Na­tur, Kul­tur und der Mensch

An­fän­ge, Büh­nen­kunst, Land­schafts­ar­chi­tek­tur, Mi­ni­ma­lis­mus und ge­sell­schaft­li­che Fo­to­ana­ly­sen

In München - - INHALT - Bar­ba­ra Tei­chel­mann

Al­ler An­fang ist schwer. Weil man noch nicht so rich­tig weiß, wie und was über­haupt geht und so lan­ge rum­pro­biert, bis man es her­aus hat oder kei­ne Lust mehr. Was aber doch viel wich­ti­ger ist: Je­dem An­fang wohnt ein Zau­ber in­ne. Nicht et­wa, weil das Her­mann Hes­se ge­dich­tet hat, son­dern weil es stimmt. Wer an­fängt, dem lie­gen al­le Mög­lich­kei­ten zu Fü­ßen und ru­fen: „Nimm mich!“„Nein mich!“Theo­re­tisch zu­min­dest. Es ist noch nichts ent­schie­den und al­les kann wer­den. So ähn­lich geht es wohl ge­ra­de Ma­xi­mi­li­an Bay­er, Leo­nie Fel­le, Mat­thi­as Glas, Ham­mann von Mier, Fu­mie Ogu­ra, Pau­la Le­al Ol­lo­qui und Mal­te Wan­del. Zum mitt­ler­wei­le 36. Mal prä­sen­tiert der Be­rufs­ver­band Bil­den­der Künst­ler Mün­chen und Ober­bay­ern Ar­bei­ten von Aka­de­mie-Ab­sol­ven­ten, die noch nicht auf­ge­hört ha­ben an­zu­fan­gen und da­bei sind, sich auf dem Markt zu eta­blie­ren. Und da hilft na­tür­lich Öf­fent­lich­keit. Die ers­ten Jah­re der Pro­fes­sio­na­li­tät 36 (26. April bis 21. Mai, Ka­ta­log) heißt die Aus­stel­lung in der Ga­le­rie der Künst­ler, die die­se sie­ben sehr ver­schie­de­nen An­sät­ze mit­ein­an­der in Dia­log bringt und da­mit auch ei­nen klei­nen Über­blick in die jun­ge Kunst­sze­ne in und um Mün­chen wagt. Al­so hin­ge­hen und sich den Zau­ber an­schau­en.

Und schon müs­sen wir uns be­ei­len, es ist ein­fach zu viel los. Des­halb gleich rü­ber in den Hof­gar­ten ins Deut­sche Thea­ter­mu­se­um. Dort ver­beugt man sich vor ei­nem gro­ßen Büh­nen­le­ben. Hin­ter den Wor­ten – Die Schau­spie­le­rin Gi­se­la St­ein (26. April bis 15. Ok­to­ber, Ka­ta­log) er­in­nert mit Fo­tos, Ko­s­tü­men und Film­aus­schnit­ten an die­se be­son­de­re Frau, die sehr früh wuss­te, dass sie spie­len will und das dann auch ein Le­ben lang ge­tan hat. Sie spiel­te in Ko­blenz, in Krefeld, dann 19 Jah­re lang an den Staat­li­chen Schau­spiel­büh­nen in Ber­lin, wech­sel­te 1980 an die Münch­ner Kam­mer­spie­le zu Die­ter Dorn und zog dann 2001 mit ihm wei­ter an das Baye­ri­sche Staats­schau­spiel. Vor acht Jah­ren starb sie mit 74. Wer das Glück hat­te, sie auf der Büh­ne zu se­hen, der ver­steht, wie wun­der­schön und tref­fend der Thea­ter­kri­ti­ker Chris­to­pher Schmidt sei­nen Nach­ruf be­ti­telt hat: „Ein Kör­per aus den­ken­den Glie­dern“. Wer sie nicht spie­len hat se­hen, der kann das jetzt nach­ho­len. Ein biss­chen zu­min­dest.

Wei­ter, wei­ter! In die Pi­na­ko­thek der Mo­der­ne, wo uns das Ar­chi­tek­tur­mu­se­um der TU Mün­chen pas­send zum Früh­ling ins Grü­ne lockt, um un­se­ren Blick zu wei­ten. Draus­sen|Out The­re. Land­schafts­ar­chi­tek­tur auf glo­ba­lem Ter­rain (Ver­nis­sa­ge am Mitt­woch, 26. April um 19 Uhr, 27. April bis 20. Au­gust, Ka­ta­log). Ah, es geht al­so um die Har­mo­ni­sie­rung zwi­schen glo­bal wach­sen­den Städ­ten und un­be­rühr­ter Na­tur? Das ist zu­min­dest die öf­fent­li­che Vor­stel­lung zum The­ma Land­schafts­ar­chi­tek­tur. Mit der Rea­li­tät hat das aber nur we­nig zu tun. Da es heu­te kein Fleck­chen Er­de mehr gibt, das nicht von den Aus­wir­kun­gen der Ur­ba­ni­sie­rung, der Aus­beu­tung fos­si­ler Brenn­stof­fe, der wach­sen­den Mo­bi­li­tät und Mi­gra­ti­on be­trof­fen ist, müs­sen Be­grif­fe wie „Na­tur“neu ge­dacht und de­fi­niert wer­den. Wie das aus­se­hen kann, zei­gen zehn Fall­bei­spie­le. Es geht um das kon­kre­te Zu­sam­men­wir­ken und die sys­te­mi­sche Ab­hän­gig­keit von Stadt und Um­land, von Was­ser­kreis­läu­fen und den lo­ka­len und glo­ba­len Be­din­gun­gen. Es geht dar­um, die ver­än­der­ten Kon­zep­te und Stra­te­gi­en der Land­schafts­ar­chi­tek­tur sicht­bar zu ma­chen und ih­re Be­deu­tung für die Zu­kunft auf­zu­zei­gen.

