Mün­chen, dei­ne Lie­der

In München - - MEINE PLATTE - Ve­re­na Au­er

Ganz ehr­lich? Mu­sik ist ein schwie­ri­ges The­ma für mich. Ich spre­che ei­gent­lich nicht gern dar­über. Wenn ich er­zäh­le, wo­mit ich auf­ge­wach­sen bin, dann ist ei­gent­lich auch ziem­lich schnell klar, war­um von Mu­sik-Ge­schmack ei­gent­lich kaum die Re­de sein kann. Aber: ich bin of­fen für Neu­es –und ei­gent­lich auch für Al­les. Die ei­nen mö­gen sa­gen, mein Ge­schmack ist schlim­mer als schlecht. Ich sa­ge: na und. Die ers­te CD, dich ich von mei­nem ei­ge­nen Geld ge­kauft ha­be war von Fred­dy Quinn. Ich lie­be sei­ne See­manns­lie­der, die dunk­le Stim­me und die Sehn­sucht dar­in. Wir wa­ren frü­her im­mer an der Nord­see in den Som­mer­fe­ri­en und ich bin mit vie­len Se­nio­ren in mei­ner Fa­mi­lie auf­ge­wach­sen, die oft die al­ten Fil­me sa­hen. Da kommt man nicht aus. Als ich an­fing mich für Chart­mu­sik zu in­ter­es­sie­ren, trenn­ten sich Ta­ke That. Ich weiß bis heu­te nicht, ob es da ei­nen Zu­sam­men­hang gab. Je­den­falls blie­ben mir nur die Back­s­treet Boys oder der häss­li­che klei­ne Bru­der N´Sync. Da letz­te­re schwe­rer aus­zu­spre­chen wa­ren, häng­te ich mein Herz an Nick Car­ter & Co. Das ers­te Al­bum kam 1996 raus und hieß wie die Band. Schmacht­fet­zen wie „I´ll ne­ver break your heart“und „Quit play­in´ ga­mes (with my heart)“, wa­ren ge­nau das, was ein pu­ber­tie­ren­des Mäd­chen­herz brauch­te. Nach dem zwei­ten Al­bum „Back­s­treets Back“1997 war für mich dann Schluss. Doch da­mit nicht ge­nug der mu­si­ka­li­schen Ver­ir­run­gen. Von Kin­des­bei­nen an bis ins zar­te Al­ter von 16 oder 17 präg­ten mich Hits wie: „Fies­ta Me­xi­ca­na“von Rex Gil­do oder „Er hat ein knall­ro­tes Gum­mi­boot“von Wencke Myh­re. Aber hey: Ein biss­chen Spaß muss sein. Ich war ein Gar­de­mäd­chen durch und durch, da kommt man auch nicht aus. Bis heu­te mag ich Lie­der, die ich drei­stim­mig mit­sin­gen kann: aus vol­lem Her­zen, laut und falsch. Aber: heu­te ma­che ich vie­les bes­ser und das ist ei­gent­lich, wor­über wir re­den soll­ten.

Als Mi­t­or­ga­ni­sa­to­rin der Kon­zert­rei­he „Sin­ger/Song­wri­ter. Li­fes­a­ver.“in der Un­halt­Bar un­ter­stüt­ze ich die­je­ni­gen, die ei­nen gu­ten Mu­sik­ge­schmack ha­ben und sol­che, die gu­te Mu­sik ma­chen. Und: ich ler­ne. Ein paar Ta­len­te und Per­len aus Mün­chen wür­de ich euch gern vor­stel­len. Zum Bei­spiel An­tò Nio. Bei ihm hört man so­wohl live als auch auf sei­nem Al­bum „Af­ter All“(2014) die Lei­den­schaft für sei­ne Mu­sik. Wer An­tò Nio beim spie­len be­ob­ach­tet oder ein­fach mit ge­schlos­se­nen Au­gen die CD hört, be­kommt das Ge­fühl, er hat zu je­der Gi­tar­ren­sei­te, je­dem Ton, je­dem Wort ei­ne in­ni­ge Be­zie­hung. Sei­ne Lie­der sind meist ru­hig, aber nicht schwer­mü­tig. Ge­schich­ten, de­nen man ein­fach gut zu hö­ren kann. Und wer ihn live er­lebt, be­kommt ei­nen per­sön­li­chen Be­zug zu den Lie­der, denn hin­ter je­dem Song steckt ein Er­leb­nis, ei­ne Ent­ste­hungs­ge­schich­te, die An­tò Nio gern mit dem Pu­bli­kum teilt. Mein Lieb­lings­lied ist „Cast­les in the sand“. Viel­leicht, weil mich der Text und das Ge­fühl an Meer, Sand und See­män­ner er­in­nert. Oder weil es ein­fach schön ist.

