Al­les, au­ßer Lan­ge­wei­le

Still­stand ist ei­ne Tod­sün­de in der Pop­kul­tur

In München - - INHALT -

Nach dem ver­hält­nis­mä­ßig er­folg­rei­chen „Night Falls Over Kor­te­da­la“und dem eher düs­ter an­ge­hauch­ten „I Know What Lo­ve Isn’t“, hat sich der In­die­pop-Song­po­et Jens Lek­man ei­ne Aus­zeit ge­nom­men. Wäh­rend die­ser mu­si­ka­li­schen Pau­se sam­mel­te der Schwe­de Ge­schich­ten an­de­rer Men­schen, die sich nicht ent­schei­den kön­nen, ihr Le­ben zu le­ben. Da­bei ent­stand das Bild, dass sie al­le in ei­nem Art War­te­zim­mer sit­zen, bis die Arzt­hel­fe­rin rein­schaut und sagt „Li­fe Will See You Now“– und so heißt auch der Ti­tel sei­nes neu­en Al­bums. Hei­te­re Gi­tar­ren-Pop-Me­lo­di­en tref­fen auf bit­ter-düs­te­re Tex­te, die erst zum Tan­zen und dann zum Nach­den­ken an­re­gen, oder viel­leicht auch an­ders­rum, je nach dem in wel­cher Stim­mung der Hö­rer ge­ra­de ist. (28.4. Fei­er­werk Oran­ge­hou­se)

Jo­nas Pop­pe, in Ost-Ber­lin ge­bo­ren, ist seit vie­len Jah­ren in der Mu­sik­sze­ne ak­tiv: Erst mit sei­nen Bands Sit­com War­ri­ors und Kis­so­gram, im­mer wie­der als DJ und nun seit vier Jah­ren mit Oum Shatt, ei­nem Band-Kol­lek­tiv, in dem er ge­mein­sam mit sei­nen Kol­le­gen Chris Im­ler, Jörg Wolschi­na und Richard Mur­phy ori­en­ta­li­sche Har­mo­ni­en mit Sur­fer­sound ver­bin­det. Oum Shat­ts letzt­jäh­ri­ges De­but ist ein ana­lo­ges, geo­me­tri­sches Tanz-Kon­strukt, im Ar­ran­ge­ment mo­dern und ei­ne ei­ge­ne Form aus ent­schlack­tem Rock’n’Roll und hyp­no­ti­scher Rhyth­mik. Mit da­bei sind Ou­zo Ba­zoo­ka, die Band des is­rae­li­schen Gi­tar­ris­ten Uri Brau­ner Kin­rot, und die­spie­len nach ei­ge­ner De­fi­ni­ti­on „Midd­le Eas­tern Psy­che­de­lic Rock“. (28.4. Im­port Ex­port)

Mat­t­hew Ma­til­da sind Gi­tar­rist und Sän­ger Mat­t­hew Aus­tin und Cel­lis­tin Ma­til­da und er­schafft durch ih­ren rau­en und doch sinn­li­chen Aus­druck ei­ne ein­zig­ar­ti­ge At­mo­sphä­re. Be­ein­flusst von Bob Dy­lan, Ni­na Si­mo­ne, tra­di­tio­nel­lem Folk und Blues brin­gen die zwei ei­ne lang ver­miss­te Fri­sche auf die Büh­ne, oh­ne da­bei Mat­t­hews Wur­zeln in der rau­en aber le­ben­di­gen Mu­sik­sze­ne von Man­ches­ter zu ver­ges­sen, was sich auch in den Tex­ten wie­der­spie­gelt. Sie ha­ben sich be­reits als Stra­ßen­mu­si­ker und bei di­ver­sen Ses­si­ons und Club­gigs ein ge­neig­tes Pu­bli­kum er­spielt, jetzt ver­öf­fent­li­chen sie ih­re ers­te ge­mein­sa­me EP. Sup­port: Teer & Fe­dern (28.4. Mil­la)