Auch ein biss­chen in der Land­schaft liegt die Samm­lung Goetz. Das ist na­tür­lich frech, aber ver­gli­chen mit der pi­na­ko­thek­schen Stadt­in­nen­la­ge kann man das schon mal so be­haup­ten. Schöns­tes Ober­föh­ring halt, kann man gut hin ra­deln nord­wärts die Isar ent­lang. Und das soll­te man wirk­lich mal ma­chen, denn am 4. Mai star­ten gibt es ei­ni­ges zu se­hen: die Mi­ni­mal-Art-Aus­stel­lung Far­bRaumKör­per und die In­ter­ven­ti­on Ger­wald Ro­cken­schaub. re-ent­ry (third ear edit) (bei­de bis 14. Ok­to­ber, Ka­ta­log). Ganz an­ders als sei­ne Mi­ni­mal-Kol­le­gen hat der ös­ter­rei­chi­sche Künst­ler und DJ Ro­cken­schaub (geb. 1952) kei­ne Angst vor Po­pu­lär­kul­tur. Von An­fang an cross-over­te er mun­ter Kunst, De­sign, Me­di­en und All­tags­welt und er­schuf so sei­nen ei­ge­nen fun­ky Style. Mit die­sem knüpft er in der Samm­lung Goetz räum­lich an „Far­bRaumKör­per“an, wo vier Künst­ler Gestal­tungs­spiel­räu­me un­ge­gen­ständ­li­cher Kunst er­for­schen. Gott­hard Graub­ner, Imi Knoe­bel, Blin­ky Pa­ler­mo und Rei­ner Ru­then­beck ver­bin­det die Düs­sel­dor­fer Aka­de­mie und der Auf­bruchs­geist der 1960er- und 1970er-Jah­re. Dass in der Samm­lung Goetz viel Mi­ni­ma­lis­ti­sches ver­tre­ten ist, da­von konn­te man sich be­reits 2013 in der Aus­stel­lung „When now is mi­ni­mal“über­zeu­gen. „Far­bKör­perRaum“legt jetzt nach und stellt mit 70 Ar­bei­ten ei­nen wei­te­ren Aspekt aus dem Goetz­schen Fun­dus vor.

Jetzt aber schnell ins Haus der Kunst. Mit rund 130 Wer­ken, zwei Mehr­ka­nalVi­deo­in­stal­la­tio­nen plus Ar­chiv­ma­te­ri­al, lie­fert die Aus­stel­lung Thomas St­ruth – Fi­gu­re Ground (Ver­nis­sa­ge am Don­ners­tag, 4. Mai ab 19 Uhr, 5. Mai bis 17. Sep­tem­ber, Ka­ta­log) den bis­lang voll­stän­digs­ten Über­blick über das Werk des deut­schen Fo­to­gra­fen, der En­de der 1970er Jah­re in Düs­sel­dorf bei Bernd Be­cher stu­dier­te. Von sei­ner ers­ten Se­rie „Un­be­wuss­te Or­te“(1987) bis zu ak­tu­el­len Ar­bei­ten, die sich mit Wis­sen­schaft und Technologie in un­se­rer glo­ba­li­sier­ten Welt be­fas­sen –im Mit­tel­punkt steht im­mer das ge­sell­schaft­li­che In­ter­es­se, St­ruths wich­tigs­te Trieb­kraft. Sei­ne The­men: die Re­le­vanz des öf­fent­li­chen Raums, Trans­for­ma­ti­on der Groß­stadt, so­zia­ler Zu­sam­men­halt durch fa­mi­liä­re So­li­da­ri­tät, die Be­zie­hung zwi­schen Na­tur und Kul­tur und die Gren­zen und Chan­cen neu­er Tech­no­lo­gi­en.

Stadt und Fluss oh­ne Land mit­ten in São Pau­lo: Wie ver­än­dern sich die Auf­ga­ben der Land­schafts­ar­chi­tek­tur in un­se­rer glo­ba­len Welt?

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