Eben­falls sanf­te Tö­ne schlägt Car­mi­na Reyes an. Ihr Al­bum „Moon­flowers“kam 2014 raus. Es ist pu­ris­tisch und die­se schnör­kel­lo­se Sch­licht­heit be­sticht. Es geht ihr auch bei den Auf­trit­ten nicht dar­um sich selbst ins Sze­ne zu set­zen. Es geht ihr um die Mu­sik. Die Mu­sik von Car­mi­na Reyes klingt wir ein Spa­zier­gang: Schritt für Schritt, den Ge­dan­ken nach­hän­gend, tief durch­at­mend.

Bei­de Sin­ger-Song­wri­ter sind von dem iri­schen Mu­si­ker Da­mi­en Rice be­ein­flusst, bei dem sie ganz spon­tan den Ope­ner bei sei­nem letz­ten Kon­zert in Mün­chen ge­ge­ben ha­ben. Da­mi­en Rice hat auch bei ei­nen tie­fen Ein­druck hin­ter­las­sen. Sei­ne bei­den Al­ben „O“(2002) und „9“(2006) ha­be ich ei­ne zeit­lang rauf und run­ter ge­hört. Die Sehn­sucht ist nach wie vor ein mu­si­ka­li­sches The­ma oder nen­nen wir es Ge­fühl, dem ich mich sehr gern hin­ge­be. Da­mi­en Rice hat ei­ni­ges von dem wett ge­macht, was Fa­schings­Schla­ger und Boy­groups bei mir an­ge­rich­tet ha­ben. Mein Mu­sik­ge­schmack ist al­so nicht ganz ver­dor­ben.

Wie zu Be­ginn die­ser mu­si­ka­li­schen Odys­see er­wähnt. ist mir auch das Mit­sin­gen wich­tig. Das fällt na­tür­lich bei deut­schen Tex­ten leich­ter, auch weil man es meist aufs ers­te Hö­ren gleich ver­steht. Lerch & Ko, ein Duo das sich lei­der aus Mün­chen in den ho­hen Nor­den ver­ab­schie­det hat, bie­tet Sehn­sucht und Mit­sin­gen (zu­min­dest im stil­len Käm­mer­lein). „Bis zum Grund“(2015) heißt ih­re EP. Ne­ben ein­gän­gi­gen Re­frains, ent­hal­ten die Songs Rap-Ele­men­te und ei­nen ge­müt­li­chen, wei­chen Beat. Es ist an­ge­nehm an­ders. Span­nend. Die Tex­te sind un­ver­krampft, poe­tisch, echt. Im Lied „Puz­zle“zum Bei­spiel kann sich glau­be ich je­der wie­der­fin­den. Es geht um die Su­che nach der ei­ge­nen Iden­ti­tät. Ein Puz­zle, das manch­mal nicht passt. Bei dem man im Lau­fe des Le­bens wie­der ein neu­es Teil hin­zu­fügt oder Tei­le neu zu­sam­men­setzt. Man schaut sich die Tei­le an und fragt sich: wer bin ich ei­gent­lich?