Ge­ra­de stand er noch bei „Ja, eh“ei­nem Thea­ter­abend mit Tex­ten von Ste­fa­nie Sarg­na­gel auf der Büh­ne in Wie­ner Ra­ben­hof Thea­ter, nun dreht Voo­doo Jür­gens mit sei­nem Wie­ner Schmäh bei uns auf. In der Tra­di­ti­on des neu­en, al­ten Wie­ner Lie­des, könn­te der mit bil­li­gem An­zug und di­cken Ket­ten aus­ge­stat­te­te Kli­schee-Striz­zi aus der Wie­ner Vor­stadt auch ei­nem frü­hen „Kot­tan“-Film ent­sprun­gen sein. „Wie­ner Lie­der­ma­cher mit Schram­mel­punk-Ver­gan­gen­heit“ti­telt die Pres­se, gro­ßen Spaß ver­spre­chen wir. Im Ge­päck hat er Wor­ried Man & Wor­ried Boy, das sind 50 Jah­re Mu­sik­ge­schich­te von Her­bert Ja­na­ta und Sohn Se­bas­ti­an, zwi­schen dem bis­si­gen Mun­d­art-Skiff­le des Va­ters und dem Dis­kurs-In­die-Pop der Band Ja, Pa­nik des Soh­nes. (29.4. Strom)

Der 1981 in Os­a­ka ge­bo­re­ne Miya­vi ist seit sei­nem Kar­rie­r­e­be­ginn für mu­si­ka­li­sche Über­ra­schun­gen gut: Mit 15 Jah­ren kauft er sich ei­ne Gi­tar­re, mit 17 ist er jüngs­tes Mit­glied der In­dieRock­band Due’le quartz. Als sich die­se im Sep­tem­ber 2002 auf­löst, be­ginnt er ei­ne Kar­rie­re als So­lo­künst­ler. Seit­dem ging es kon­stant berg­auf, in Ja­pan Su­per­star be­gann er nach Stu­di­um der Spra­che den ame­ri­ka­ni­schen Markt zu er­obern, nun un­ter­nimmt er hier­zu­lan­de ei­nen er­neu­ten An­lauf. Miya­vis Kon­zer­te sind hys­te­ri­sche Mes­sen für jun­ge Mäd­chen – und ein Fest für Gi­tar­ris­ten und Mu­sik­freaks. Was der groß­zü­gig tä­to­wier­te Sän­ger, ir­gend­wie ei­ne fern­öst­li­che Mi­schung aus Prin­ce und Bo­wie’s Zig­gy Star­dust, mit sei­ner Klamp­fe an­stellt, ist schwer zu be­schrei­ben. Ein Ver­such: Jim­my Pa­ge ver­sucht mit Fleas Bass­tech­nik ei­nen Song von Ra­ge Against The Ma­chi­ne für ein Skrillex-Al­bum ein­zu­spie­len. Am bes­ten schaut man sich das selbst ein­mal an, aber nicht ver­ges­sen: den Mund wie­der zu ma­chen. (1.5. Thea­ter­fa­brik)

Be­reits recht früh in ih­rer Kar­rie­re ha­ben Xiu Xiu Stra­te­gi­en ent­wi­ckelt, um nicht der Pop-Tod­sün­de Still­stand an­heim­zu­fal­len. Pau­sen­los pen­deln sie zwi­schen Ex­tre­men, so­wohl was die Gestal­tung ih­rer Songs als auch ih­rer Al­ben an­geht. Für je­den Wohl­klang gibt es ein ent­stell­tes Kräch­zen, für je­den har­schen Lärm­an­griff ein trös­ten­des Kunst­lied. Bei­na­he zwin­gend lo­gisch scheint al­so, dass auf den kom­pro­miss­los re­du­zier­ten Vor­gän­ger „An­gel Guts: Red Class­room“mit „For­get“ein Al­bum folgt, dass wie­der ver­mehrt In­ter­es­se an kon­ven­tio­nel­len Song­struk­tu­ren zeigt. Hier macht sich das Kol­lek­tiv aus San Jo­sé, USA dar­an neue We­ge zu fin­den und den „al­ten Af­fen Noi­se mit neu­er Ener­gie wei­ter­hin trag­bar zu ma­chen.“(2.5. Mil­la)

Sein Na­me wird na­tür­lich für im­mer mit Ma­ga­zi­ne und Nick Ca­ve & The Bad Seeds ver­bun­den blei­ben, den­noch ist Bar­ry Adam­son be­reits seit En­de der 1980er Jah­re ein eben­so pro­duk­ti­ver wie ge­schätz­ter So­lo­künst­ler. Sei­ne ers­te EP na­mens „The Man With The Gol­den Arm“ver­öf­fent­lich­te er auf dem le­gen­dä­ren La­bel Mu­te Re­cor­ds, mitt­ler­wei­le hat er ein er­staun­lich rei­ches wie fa­cet­ten­rei­ches Oeu­vre vor­zu­wei­sen, das in die­sem Jahr um das Al­bum „Know Whe­re To Run“er­wei­tert wur­de. Auch hier kommt wie­der vie­les zu­sam­men, was sei­ne Kar­rie­re be­ein­flusst hat: Hin und wie­der blitzt die Ag­gres­si­on des

