am Eli­sa­beth­platz. Die ist bis auf drei Ti­sche und ein paar Bier­gar­ten­stüh­le leer: ein Ort der al­les ist, Woh­nung, La­den, Ar­beits­stel­le, Kn­ei­pe. Hier be­geg­net Em­mi zum ers­ten Mal Sa­lem ali­as Ali, wäh­rend er ein Lied in Far­si singt und sich da­bei selbst auf ei­nem Kof­fer­har­mo­ni­um be­glei­tet. Hal­tung zei­gen, ak­tu­ell re­agie­ren: ja. Aber bil­li­ges Po­li­tik-Ba­shing: nein, das in­ter­es­siert ei­nen fein­ner­vi­gen Geist wie Ge­or­ge Podt nicht. Lei­se, kon­zen­triert, be­we­gend, auch ko­misch ist sei­ne 90Mi­nu­ten-Ins­ze­nie­rung, Bli­cke statt gro­ßer Ac­tion. Und er lässt der Vor­la­ge auch die sprach­li­che Re­duk­ti­on auf das We­sent­li­che, bis ins Maul­fau­le, sei es gro­ßes Ge­fühl, sei es bies­tig-plump – al­so ge­nau das, war­um die gro­ße al­te Frau des kri­ti­schen Volks­thea­ters Ma­rie Lui­se Fleißer einst die jun­ge Wil­de wie Kro­etz, Sperr und Fass­bin­der als „al­le mei­ne Söh­ne“be­zeich­ne­te. Die Prei­se no­tie­ren noch in D-Mark, Con­ny Fran­cis gluckst vom schö­nen frem­den Mann, die Dia­lo­ge so xe­no­phob, ste­reo­typ wie ge­habt: Aus­län­der sind Ne­ger, wahl­wei­se dre­cki­ge Schwei­ne, wenn ei­ner was will, soll er erst mal deutsch ler­nen, so ei­ne Ehe kann nicht gut­ge­hen, denn das ist ja un­na­tür­lich usw. Das „un­na­tür­li­che“Paar ist ein star­kes. Ilo­na Grand­ke lässt die spä­te Lie­be ih­rer Em­mi nicht viel an­ders po­chen als ei­ne jun­ge, nur die Al­terser­fah­rung fe­dert bes­ser, wenn’s hol­pert. Im Blick von Ah­mad Sha­kib Pou­ya meint man auch Trau­er und Er­schöp­fung aus sei­ner rea­len Ge­schich­te zu fin­den. Den­noch, sein Ali ist ein lei­ser, höf­li­cher und schlicht und ein­fach net­ter Mensch. Wo­durch das ras­sis­ti­sche Ge­blö­ke aus den un­ters­ten Schub­la­den sei­ner Um­welt noch düm­mer wirkt: Luc­ca Züch­ner, Be­rit Men­ze und Pe­ter Wol­ter sind die pho­bi­schen Ver­wand­ten, Kol­le­gen, Haus­be­sit­zer, Nach­barn. Peer Boy­sen (auch für die Büh­ne ver­ant­wort­lich) steckt sie in schwar­ze Klei­dung, für den Rol­len­wech­sel steigt man nur in ein an­de­res Paar Schu­he. Sind die Schu­he nicht im Ein­satz (ei­ni­ge be­fin­den sich auch un­ter Stüh­len der Zu­schau­er), blei­ben sie ein­fach Sinn­bild. Für et­was, das Stand gibt. Stand, den es für Hal­tung braucht. Ju­bel.

Die spä­te Lie­be

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