Mu­sik muss ja aber nicht im­mer su­per­ernst und tief­grün­dig sein. To­tal leicht, aber nicht ni­veau­los oder seicht kommt Flono­ton da­her. Er hat was zu sa­gen und die Leu­te hö­ren zu. Wir hat­ten bei Sin­ger. Song­wri­ter. Li­fes­a­ver. schon man­chen Abend, an de­nen das Pu­bli­kum et­was lau­ter war, als für Sin­gerSong­wri­ter gut ist. Da braucht’s ei­gent­lich eher ein Pu­bli­kum, das zu­hört. Flono­ton aber schafft es, al­le in sei­nen Bann zu zie­hen. Kei­ne Kri­tik, aber wer ihn das ers­te mal sieht wür­de die­ses Ta­lent nicht gleich er­ken­nen. Aber er ist groß­ar­tig. Und er hat Recht wenn er in sei­nem Lied: „Hey Ma­jor La­bel Leu­te“singt: „Ich bin Flono­ton und ich den­ke die bis da­to bes­te Ver­si­on“. Ab­so­lut! Die Tex­te wit­zig, leicht­füs­sig und gut ge­reimt. Sei­ne ers­te EP „Flo­zir­kus“(2016) geht the­ma­tisch ein­mal qu­er­feld­ein. Ein Au­gen­zwin­kern gibt’s bei „Süs­se Mäd­chen“, un­ter die Haut geht´s mit „Ge­wich­te“. Ei­nes mei­ner Lieb­lings­lie­der, ehr­lich ge­sagt. Ein Abend mit Flon­ton ist auf kei­nen Fall lang­wei­lig. Vor al­lem live. Bei sei­nen lo­cke­ren Mo­de­ra­tio­nen bleibt kein Au­ge tro­cken. Sehr emp­feh­lens­wert.

Wenn ich der Mu­sik mei­ne gan­ze Auf­merk­sam­keit schen­ken soll, dann muss sie mehr bie­ten, als ein kras­ses Gi­tar­ren­riff. Da­von hab ich kei­ne Ah­nung. Ich bin kein Mu­si­ker. Klar, wenn das Ar­ran­ge­ment Wahn­sinn ist und al­les passt, freue ich mich über ein tol­les Gi­tar­ren­oder Schlag­zeug-So­lo. Wich­ti­ger ist mir aber der Text, die Ge­schich­te, das Fee­ling, dass trans­por­tiert wird. Das heißt aber nicht, dass es im­mer to­tal ru­hig, nach­denk­lich und de­pri sein muss. Ei­ne Münch­ner Band, die mich to­tal ge­flasht hat als sie bei uns war, war Gro­unds­wim­mer. Ro­cki­ger, als die vor­he­ri­gen Bands / Mu­si­ker, aber kei­ne Kra­wall­ma­cher. Der Sound eig­net sich für gro­ße Sta­di­en und Hal­len. Sie kön­nen aber auch in klei­nen Räu­men, wie der Un­halt­Bar, ei­ne tol­le Show ab­lie­fern. Tja, wer ko, der ko. Kraft­vol­le Gi­tar­ren­kunst und ei­ne be­ein­dru­cken­de Stimm­ge­walt be­stim­men das ak­tu­el­le Al­bum „Ro­cket“(2016). Auf „The Grea­test Tra­ge­dy is Li­fe“(2011) geht´s ein biss­chen ru­hi­ger, akus­ti­scher und re­du­zier­ter zu. Ich mag bei­des. Im­mer das glei­che wä­re auch fad.

Fa­zit: Die Münch­ner Mu­sik­sze­ne ist viel­fäl­tig und hoch­klas­sig. Au­ßer­dem muss ich fest­stel­len: Man wächst mit sei­nen Hör­ge­wohn­hei­ten. Ich hö­re im­mer noch gern Fred­dy Quinn und im Fa­sching „sin­ge“ich all die „gro­ßen Hits“aus vol­ler Keh­le mit. Aber wenn mich heu­te je­mand fragt, wel­che Mu­sik ich gern hö­re, kann ich vol­ler Über­zeu­gung sa­gen: Ich mag Münch­ner Mu­sik.

Die Au­to­rin ist Mi­t­or­ga­ni­sa­to­rin der Kon­zert­rei­he Sin­ger. Song­wri­ter. Li­fes­a­ver., je­den ers­ten Don­ners­tag im Mo­nat in der Un­halt­Bar (Baa­der­str. 49). Am 4.5. spie­len Me­lo­dy Cur­rent, Lis­ten to Lee­na und Alex Cum­fe. Am 6.5. gibt es wäh­rend der lan­gen Nacht der Mu­sik ein spe­cial mit Su­Sa, Ar­thur Gep­t­ing und Ey­ed­im­ber.

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