Post-Punks auf, oft je­doch schwelgt er in ei­nem jaz­zi­gen Film Noir-Sound­track. (2.5. Fei­er­werk Kr­an­hal­le)

Es war kein gut ge­hü­te­tes Ge­heim­nis, dass der Ber­li­ner Schau­spie­ler Tom Schil­ling tat­säch­lich schon seit vie­len Jah­ren sei­ne ei­ge­nen Lie­der kom­po­niert und schreibt. Doch es be­durf­te erst der Be­kannt­schaft mit den Jazz Kids (ein Hau­fen Top-Mu­si­ker, die ex­tra vom Re­gis­seur Jan-Ole Gers­ter für des­sen Sound­track zu „Oh Boy“zu­sam­men ge­wür­felt wur­den und da­mit den Deut­schen Film­preis für die bes­te Film­mu­sik ge­wan­nen) um mit eben die­sen Lie­dern ans Licht der Öf­fent­lich­keit zu tre­ten. Auf dem jetzt er­schie­nen De­büt­al­bum „Vil­ni­us“führt ein di­rek­ter Weg von Kurt Weill zu Hil­de­gard Knef und von Tom Waits zu Nick Ca­ve. Das er­in­nert in In­stru­men­tie­rung, Spra­che und Ge­sang na­tür­lich schwer an Ele­ment Of Cri­me, oh­ne Sven Re­ge­ner und sei­ne Man­nen ein­fach nur nach­zu­ma­chen. (7.5. Strom)

Künst­ler, die Hass und Aus­gren­zung er­fah­ren ha­ben und die des­halb aus ih­rer Hei­mat flüch­ten muss­ten – auch der Gi­tar­ren­vir­tuo­se und Sän­ger Bom­bi­no aus dem Ni­ger setzt nach all dem Lei­den und der Wut auf Ver­söh­nung. Ne­ben Ti­na­ri­wen und Ta­mi­k­rest ge­hört er zu je­nen Künst­lern, die für ei­nen klei­nen Hy­pe um die Mu­sik der Tua­reg ge­sorgt ha­ben, ver­bin­det sei­ne Mu­sik­tra­di­ti­on je­doch mehr mit west­li­chen Blues- und Rock-Ele­men­ten. Für „No­mad“aus dem Jahr 2013 ar­bei­te­te er mit Dan Au­er­bach von den Black Keys zu­sam­men, sein ak­tu­el­les Werk „Azel“ent­stand in Kol­la­bo­ra­ti­on mit Da­ve Long­s­treth von den Dir­ty Pro­jec­tors. Wer sich das nicht so ganz vor­stel­len kann, dem sei emp­foh­len, sich ein­fach mal Bom­bi­nos auf­put­schen­den Mix aus Tua­reg-Mu­sik, Blues und Ta­mas­heq-Poe­sie an­zu­hö­ren. (9.5. Strom

Ob Po­li­ti­ker, Mu­si­ker­kol­le­gen oder Ma­na­ger: Auf dem neu­en Al­bum „Eng­lish Ta­pas“der Sle­a­ford Mods setzt es Hie­be für Dumm­heit, Skru­pel­lo­sig­keit und Kor­rup­ti­on. Das ge­hen Ja­son Wil­li­am­son und And­rew Fe­arn wie ge­wohnt mit bis­si­gen Tex­ten, ag­gres­si­vem Sprech­ge­sang und mi­ni­ma­lis­ti­schen Beats an. Wil­li­am­son be­schäf­tigt sich hier nicht mit ku­li­na­ri­schen Häpp­chen, son­dern mit dem Sys­tem, das da­hin­ter steckt: mit der Schein­welt des gu­ten Le­bens, dem Fuck-Ka­pi­ta­lis­mus, dem Scheiß-Job und der de­pri­mie­ren­den Ge­sell­schaft. Wort­akro­bat Ja­son haut sei­ne Ge­dan­ken und Pa­ro­len wie­der im hef­ti­gen Mid­land-Slang raus und nach den Pö­bel-Hym­nen wie „Job­see­ker“und „Jol­ly F*cker“setzt „Eng­lish Ta­pas“noch ein­mal ei­nen drauf. (10.5. Frei­heiz)

Wie­ner Blut mit Lärm: KREIS­KY

Zig­gy Prin­ce aus Ja­pan: MIYA­VI

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